Nr. 240
18. November 1946


Aus einem politischen Stimmungsbericht des Generalstaatsanwalts Friedrich Kuschnitzky zu den Kreis- und Landtagswahlen


Der Generalstaatsanwalt
bei dem OberlandesgerichtGera, den 18. November 1946.313 b E – 1.7 Vertraulich
An den
Herrn Präsidenten des Landes Thüringen in W e i m a r

Politischer Stimmungsbericht vom 18. November 1946.

[…] 1

II. Nach den Kreis- und Landtagswahlen.

Die Lage ist ruhig. Unbeschadet der Tatsache, dass die erdrückende Mehrheit der Bevölkerung von ihrem Wahlrecht Gebraucht gemacht hat – ohne indessen eine sichere Gefolgschaft für die eine oder andere Partei darzustellen –, muss festgestellt werden, dass die Anteilnahme am politischen Geschehen weder in die Breite noch in die Tiefe geht. Die meisten sind nur von ihren Alltagssorgen erfüllt, was angesichts der grossen Not durchaus verständlich ist. Überall wird der grossen Enttäuschung darüber Ausdruck gegeben, dass nach dem Einsetzen der Kälte keine Kohlenzuteilung für die Zivilbevölkerung erfolgt ist und selbst der versprochene dritte Zentner Winterkartoffeln ausbleibt.
In den politisch interessierten antifaschistischen Kreisen wird vielfach der Überzeugung Ausdruck gegeben, dass die politischen Parteien trotz nicht unerheblicher Spannungen, die der Wahlkampf gezeitigt hat, in Hinsicht auf die staatspolitischen Erfordernisse auch in Zukunft zusammenhalten müssen. Ich kann diese Notwendigkeit nur pflichtgemäss unterstreichen, Einigkeit und Wachsamkeit gegenüber den im Augenblick mit grösster Vorsicht operierenden nazistischen Untergrundbewegungen ist mehr denn je geboten.
[…] 2

Dr. Kuschnitzky


Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 1886, Bl. 228r-257r, hier Bl. 256r (ms. Ausfertigung).

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