Nr. 283e
27. März 1947


Kommentar des Westberliner „Telegraf“

Präsidentenwechsel in Thüringen?


Die Anzeichen für einen baldigen Ministerpräsidentenwechsel in Thüringen nehmen, wie der „Telegraf“ aus Weimar erfährt, in der letzten Zeit immer konkretere Formen an. Bekanntlich erkrankte nach heftigen Polemiken mit dem neugewählten Landtag der ehemalige Landes- und jetzige Ministerpräsident Dr. Paul so ernstlich, dass er sich auf seine Besitzungen in der Nähe von Gera zurückziehen musste. Es ist in Thüringen ein offenes Geheimnis, dass dem sehr selbstherrlichen Landespräsidenten damals die Übergabe der Machtbefugnisse an den Landtag sehr schwer gefallen ist. Die neugewählten Abgeordneten haben die eigenwillige Regierungstaktik Dr. Pauls nicht vergessen und sich durchweg mit seiner ersten Regierungserklärung nicht einverstanden erklärt. Dagegen erfreut er sich besonderer Unterstützung. Der Chef der SMA, Garde-General Kolesnitschenko besuchte ihn am Krankenbett.
Inzwischen ist die Debatte um die Nachfolgerschaft in ein neues Stadium getreten. Der thüringische Innenminister Busse, der als aussichtsreicher Kandidat galt, ist inzwischen von seiner Partei, der SED, etwas auf Eis gelegt worden. Minister Appell, 1 der in Abwesenheit des Ministerpräsidenten die Geschäfte wahrnahm, wird nun nach einem Beschluss des Thüringischen Landtages durch den Landesvorsitzenden der SED, Werner Eggerath, abgelöst, der die Parteiführung in andere Hände legen will. Damit dürften sich die Gerüchte erledigt haben, die den 2. Vorsitzenden der Liberaldemokraten, den Landesbankdirektor Dr. Gärtner als den künftigen thüringischen Ministerpräsidenten bezeichneten. Die SED wird sich den Machtanspruch im Lande durch persönliche Gründe nicht nehmen lassen. Das Spiel um den Präsidentensessel steht 1 : 0 für die Einheitspartei und den radikalen Werner Eggerath. ha.

Quelle: Telegraf, 27.3.1947, Zeitungsausschnitt in: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 271/31.

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