Nr. 286a
1. April 1947

Zur „Aktivierung der Intelligenz“ und zur Politik des Volksbildungsministers Walter Wolf


Weimar, den 2.IV.1947
WB/vT.

A k t e n v e r m e r k

Betrifft :
Besprechung bei Generalmajor Kolesnitschenko am 1.4.47.Anwesend: Der Abteilungsleiter für Finanzen in der SMA, Herr J e d e m s k y, Minister Eggerath, Minister M o o g und Minister Dr. A p p e l l, gedolmetscht Frau Bauer.
[…]
VIII. Aktivierung der Intelligenz G. M. Kolesnitschenko führt in einer längeren Unterhaltung in Bezug auf die Intelligenz Deutschlands folgendes aus:„In Deutschland haben wir eine sehr grosse Schicht Intelligenz und es wäre grundfalsch, wenn man diese breite Schicht, die einen grossen Einfluss auf die gesamte Bevölkerung hat, abstossen würde. Wir können nicht in einer so kurzen Zeit, wie 2 oder 3 Jahre, eine neue demokratische Intelligenz schaffen. Deswegen müssen wir die alte Intelligenz, die sehr oft noch keine demokratische Einstellung hat, doch zur Mitarbeit heranziehen. Es ist grundfalsch, wenn Mitglieder der SED die Intelligenz ablehnen. Es wäre der grösste Fehler, wenn man sich heute, sei es von der Partei oder von der Regierung, nur auf die Arbeiter und Bauern stützen würde. Dadurch kann man mehr verlieren als gewinnen. Ich möchte hier auf die Organisation der Tagung des Kulturbundes hinweisen, die so schlecht klappte, dass man sich darüber schämen muss. Ich glaube nicht, dass wir unter der Intelligenz keine Organisatoren in solchen Fragen haben. Ich glaube, hier liegt der Fehler viel tiefer. Wir stossen die Intelligenz ab und das darf in Zukunft nicht mehr geschehen. Von unserer Seite aus geschieht alles, um die Intelligenz an uns heranzuziehen. In letzter Zeit wurden die Gehälter guter Professoren und Kulturarbeiter erhöht. Wir versuchen, sie materiell besser zu stellen, doch was geschieht von Seiten der deutschen Regierung? Ich möchte auf einen kleinen Fall hinweisen: Vor Monaten beauftragte ich Prof. Zucker, Rektor der Universität Jena, mir eine Liste der Professoren zuzuschicken, die sich besonders bewährt haben, um diesen eine materielle Unterstützung zu geben. Dieses war – betone ich nochmals – vor Monaten. Vor 3 Tagen war Prof. Zucker bei mir, und ich fragte ihn, wo denn die Liste geblieben sei. Da bekam ich zur Antwort, dass Prof. Zucker diese vor mindestens 6-8 Wochen beim Volksbildungsministerium eingereicht hätte. Und heute habe ich selbst aus diesem Ministerium mir die Liste bringen lassen. Dieses kleine Beispiel müsste genügen, um zu sehen, wie sich die deutsche Verwaltung zu der Frage der Intelligenz stellt.“Bei diesen Ausführungen wies G.M. Kolesnitschenko auch auf die Arbeit des Herrn Minister Dr. Wolf hin und brachte zum Ausdruck, dass dieser in seiner ganzen Arbeit, da er ja ausschliesslich mit der Intelligenz zu arbeiten habe, eine völlig andere Linie einschlagen müsse. Wir können heute die Kulturkräfte nicht ignorieren, im Gegenteil, wir müssen versuchen, so viel wie möglich heranzuziehen.[…]

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 514, Bl. 123r-128r, hier Bl. 126r, 127r (ms. Ausfertigung).