Nr. 288
18. April 1947

Der „Telegraf“ (Westberlin): „Seltsame Wege des ‚Honorarprofessors’ Rudolf Paul“

Abschrift von Abschrift 1
P r e s s e
„ T e l e g r a f“
Berlin, 18. April 1947
Seltsame Wege des „Honorarprofessors“ Dr. P a u l

Die Tage des seit einigen Tagen „schwer erkrankten“ Landespräsidenten von Thüringen, Dr. Paul, scheinen endgültig gezählt zu sein. Sein baldiger Rücktritt aus „gesundheitlichen“ Gründen wird in allernächster Zeit erwartet.
Nach der Wahl im vergangenen Herbst, die eine Stärkung der bürgerlichen Parteien mit sich brachte, wurde die Position des selbstherrlichen Landesvaters zum erstenmal erschüttert. Unhaltbar wurde sie, als sich die Fraktion[en] des Landtages, einschliesslich der SED, gegen die Regierungsmethode Dr. Pauls wandten. Eine termingemäss rechtzeitig einsetzende Krankheit veranlasste darauf den Landespräsidenten, seine Geschäfte einem Stellvertreter zu übergeben, um sich auf seine Besitzungen bei Gera zurückzuziehen. In das Zimmer des von General Eisenhower ernannten Regierungspräsidenten von Thüringen, Dr. Brill, Mitglied der SPD, trat am 16. Juli 1945, kurz nach dem Abzug der Amerikaner, ein untersetzter, selbstbewusster Herr ein und erklärte kategorisch: „Ich bin der neue Landespräsident von Thüringen. Ihre Tätigkeit ist beendet!“ 2 Dieselbe Überraschung wie Dr. Brill erlebten die vier Vertreter der antifaschistischen Parteien, welche einen Kandidaten ihrer Partei für den Posten des in Ungnade gefallenen Landespräsidenten Dr. Brill nennen und vorschlagen wollten. Nachdem die Herren Fraktionsvertreter mehrere Stunden gewartet hatten, wurde ihnen bedeutet, dass man noch auf den Oberbürgermeister von Gera warte.Nach einer geraumen Zeitspanne traf derselbe dann ein und wurde den erstaunten Parteiführern mit den Worten präsentierte: „Ich darf Ihnen den bisherigen Oberbürgermeister von Gera, Dr. Paul, als den neuen Landespräsidenten von Thüringen vorstellen.Im Weimarer Fürstenhaus, dem Sitz der Regierung, zog von diesem Tage ab ein „neuer“ Geist ein. Von der Präsidialkanzlei bis in die untersten Dienststellen wurden am laufenden Band personelle Änderungen vorgenommen, während in den Korridoren gutuniformierte Polizeibeamte[n] zum „Schutz“ des neuen Herrn aufzogen. Seit diesem Tage hat man Dr. Paul nie ohne Begleitung von wenigstens zwei Schutzpolizisten in der Öffentlichkeit gesehen. Dieser Vorliebe zur Uniform verdankt Thüringen auch seine Entwicklung zum geordneten „Polizeistaat“. Dr. Paul, welcher noch in der vornazistischen Zeit erster Bezirksleiter der Demokratischen Partei Ostthüringens war, erklärte sich schon bald als „parteilos“, bis er am 6. April 1946 auf dem Vereinigungsparteitag in Gotha sich die Mitgliedsnummer 1 der neugegründeten Einheitspartei Deutschlands (SED) geben liess. 3 Im verflossenen Wahlkampf legte er in der Öffentlichkeit dar, warum er Mitglied der SED geworden ist: „Ich bejahe den Zusammenschluss der Werktätigen in einer grossen Partei, der SED, da nur sie in ihrer Einmütigkeit und Grösse in der Lage ist, eine Wiederholung der Reaktion zu verhindern.“ Dr. Rudolf Paul, der im Weltkrieg 1914/18 Infanterie- und Fliegeroffizier gewesen war, trat 1923 zum erstenmal in die politische Öffentlichkeit, da er als Staatsanwalt Thüringens die Niederschlagung des Nationalsozialismus bewerkstelligte. Im Herbst desselben Jahres kam es zwischen ihm und der Schwarzen Reichswehr zu ausserordentlich scharfen Zusammenstössen, als Dr. Paul damals alle von der Reichswehr verhafteten Funktionäre der SPD und KPD aus dem Gerichtsgefängnis entliess. 4 Da er für diesen Schritt keine Deckung der Landes- und Reichsregierung erhielt, schied er aus dem Staatsdienst aus und wurde freier Rechtsanwalt. Als die Nazisten 1933 in Deutschland die Machtbefugnisse übernahmen, wurde ihm, der mit einer Volljüdin (Lilly Biermann) verheiratet war, das Notariat und die Anwaltschaft entzogen und er von der Gestapo solange verfolgt, bis er sich von seiner Frau, die später in die Emigration ging, 5 scheiden liess. Dr. Paul lebte dann in völliger Zurückgezogenheit, wie er so gern betont, als „erster Knecht seines bescheidenen Bauernhofes“, bis er nach dem Zusammenbruch 1945 und dem Einmarsch der Alliierten von der amerikanischen Militärregierung zum Oberbürgermeister von Gera berufen wurde. 6 Beim Abmarsch 7 der Amerikaner und der Inbesitznahme Thüringens durch die Russen erliess Dr. Paul einen zündenden Aufruf an die Geraer Bevölkerung, in dem er aufforderte, die russischen Streitkräfte als die „Befreier“ festlich und begeistert zu empfangen. Gera glich an diesem Tage einem roten Girlanden- und Fahnenmeer, und als Generaloberst Tschuikow an der Spitze seiner Kampftruppen in der ostthüringischen Industriestadt einzog, ritt er über einen Teppich von Blumen, welchen die begeisterten Geraer auf Wunsch ihres Oberbürgermeister ausgestreut hatten. 8 Getrieben von seiner ehrgeizigen zweiten Frau, schob sich Dr. Paul immer mehr und mehr in das Licht des politischen Geschehens. Mit einem ungeheuren Aufwand von Repräsentation, zu denen wir auch die häufigen Staatsbesuche jenseits des „Eisernen Vorhanges“ rechnen, 9 steuerte er nach Ansicht der Thüringer Bevölkerung auf das hohe Ziel zu, Präsident des neuen deutschen Bundesstaates zu werden. „Förderer von Kunst und Wissenschaft“, liess er sich am 16. Oktober 1945 zum Protektor der Friedrich-Schiller-Universität in Jena ernennen, 10 dem nun vor einiger Zeit die Promovierung zum „Honorarprofessor“ folgte. 11 Professor Dr. Paul ist von einer persönlichen mimosenhaften Empfindlichkeit. Als die „Thüringische Landeszeitung“ ein Bild des neuernannten Landespräsidenten zur Veröffentlichung erhielt, wurde ih8rem Redakteur bedeutet, der Herr Präsident wünsche, dass seine etwas schief geratene Nase retuschiert und geradegesetzt würde. Diese persönliche Eitelkeit liess ihn mitunter stark über das Ziel hinausschiessen. Der nach Weimar verpflichtete Leiter des Leipziger Gewandhaus-Orchesters, Professor Dr. Abendroth, 12 wurde zum „Staatsrat“ und der Leibsänger Fritz S a u c k e l s, der Pg Opernsänger Paul, wurde im Anschluss an eine interne Festlichkeit im Hotel „Kaiserin Augusta“ am 27. Januar zum „Kammer“-Sänger ernannt. Dr. Paul hat es verstanden, die Stellung eines Landespräsidenten auch für seinen persönlichen Vorteil auszunutzen. Er besitzt ausser seiner grossen Dienstwohnung in Weimar seine Privatwohnung in Gera und seinen eingangs erwähnten kleinen Bauernhof. Dazu bekam er im Frühjahr 1946 aus der Bodenreform das der ehemaligen Gattin des deutschen Kaisers, Hermine, gehörende Gut Burgk (Saale), 13 dessen 1 000 Morgen abgabe- und steuerfrei auf Lebenszeit sind. Eine eigenartige Auffassung der Bodenreform. Die Thüringer Fraktionen sind inzwischen eifrig dabei, eine Wiederkehr de[s] „kleine[n] Diktatoren in der Westentasche“, wie der Landesvater in Thüringen allgemein genannt wird, zu verhindern; der Kampf um die Neubesetzung des Ministerpräsidentenpostens hat inzwischen hinter den Kulissen eifrig begonnen. Die Affäre: Landespräsident, Honorarprofessor Dr. Paul ist in Thüringen endgültig ad acta gelegt worden.

Quelle: Telegraf, 18.4.1947 (Abschrift in: Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abt. 508, Nr. 4575, Bl. 148r-150r).

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