Nr. 264
15. Januar 1947

Aus einem politischen Stimmungsbericht des Generalstaatsanwalts Friedrich Kuschnitzky „Das Gebot der Stunde“


Der Generalstaatsanwalt
bei dem Oberlandesgericht313 b E – 1.9Gera, den 15. Januar 1947An denHerrn Ministerpräsidentendes Landes Thüringen in W e i m a r

Politischer Stimmungsbericht vom 15. Januar 1947.


I. Aus den Berichten der Herren Oberstaatsanwälte.

[…]


III. Das Gebot der Stunde.

Es muss nunmehr mit aller Offenheit und Eindringlichkeit darauf hingewiesen werden, dass der Augenblick naht, da die Besatzungsmächte durch wirksame Hilfeleistung zeigen müssen, dass sie die aufbauwilligen demokratischen Kräfte im Lande nicht im Stiche lassen. Die Denazifizierung darf sich nicht auf die Ausmerzung der Nazis von gestern und heute aus Verwaltung und Wirtschaft beschränken. Sie wird ein Schlag ins Leere sein, wenn sie nicht auch gleichzeitig den Nazis von morgen den Boden abgräbt. Die Erreichung dieses Zieles, die Voraussetzung für die Befriedung der Welt ist, erscheint nur dann gewährleistet, wenn

1. sämtliche Besatzungsmächte sich dazu verstehen, dem verarmten deutschen Land nichts mehr zu entziehen, was zur Aufrechterhaltung seiner Wirtschaft und Versorgung notwendig ist, und überdies für eine Übergangszeit von mehreren Jahren aus ihrem eigenen Lande nach Deutschland einführen, was hier an Rohstoffen und Fertigfabrikaten fehlt, und zwar zunächst ohne Rücksicht auf Reparationen und Gegenleistungen,

2. die Friedensverhandlungen dieses Jahres – gleichviel ob Deutschland an diesen Verhandlungen beteiligt wird oder nicht – in einem Geiste geführt und zum Abschluss gebracht werden, der nicht nur die Schuld Deutschlands an der Katastrophe in Rechnung stellt, sondern auch der ebenso klaren Tatsache Rechnung trägt, dass es Aufgabe der grossen gefestigten demokratischen Mächte der Erde ist, den schwerringenden demokratischen Kräften in Deutschland zu weithin sichtbaren Erfolgen auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet zu verhelfen.

Es soll gewiss nicht verkannt werden, welche neuen grossen Opfer den Siegermächten damit zugemutet werden. Aber nur, wenn staatsmännische Weisheit und Weitsicht sich zu solchen Opfern versteht, werden die Nazis in Deutschland aussterben. Anderenfalls kann es nicht ausbleiben, dass alle unsere Arbeit vergeblich ist und die demokratische Dauerkrise der Weimarer Republik ihre tragische Wiederholung findet. Ich halte es für meine Pflicht, im Rahmen meiner politischen Stimmungsberichte auf dieses Gebot der Stunde hinzuweisen, ohne zu meinen, dass ich der Regierung des Landes etwas Neues sage.

Dr. Kuschnitzky


Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 1886, Bl. 278r-313r, hier Bl. 312r, 313r (ms. Ausfertigung).