Nr. 263g
20. Mai 1947

Schreiben des SED-Landesvorsitzenden Heinrich Hoffmann an die Parteivorsitzenden Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl über weiter auftretende Probleme


Heinrich Hoffmann
Vorsitzender des Landesverbandes Thüringender Sozialistischen EinheitsparteiDeutschlandsWeimar, den 20. Mai 1947Privatanschrift: Erfurt, Eugen-Richter-Str. 16

An
die Vorsitzendender Sozialistischen Einheits-Partei DeutschlandsWilhelm Pieck und Otto Grotewohl Berlin

Liebe Genossen!
Der Chef der S.M.A Thüringen, Herr Garde-Generalmajor Kolesnitschenko ist, wie seine Mitarbeiter, bestrebt, den Prozeß der Demokratisierung unseres Landes nach Kräften zu fördern. Das Verhältnis zwischen uns und der S.M.A. Th. ist infolgedessen sehr gut. Wir sind dem Genossen General und seinen Mitarbeitern zu großem Dank verpflichtet für die Hilfe, die uns, unserer Landesverwaltung und unserem Volke in vielfacher Weise von der S.M.A Th. gewährt worden ist. Um so schmerzlicher ist es für uns, zu sehen, daß Einzelfälle , die naturgemäß mehr auffallen, als das ständige, stille, helfende Wirken der S.M.A. Th., die guten Wirkungen überschatten . Als Ende des vergangenen Jahres eine deutlich fühlbare Abkühlung im Verhältnis zwischen der deutschen Bevölkerung und den Angehörigen der sowjetischen Besatzungsmacht zu spüren war, schrieb ich am 6. Januar 1947 an den Chef der zivilen Verwaltung der S.M.A. Thüringen einen Brief, den ich im Duplikat – Anlage 1 – beifüge. 1 Dieser Brief veranlaßte den Genossen Garde-Generalmajor zur Einberufung einer Konferenz aller Kreis- und Stadtkommandanten und der Leiter der pol. Abteilungen, in welcher er klare Instruktionen erteilte, die dem Sinne meiner Anregungen und Vorschläge entsprachen. Seither ist das Wirken der Besatzungsmacht und ihrer Organe immer zurückhaltender geworden und kaum noch spürbar . Vor Abfassung dieser Zeilen habe ich alle Abteilungen und Referenten des Landesvorstandes angeschrieben, mir Material für diesen Brief an Euch zur Verfügung zu stellen. Von fast allen Abteilungen habe ich Fehlanzeige erhalten . In der Tat ist auch im Verhältnis zwischen der Bevölkerung und der Besatzung eine große Beruhigung eingetreten und das Gefühl der Sicherheit wieder vorhanden. Diese Entwicklung könnte noch gefördert und günstig beeinflusst werden, wenn unserem Wunsche entsprochen werden könnte, die Jugendlichen , die aus Sicherheitsgründen verhaftet wurden, in so weit wieder frei zu lassen, als ihre Schuld nicht erwiesen ist und sie auch sonst keine Gefahr für unsere demokratische Entwicklung bilden. Ich verweise auf die im März 1947 vom Genossen Eggerath dem Zentral-Sekretariat überreichte Anzahl von Gesuchen und unseren diesbzgl. Schriftwechsel. Sollte eine Freilassung dieser Jugendlichen nicht bald möglich sein, so würde die Einräumung der Möglichkeit eines Briefwechsels mit ihnen und ihren Familienangehörigen sehr viel zur Beruhigung und zur Abwehr der Anti-Sowjet-Hetze beitragen. Dasselbe gilt übrigens von vielen s.Zt. verhafteten kleinen Funktionären der NSDAP. u. ihrer Gliederungen, die vielfach unter Druck ihre geringfügigen Funktionen übernehmen mußten und nicht selten unter dieser Tarnung antifaschistisch wirkten. Wir könnten viel gewinnen, wenn auch hier nach dem Grundsatz verfahren würde, die Großen zu hängen und die Kleinen laufen zu lassen. Ueberhaupt wäre es gut, wenn die Sicherheitsorgane der Besatzungsmacht nicht so grob, sondern etwas delikater arbeiten würden. Ich verweise hierzu auf die Belästigungen, die der seit 40 Jahren in der sozialistischen Bewegung aktiv tätige Genosse Cäsar Thierfelder , Direktor der Aktiva und Mitglied unseres Landesvorstandes, ausgesetzt war und noch ist. Seit dem 26. März wird er von Zeit zur Vernehmung auf das Zimmer 164 der Sicherheitsdienststelle in Weimar beordert, ohne daß hierzu nach unserer Meinung auch nur der geringste Grund vorliegt. Genosse Otto Grotewohl ist hierüber informiert. In letzter Zeit haben sich einige unliebsame Fälle von Wohnungs-Demolierungen ereignet, 2 die das Ansehen der Besatzung schädigen. So insbesondere in Jena. Hierzu füge ich die Anlage II bei 3 . Zusammenfassend bemerke ich, daß der Prozeß der Demokratisierung und der Normalisierung unseres Lebens wirksam gefördert werden kann, wenn die auf S. 4 meines Schreibens an den Genossen Garde-Generalmajor Kolesnitschenko vermerkten Vorschläge von der S.M.A.D. akzeptiert würden. Hoffend, daß es Eueren Bemühungen gelingen wird, diese Wünsche zu verwirklichen, verbleibe ichmit sozialistischem Grußals Euer Heinrich Hoffmann“

Quelle: Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR, Zentrales Parteiarchiv [der SED], NY 4090, Nr. 314, Bl. 54r-57r (hs. Ausfertigung, Unterstreichungen im Original).

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