Nr. 280a
26. Februar 1947

Schreiben des Chefredakteurs des Landessenders Weimar an die Präsidialkanzlei mit Abschrift des Artikels „Seltsames aus Thüringen. Präsidialdirektor Staas geht in die Schweiz“ aus dem „Telegraf“ (Westberlin)

Landessender Weimar

Herrn
Dr. H o s s i n g e rPräsidialkanzleiW e i m a r
Weimar, den 26.2.1947

Sehr geehrter Herr Dr. Hossinger!

Wie telephonisch besprochen, übersende ich anbei Abschrift des Fernschreibens, das mir heute mit dem Zusatz zuging: „Bitte um Übermittlung dieses Schreibens an Herrn Ministerpräsidenten Prof. Dr. Paul zur Kenntnisnahme.“

Rabetge
(Rabetge)Chefredakteur


Abschrift.

Seltsames aus Thüringen. – Erschienen im „Telegraph“ am 26.2.47. –

Präsidialdirektor Staas geht in die Schweiz - 1

In Thüringen geschehen seltsame Dinge. Der „zweitstärkste“ Mann der Regierung und Intimus des Ministerpräsidenten, das prominente Parteimitglied der SED, Präsidialdirektor Hans Staas, 2 ist über Nacht aus seinem Amt ausgeschieden worden. Die strikte Durchführung der Direktive 24, 3 welche die restlose Säuberung der Verwaltung von Nazielementen verlangt, hat auch ihm den Hals gebrochen. Von ein[flussreicher Seite ist ihm ermöglicht worden,] 4 bei Nacht und Nebel mit allen erforderlichen Papieren versehen, in die Schweiz übersiedeln zu können, ehe er sich vor einer der geplanten thüringischen Spruchkammern zu verantworten hatte. [„Nit mööglich!“] 5
Es war endlich durchgesickert, dass Staas während des Krieges Oberzahlmeister beim Pariser Sonderstab, „Einkäufer“ des Oberkommandos der Luftwaffe und des unseligen Reichsmarschalls gewesen war. Devot und gefällig nach oben, scharf und unnachsichtlich nach unten baute er sich eine unerschütterliche Stellung, die fast allgewaltig war, auf. In der Luftflotte 10 hatte er wegen seiner arroganten Haltung den Spitznamen der „kleine General“ erhalten. Als die Lage im Westen kritisch wurde, wurde der Sonderstab nach Bad Saarow zurückgenommen. Hier in der Schmelingschen Villa führte Staas mit seinen Getreuen ein komfortables Leben, das er später in den letzten Kriegswochen im thüringischen Solbad Frankenhausen fortsetzte. Den Herren des Sonderstabes gingen die Zigaretten und der Bohnenkaffee ebenso wenig aus wie der Kognak, der Sekt, die Weine und Likör, die der rührige Zahlmeister fleissig „besorgte“. Die Mahlzeiten, die Herr Staas zu dieser Zeit selbst mit seiner unzertrennlichen Stabshelferin einnahm, waren durchaus friedensmässig.… Damit nicht genug, spielte er beim Divisionsgericht als Anklagevertreter eine gefürchtete Rolle. Mit Schärfe und Brutalität verstand er es, seine ebenso hohen wie gesetzlosen Strafanträge durchzusetzen und gar mancher Landser ging wegen Fahnenflucht, Zersetzung der Wehrmacht oder Schwarzfahrt auf Festung oder ins Gefängnis. Das war Herr Staas im „Tausendjährigen Reich“.Nach dem Zusammenbruch aus der Gefangenschaft frühzeitig entlassen, wurde er Landrat in Frankenhausen und lebte nun mit seiner Frau ein neues demokratisches Dasein. In einem Interview sagte er: „Um dem Nazismus keine Handlangerdienste zu leisten, gab ich 1933 meinen Beruf auf.“ Er wurde aber schnell Oberzahlmeister der Luftwaffe, und in dieser Eigenschaft verstand er es bei Kriegsende, die Kriegskasse des Divisionsstabes auf die Seite zu bringen. Diese Eigenschaften befähigten ihn dann wohl auch, das Präsidialamt der thüringischen Regierung zu übernehmen und der engste Ratgeber des Landespräsidenten Dr. Paul zu werden. Berühmt wurde er durch seine Äusserung nach der Gemeindewahl, dass entgegen dem Wahlerfolg der Liberal-Demokraten, seine bewährten Parteifreunde von der SED als Bürgermeister im Amt bleiben würden. 6 Von Polizei eskortiert, reiste er zu Inspektionen durch Thüringen, ein würdiger Reisenachfolger des Fronvogtes Sauckel. Beliebt ist er im „grünen Herzen Deutschlands“ nie gewesen. Man sah lieber seinen leicht gekrümmten Rücken, als seine brutalen Züge mit den hinter dicken Brillengläsern liegenden stechenden Augen. Dieser Beitrag zur Naturgeschichte eines massgebenden SED-Funktionärs in der thüringischen Regierung ist natürlich in keiner der gleichgeschalteten Zeitungen im SED-Paradies zu finden, die sich in der Kritik an den Zuständen in den westlichen Zonen überbieten. An die thüringische Regierung aber muss die Frage gestellt werden, wer dafür verantwortlich ist, dass Staas gewissermassen unter freiem Geleit nach der Schweiz verschwinden konnte. [ha] 7 ------ G i r n u s 8 Stellv. Intendant des Berliner Rundfunks.


Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 71/46 (PA Hans Staas), Bl. 69r-70r (ms. Schreiben mit ms. Abschrift des per Fernschreibens übermittelten Artikels); Lücken in der Abschrift ergänzt nach: Telegraf, 26.2.1947, Zeitungsausschnitt in: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 271/31.

1 Die Behauptungen der „Telegraf“-Artikel über Hans Staas und Rudolf Paul (Dok. 288) wurden von anderen Zeitungen kolportiert, nach Pauls Flucht mehrfach wiederholt und auch von Hermann Brill (Dok. 384 a) aufgegriffen; zur SPD-nahen Zeitung „Telegraf“ vgl. Grebner: Der Telegraf (2002/F); zur Problematik der „Telegraf“-Artikel über Thüringen 1947 vgl. die Erklärung Franz Böhms v. 18.10.1948 (Dok. 396 d): „Mit der Thüringer Berichterstattung des ‚Telegraph’ hat es aber seine eigene Bewandtnis. Es steht fest, dass diese Berichte nicht nur unzutreffend, sondern böswillige Tatsachenfälschungen sind.“ 2 Im Originalartikel durchweg „Stass“; Hans Staas (1909-1996); bis 1939 Betriebsleiter in einem Ofensetzerbetrieb; 1939/45 Wehrmachtsbeamter (Oberzahlmeister); 1945 kurzzeitig in amerikanischer Gefangenschaft; 1945/46 KPD/SED; am 15./20.10.1945 Regierungsrat und stellv. Landrat des Kreises Sondershausen; 10.12.1945/18.1.1946-28.2.1946 Oberlandrat West; seit dem 28.2.1946 leitete er als Präsidialdirektor das Präsidialamt; nach der Regierungsbildung ernannte Ministerpräsident Paul ihn am 5.12.1946 gegen den Willen der SED-Landesleitung (Dok.253) zum Staatssekretär und Chef der Staatskanzlei (bisher Präsidialamt, seit 30.1.1947 Präsidialabteilung); wegen seiner offenen Lungentuberkulose beantragte Staas die Ausreise für eine Kur in der Schweiz und am 24.1.1947 die entsprechende Freistellung von seinem Amt; am 21.2.1947 fuhr er gemeinsam mit der Schriftstellerin Ricarda Huch in die Schweiz (vgl. auch Wahl: Ein Gästebucheintrag [2008/F]); zum 31.5.1947 wurde er wegen anhaltender Krankheit aus dem thüringischen Staatsdienst entlassen – Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 71/46 (PA Staas), Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 737 (Auskünfte der Präsidialabteilung vom 14.11.1947 zur Tätigkeit Staas’). 3 KR-Direktive Nr. 24 v. 12.1.1946 über die politische Reinigung der Verwaltung. 4 Ergänzt. 5 Ergänzt. 6 Das wurde am 18.9.1947 vom „Telegraf“(„Nach der Wahl“) und dann von weiteren Westberliner Blättern verbreitet und am 21.9.1946 vom Präsidialamt dementiert (Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 254, Bl. 33r); u.a. setzte sich der Landesdirektor für Justiz Helmut Külz (LDP) dafür ein, dass dieses Dementi in der Presse veröffentlicht wurde (Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 1863, Bl. 56r). 7 Ergänzt. 8 Wilhelm Girnus, der 1945 einige Monate im Thüringer Landesamt für Volksbildung tätig gewesen war, schickte den Text per Fernschreiben an den Chefredakteur des Landessenders Weimar.