Nr. 237b
14. November 1946

Schreiben an den SMAD-Chef

Der Präsident
Weimar, den 14. November 1946des Landes ThüringenDr. P./vT.

An den
Marschall der SowjetunionHerrn S o k o l o w s k i jSowjetische Militär Administration in DeutschlandB e r l i n - K a r l s h o r s t

Hochgeehrter Herr Marschall !

Ernste Besorgnis wegen verschiedener Mißstände im Lande, die ich aus eigener Kraft nicht beheben kann, zwingen mich, Ihre Aufmerksamkeit auf folgendes zu lenken:
Das Ablieferungssoll des Landes Thüringen an Getreide war für dieses Jahr um rund 100.000 to höher festgesetzt worden, als für das Jahr 1945. Auf Grund Ihres Befehls, dass Ödland und Seen aus der Berechnung der Bebauungsfläche herauszunehmen seien, minderte sich dieser Betrag um 30.000 to, sodass das Land in diesem Jahr ein Mehr von rund 70.000 to an Getreide auszubringen hat. Das Aufbringenmüssen dieses Mehr und die Formen, unter denen die Beitreibungen sich vollziehen, geben zu Besorgnis Anlass.Die Ernte in diesem Jahr ist eine bescheidene Mittelernte, sie ist hinter der vorjährigen nicht unwesentlich zurückgeblieben. Die Ablieferung des vorigen Jahres konnte Thüringen nicht ganz erfüllen. Es ging mit einigen tausend Tonnen Schulden in dieses Jahr hinein. Die Tatsachendes Nichterfüllen-Können des Ablieferungssollsim Jahre 1945die geringere Ernte des Jahres 1946lassen es offenkundig werden, dass die thüringische Landwirtschaft bei allem guten Willen und bei Hergabe nahezu des Letzten nicht ohne Schaden zu nehmen in der Lage ist, ein Mehr von 70.000 to in diesem Jahre aufzubringen. So erklärt es sich auch, dass bei der Eintreibung des Ablieferungssolls von sowjetrussischer und deutscher Seite Eingriffe in Personen und Sachen vorgenommen werden mussten, die zwangsläufig zu Mißstimmung auf dem flachen Land führten. 1 Um der Beunruhigung im Lande entgegenzuwirken und um die Landräte an ihre Pflicht zu halten, habe ich diese zusammen mit den Oberbürgermeistern Thüringens in der letzten Zeit, zum letzten Mal gestern, wiederholt zusammengerufen. Das Ergebnis dieser gestrigen Sitzung darf ich Ihnen, hochverehrter Herr Marschall, berichten: Obwohl die Landkreise in der Ablieferung im Durchschnitt noch nicht einmal 90 % erreichten, haben bereits beim bisherigen Ablieferungsstandin allen Landkreisen in einer grösseren Anzahl von Wirtschaften Rückgriff in dasBrotgetreideundin allen Landkreisen – mit Ausnahme von Schleiz – Rückgriffe in das Saatguterfolgen müssen.Der Landkreis Mühlhausen hat zwar sein Ablieferungssoll zu 100 % erfüllt, und der Stellvertreter des Landrates war mit einer Prämie auszuzeichnen. Zur selben Zeit kommt aber aus dem selben Landkreis die Meldung, dass er, um die Ablieferung in dieser Form zu erfüllen:a) die wertvollen Schweine – Stammzuchten in Bollstädt hat auflösen müssen,b) zur Herbstaussaat 1.000 Doppelzentner Getreide benötigt (die Anforderung für die Frühjahrsaussaat steht noch aus) undc) Eingriffe ins Brotgetreide der Bauern hat machen müssen, ohne rechtlich in der Lage zu sein, den Bauern zum Ausgleich dafür Brotkarten zu geben.Eine Ablieferung dieser Art erscheint ungesund, denn sie ist keine der Wahrheit, sondern eine des Scheines. Sie hat zudem Belastungen der verschiedensten Art im Gefolge.Saatgut, welches zurückerstattet werden muss, legt unnütze Wege zurück. Brotgetreide, das genommen wird, und wobei der Bauer sich vor der Schwierigkeit sieht, Brotkarten zu erhalten, verletzt nicht nur die alte Übung, auf dem Hof das Brot selbst zu backen, sondern birgt die Gefahr in sich, demoralisierend zu wirken. Die totale Auskehrung eines landwirtschaftlichen Produktes hat zudem in der Regel Schäden auf anderen Gebieten des Hofes zur Folge. Und in der Gesamtheit gesehen lassen solche nur durch Zwang und Eingriff durchzuführende Eintreibungen, welche zudem solche des Scheines sind, starke Missstimmungen und politische Störungen in unserer jungen Demokratie zurück.Das Land Thüringen hat sich auf Grund des Fleisses und der Hingabe seiner Bevölkerung an die ihm durch die Zeit gewordene Pflicht im sowjetisch besetzten Raum den Ruf erworben, zu seinen Aufgaben zu stehen. Das gilt insbesondere auch für seine nicht durch reiche irdische Güter gesegnete Landwirtschaft. Darum glaubt das Land keine Fehlbitte zu tun, wenn es Sie, hochverehrter Herr Marschall, um eine Überprüfung seiner oben dargetanen Sorge bittet.

Dr. Paul
(Dr. Paul)

Quelle: Gosjudarstwenny archiw Rossijskoj Federazii [Staatsarchiv der Russischen Föderation, Moskau], f. 7184, op. 1, d. 15a [Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, Z 47 F, Film Nr. 90177], Bl. 180r-182r (deutsch, ms. Ausfertigung).

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