Nr. 259a
22. Dezember 1946

Schreiben Rudolf Pauls an Johannes R. Becher zur Regierungsbildung in Thüringen


Der Präsident
Weimar, den 22. 12. 46.des Landes Thüringen

Sehr geehrter, lieber Herr Becher!
Für Ihre Gedanken und Ihre freundlichen Wünsche meinen herzlichen Dank. Dachten Sie dabei auch ein wenig an die Dornenkrone, die so dicht daneben liegt?Meine Frau und ich denken besonders gern an den Abend, an dem Sie bei uns waren. Sie machen uns beiden eine große Freude, wenn Sie recht bald wieder nach Weimar kommen und dann Gast bei uns sind. Stunden, die den Musen dienen, sind für uns die schönsten. Den übrigen Inhalt Ihres Briefes unterschreibe ich Wort für Wort, und ich trage mit Ihnen dieselben Sorgen. 1 Ich habe die Wahl nicht begrüßt, im Gegenteil. Doch ich war allein. Wandel, 2 den ich durch einen Dritten um Unterstützung anging, ließ nichts von sich hören. – Die anderen politischen Parteien, die auf keinen Fall W. 3 wollten, operierten taktisch so töricht, daß die Angelegenheit W. von der Partei zur Prestigefrage gemacht wurde. Ich fürchte, die Amtsführung wird zu einem Prestigeverlust in Permanenz. Es sind allerdings vor der Wahl sehr harte und sehr klare Worte gesprochen worden, für einige Zeit werden sie nachwirken. Sie können sich darauf verlassen, ich prüfe nicht die Pegel. Tritt keine sichtbare Besserung ein, dann kommt die Änderung, und ich erbitte dann auch Ihre Unterstützung. – Die Verhältnisse an der Universität Jena sind erschütternd. Die besten Leute gehen. Leider findet der Kultusminister in seinem russischen Gegenspieler 4 einen Eiferer. Der ewig unversöhnliche Jahwe mit seinem Rachedurst bis ins 3. u. 4. Glied würde seine helle Freude haben.
Seien Sie recht herzlich begrüßt
von Ihren Pauls

Quelle: Akademie der Künste Berlin, Archiv, Johannes-R-Becher-Korrespondenz, Nr. 548, n. fol. (hs. Ausfertigung auf amtlichem Kopfbogen).

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