Nr. 280d
8. Mai 1947

Schreiben von Hans Staas an Ministerpräsident Rudolf Paul über seine Krankheit und den „Telegraf“-Artikel


Hans Staas
Sanatorium Agra b. Lugano, den 8.5.1947StaatssekretärKanton Tessin – Schweiz –

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident!
Obwohl ich überzeugt bin, dass Sie meine ersten beiden Briefe infolge derer verspäteter Absendung bisher noch nicht erhalten haben, möchte ich heute erneut an Sie schreiben. Ich werde hierzu dadurch ermutigt, dass Sie, einer Nachricht meiner Frau zufolge, laut einer Pressenotiz sich auf dem Wege der Besserung befinden. Ich darf also annehmen, dass Sie Nachrichten und Briefe wieder entgegennehmen können, und dass Ihr Gesundheitszustand es Ihnen vielleicht auch erlaubt zu antworten.Es ist mir eine grosse Freude und Beruhigung, dass es nach so langer Zeit mit Ihrer Gesundheit endlich wieder besser geht. Ich war ja während der ersten fünfzig Tage meines Aufenthaltes in der Schweiz ohne jede Nachricht aus Thüringen und erfuhr darum von Ihrer erneuten schweren Erkrankung erst relativ spät. Inzwischen aber bin ich von meiner Frau über alles das unterrichtet worden, was sie den Zeitungsnotizen entnehmen konnte und ich habe so auch von dem Communiqué gehört, dass Drechsler und Gröbe über Sie herausgegeben haben. Gewiss wird vor allem auch Ihrer verehrten Frau Gemahlin eine grosse Sorge genommen worden sein, wenn sie Sie jetzt über den Berg weiss. – Durch die Besserung Ihrer Gesundheit fühle ich mich ermutigt, mich in eigener Sache heute an Sie zu wenden.Ich erhielt in den letzten Tagen zwei Briefe, deren Inhalt für mich Grund zur Besorgnis bildet. Der erste kam von dem Vizepräsidenten der deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung Erich Weinert, der gegenwärtig zu einer Kur in Davos weilt. Er deutete an, der „Telegraph“ in Berlin habe nach meiner „Flucht“ in die Schweiz mir eine Skandalgeschichte angehängt, von der ich wohl wüsste. Der zweite Brief stammt von meiner Frau, die nur zwischen den Zeilen Andeutungen macht, die aber erkennen lassen, dass sie selbst viel Kummer und Ärger gehabt hat. Insbesondere meint meine Frau mir mitteilen zu müssen, dass sie es aus Prestigegründen wegen dieser Sache für angezeigt hielte, dass ich von einer Verlängerung meiner Kur absehe.Diese beiden aus verschiedenen Quellen stammenden Nachrichten veranlassen mich nun, sehr geehrter Herr Ministerpräsident, mich vertrauensvoll an Sie zu wenden. Wie gesagt, ich weiss nicht, was gewesen ist, kann demzufolge keine Erklärungen abgeben. Ich möchte Sie jedoch sehr herzlich bitten, mich über die Angelegenheit unterrichten zu lassen und mir insbesondere Ihren Standpunkt zur Kenntnis zu bringen.Wie ich Ihnen bereits schrieb, ist mein Gesundheitszustand derart, dass, um einen Heilerfolg erreichen zu wollen, eine Verlängerung der Kur unerlässlich ist. Erst heute hatte ich eine allgemeine Untersuchung. Der Befund ist nach wie vor positiv, d. h. die offene Lungentuberkulose ist noch in vollem Gange. Das Sanatorium hat offiziell an die Thüringische Regierung geschrieben und von diesem Sachverhalt Kenntnis gegeben, wobei zum Ausdruck gebracht wurde, dass eine Entlassung aus der Kur ärztlicherseits nicht verantwortet werden kann. Man plant einen chirurgischen Eingriff. Ursprünglich war die Anlage eines Pneumothorax vorgesehen; da dieser aber nach Ansicht einer hervorragenden Autorität, die eigens konsultiert wurde, zu unerwünschten Komplikationen führen würde, erwägt man die Vornahme einer Plastikoperation. Diese Operation bedeutet Fortnahme von ca. sechs Rippen zum Zwecke einer chirurgischen Ruhigsetzung der betroffenen Lungenteile. Man ist jedoch der Meinung, dass diese Operation erst nach zunehmender Konsolidierung des Befundes und demzufolge nicht vor Ablauf von zwei bis drei Monaten gemacht werden könne.Sie ersehen hieraus, sehr geehrter Herr Ministerpräsident, wie gross meine Sorgen um die Wiederherstellung meiner Gesundheit sind. Dass sie nun noch vermehrt werden sollen durch lügnerische Verleumdungen, die man in meiner Abwesenheit in Deutschland gegen mich loslässt, erfüllt mich mit grosser Unruhe. Sie werden verstehen, dass ich keineswegs Neigung habe, eine für mich lebensnotwendig Kur vorzeitig abzubrechen und so eine mögliche Heilung auszuschlagen, nur weil irgendein Lump sich bemüssigt fühlt, über mich törichte Dinge zu verbreiten.Ich selbst habe, das wissen Sie ja, ein absolut reines Gewissen und vermag alle Anwürfe, welcher Art sie auch sein mögen, zu entkräften. Nur kenne ich sie leider nicht und weiss nicht, ob man nicht von Seiten der Thüringischen Regierung auch bereits mit Erfolg gegen die Verleumdung aufgetreten ist. Es würde mich so sehr beruhigen, wenn ich einmal von Ihnen, dessen klares Urteil ich stets so sehr geschätzt habe, unverhohlen unterrichtet würde.Sie sind mir damals in so hervorragendem Masse behilflich gewesen, als es galt, mir eine Kur in der Schweiz zu ermöglichen. Heute weiss ich, dass diese Kur für mich eine Art Lebensrettung bedeutet hat und ich bin Ihnen darum besonders dankbar. Es wäre so sehr wünschenswert, wenn Sie mich auch dabei unterstützen könnten, diese Kur nun so lange fortzusetzen, bis ein Erfolg erzielt worden ist. Das Leben ist zwar nicht so reizvoll, dass es besonders erstrebenswert erscheint, sehr alt zu werden. Andererseits möchte ich es aber auch – schon mit Rücksicht auf meine Familie – nicht bewusst verkürzen.Da ich im Besitz einer unbefristeten Aus- und Rückreiseerlaubnis des Chefs der Thüringischen SMA bin, ist das am 30. Mai 1947 ablaufende exit permit ohne Bedeutung. Ich benötige auch keinerlei weitere Unterlagen, weder von deutscher noch von russischer Stelle. Die Schweiz hat der Verlängerung meines Aufenthaltes im Sanatorium Agra zugestimmt und mir erlaubt, so lange hier zu bleiben, bis eine Entlassung ärztlich vertretbar ist. Ich werde also, im Vertrauen auf Ihre diesbezügliche Unterstützung, meine Kur in Agra zunächst fortsetzen.Übrigens will mir Weinert, wenn er aus Davon abreist, einen Besuch hier machen. Da er in der ersten Junihälfte nach Berlin zurückkehrt, wäre er in der Lage, irgendwelche benötigten Unterlagen mitzubringen und gegebenenfalls auch an zuständiger Stelle eine Erklärung abzugeben. Auch ist doch bereits Ende April Ricarda Huch nach Jena zurückgekehrt, die ebenfalls in der Lage und auch bereit ist, sich notfalls über meine Krankheit zu äussern.Dass unter den gegenwärtigen Umständen ein von den hiesigen Ärzten angeregter Besuch meiner Frau in der Schweiz zu weiteren Komplikationen führen könnte, wäre denkbar. Ich möchte Sie daher bitten, meine Frau in dieser Frage zu beraten, denn ich habe ihr geschrieben, sie möchte sich Ihrer Ansicht anschliessen. Dass es mir bei der Schwere meiner Erkrankung natürlich eine grosse Freude und auch moralische Stütze für die Heilung wäre, wenn ich meine Frau bei mir wüsste, brauche ich Ihnen, der Sie ja selbst auch in einer so harmonischen Ehe leben, nicht besonders zu betonen. Es ist besonders schmerzlich für mich, dass Ihre schwere Krankheit Sie gerade während meiner Abwesenheit heimgesucht hat. Dadurch ist manches vielleicht schwieriger geworden, als es sonst der Fall gewesen wäre. Der letzte Brief meiner Frau klang nicht besonders zuversichtlich. Sie hat es offenbar nicht sehr leicht; dies umsoweniger, als sie auch aus dem Magazin 1 gestrichen worden ist. Wenn Sie irgend können, dann nehmen Sie sich doch ihrer einmal an. Es wäre mir eine sehr grosse Beruhigung. Möchte es doch möglich sein, dass Sie wenigstens soweit wiederhergestellt sind, um sich in meiner Sache einmal einschalten zu können und vor allem auch mit dem General 2 aufklärend zu sprechen. Es ist doch die reine Torheit anzunehmen, ich wäre in die Schweiz „geflohen“ oder auch, ich würde nur einen Tag länger bleiben als unbedingt erforderlich. Wann werden Sie Ihr hohes Amt wieder antreten können? 3 Wie geht es vor allem auch Ihrer verehrten Frau Gemahlin? Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute und eine baldige völlige Wiederherstellung Ihrer Gesundheit.Viele herzliche Grüsse, auch an Ihre verehrte Gattin, von Ihrem
stets ganz ergebenen
Hans Staas

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 724, Bl. 53r-54v (ms. Ausfertigung).

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