Nr. 280e
9. Mai 1947

Artikel „Volksvergiftung“ des „Abendpost“-Herausgebers Carl-Herbert Kramer gegen das „Verleumdertum“


Volksvergiftung

E.-H. K Wir leben in außergewöhnlichen Zeiten, die kein Beispiel in der Geschichte haben. Der Niederbruch unseres Volkes und die politische Ausschaltung einer unerhört großen Zahl von Menschen, die einer Weltanschauung huldigten, die durch den Lauf der Geschichte in Verfemung fiel, stellt einmalige Aufgaben.

So war es unausbleiblich, daß noch im brodelnden Chaos des Niederganges, als neue Männer für die Uebernahme der Verantwortung des ersten Aufbaues dringend benötigt wurden, nicht in jedem Falle die Wahl auf die richtige und geeignete Persönlichkeit fallen konnte. Das sind Irrtümer und Fehler, die auf s a c h l i c h e m, geradem, aufrichtigem Wege, und in r e c h t l i c h e r, o f f e n e r Form ausgeglichen und beseitigt werden müssen. Die zunehmende Konsolidierung unserer Verhältnisse wird es im Sinne dieser natürlichen Entwicklung mit sich bringen, daß der eine oder andere, der an verantwortlicher Stelle stand, das Feld räumen muß, um einem Menschen Platz zu machen, der die erforderliche Eignung aufweist.

Abseits von diesem entwicklungsbedingten und deshalb natürlichen Reinigungs- und Vervollkommungsprozeß aber hat sich in unser Leben eine üble Krankheit eingeschlichen, die als ein gefährliches Geschwür den gesamten Organismus unseres Volkes zu vergiften droht: Es ist das Verleumdertum!

Es scheint dringendst an der Zeit zu sein, gegen diese Krankheit energische Maßnahmen zu ergreifen. Angesichts des Intensitätsgrades, mit dem 1 sich dieses Geschwür bereits in dem Volkskörper eingenistet hat, muß es fraglich erscheinen, ob hier noch etwas mit einer langsam wirkenden Heilkur zu erreichen ist. Vielmehr müßte erwogen werden, allenfalls durch einen operativen Schnitt, selbst wenn er nicht ohne Schmerzen und zeitweilige Hemmungen möglich wäre, den Krankheitsherd auszumerzen.

Und warum? Es häufen sich wie in ganz Deutschland auch in Thüringen in letzter Zeit die Beispiele schlimmster Verleumdung, 2 die Hand in Hand geht mit einer üblen Pressekampagne in auswärtigen Blättern. Die Lebenspraxis hat auf diese „Verleumderpraxis“ bereits mit der Bildung von gewissen Spezialausdrücken reagiert, zu denen u. a. die Ausdrucksweise „Es wird auf den und den geschlossen“, gehört.

Es weisen bestimmte Anzeichen darauf hin, daß bei diesere großangelegten Verleumdung ein ganz bestimmtes System befolgt wird. Es wird nach wohlüberlegtem Plan gegen Minister, führende Verwaltungsmänner, größere und kleinere Experten des öffentlichen Lebens „geschossen“.

Wohlgemerkt: Wenn gegen solche Persönlichkeiten in sachlicher Weise Tatsachen geltend gemacht werden, die nicht mit ihrer Tätigkeit in Einklang gebracht werden können, dann soll dies im Sinne eines wahren demokratischen Aufbaus rechtens sein. Wie aber sieht die Praxis der Verleumder aus? Sie befolgen das leichteste und verwerflichste Rezept, das zugleich jenes ist, welches durch das Volksempfiinden nur mit dem Ausdruck des höchsten Abscheus gebrandmarkt wird. Es heißt: „Wirf nur immerzu mit Dreck, verlasse dich nicht immer auf die Wahrheit, gründe deine Anschuldigungen auf Gerüchte und Lüge – etwas wird schon hängen bleiben!!!!“

Und es gehört zu dem schmutzigen Beruf der Verleumder, ihre Arbeitskraft nicht etwa dem realen Aufbau zur Verfügung zu stellen, sondern in endlosem, zeitraubendem „Bemühen“ unscheinbare Stäubchen zu sammeln, wenn sie überhaupt vorhanden sind, um damit das Bild eines Menschen zu trüben. Und wenn diese Stäubchen nicht ausreichen sollten, dann gehen sie dazu über, Tatsachen zu verdrehen, zu entstellen oder gar Dinge zu erlügen.

Die Folge: Riesenhafter Aufwand und beispiellose Anstrengungen, um dieses Netz von Verleumdungen durch, wenn erbringbare, dann mühseligst beigebrachte Beweise Stück um Stück zu zerstören. Das Selbstbewußtsein gewisser Verleumder ist sogar soweit gewachsen, daß sie glauben, das Mitgliedsbuch einer Partei als Freibrief für ihr schändliches Treiben zu betrachten.

Diese „Gewissensberuhigung“ der Verleumder muß ein für allemal zunichte gemacht werden mit allen Mitteln des Rechts, die zur Verfügung stehen. Denn die Folge der systematischen Verleumdung ist nicht allein die Entziehung von politisch und fachlich einwandfreien Persönlichkeiten für den Wiederaufbau, die wahrlich heute nicht allzu dicht gesät sind. Sie sind 3 auch von vernichtender Wirkung auf die moralische Verfassung unseres Volkes. Die Rechtssicherheit wird zielbewußt untergraben, wenn einer nach dem anderen wehrlos als Zielscheibe der Verleumder benutzt, vor der Öffentlichkeit diskreditiert werden kann. Es ist wahrlich an der Zeit, dieser beginnenden Vergiftung unseres öffentlichen Lebens entgegenzutreten.

Die Triebfedern der Verleumder sind hinlänglich bekannt. Es geht ihnen oftmals nicht um materiellen Nutzen. Ihr Ziel ist nur die Destruktion und planmäßige Zersetzung des öffentlichen Lebens. Diese Einstellung aber muß als zutiefst schädlich für jedes Aufbaubemühen betrachtet und deshalb radikal beseitigt werden.

In einer Zeit, da wir das Verleumdertum aus der Nazizeit mit aller Schärfe verfolgen und verurteilen, in der für lebensnotwendige Arbeiten Kräfte in großer Zahl gebraucht werden, scheint es dringend und erforderlich, daß die Gerichte einer neuen Verleumdungsseuche mit exemplarischen Strafen zu Leibe gehen und diejenigen Menschen, die in der Verleumdung Beruf und Lebensinhalt sehen, einer nutzbringenden Arbeit im Interesse der Allgemeinheit zuzuführen. Vergessen wir nicht, daß das Verleumdertum zu einer der systematischen Entartungserscheinungen gehörte, die dem Nazisystem eigen waren, und hüten wir uns in allem Ernst, Maßnahmen zu versäumen, die dem Wiedererstehen dieses Uebels Einhalt gebieten.


Quelle: Abendpost, 9.5.1947

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