Nr. 228
3. November 1946

Niederschrift über eine Besprechung mit Zeiss-Vertretern beim Landespräsidenten Rudolf Paul über eine Strategie „konstruktiver Demontage“

Abschrift.
N i e d e r s c h r i f t über eine Besprechung beim Landespräsidenten Dr. Paul am 3. 11. 1946 in W e i m a r.
Anwesend:
Landespräsident Dr. PaulGeschäftsleiter Dr. SchradeDr. JobstBetriebsratsmitglied MarquardtBetriebsratsmitglied MatthesStrampfer vom wirtschaftspolitischen Ausschuß der SEDVizepräsident Dr. Appell (etwas später)
Der Landespräsident erklärte, daß er nach einer Rücksprache mit General Smirnow 1 bei der Administration Karlshorst den Eindruck gewonnen habe, daß die Möglichkeiten zu erfolgreichen Verhandlungen mit Marschall Sokolowski bestünde, wenn die Zeiss- und Schottangelegenheiten ihm in geeigneter Weise vorgetragen würde. Er ging davon aus, daß den Russen ein Angebot gemacht werden müsse, daß diese interessiere. Dabei bestünde russischerseits Interesse daran, geeignete qualifizierte Facharbeiter und Spezialisten auf der Basis der Freiwilligkeit mit Zeiss-Verträgen nach Rußland zur Einrichtung und Ingangsetzung optischer Werke auf dem Gebiet der Sowjet-Union zu bekommen. Er wünsche deshalb von der Geschäftsleitung und dem Betriebsrat entsprechende Erklärungen möglichst in Form eines Exposés, das insbesondere den Punkt 4 des ihm von der Geschäftsleitung über das Landesamt für Wirtschaft überreichten Exposés vom Donnerstag, dem 29.10.46 in den Mittelpunkt der Betrachtung rücke. Er glaubt, wenn er den Russen sagen könne, daß etwa 500 Zeissianer sich freiwillig bereit erklärten, in Rußland mitzuhelfen, daß dann russischerseits eine Möglichkeit bestehen würde, Teile der Produktion der Zeiss- und Schott-Werke in Jena zu belassen. 2 Das sei auch die Voraussetzung dafür, daß diese Geschäftsangehörigen mit Zeiss-Verträgen für kürzere oder längere Zeit nach Rußland geschickt werden könnten, ohne daß dabei auf die Werksangehörigen irgend ein Druck hinsichtlich ihrer persönlichen Entscheidung ausgeübt würde. Die Ausdehnung dieser Freiwilligkeit und die Ausstellung von Zeiss-Verträgen käme auch für die bereits nach Rußland abgereisten 274 Spezialisten in Frage, die selbstverständlich in die Aktion mit einbezogen werden müßten. Die Zahl von 500 gab der Landespräsident nur als Beispiel. Eine genaue Zahl könne sich nur aus den Notwendigkeiten und Aufgaben ergeben, die sich aus den technischen Aufgaben der Durchführung der Übertragung maschineller Einrichtungen nach Rußland notwendig machen. Im Gespräch wurde dann seitens Dr. Schrade, meiner Wenigkeit 3 und den Betriebsräten Marquardt und Matthes die Frage erörtert und grundsätzlich festgelegt, daß man dem Landespräsidenten die gewünschten Unterlagen für seine Verhandlungen mit Marschall Sokolowski bis Montag, den 11.11.46 zur Verfügung stellen werde. Die Betriebsratsvorsitzenden erklärten sich bereit, in einer Sitzung des Betriebsrates und von Abteilungsvertretern die Frage der Freistellung von Arbeitskräften zu diskutieren und in geeigneter Weise zu beschließen. Von dem Ergebnis soll dem Landespräsidenten ebenfalls bis Montag, den 11.11.46 Kenntnis gegeben werden.

Im Anschluß an die Besprechung beim Landespräsidenten nahmen die beiden Betriebsratsvorsitzenden und Dr. Jobst Rücksprache bei der Landesleitung der SED und verhandelten mit dem Genossen Kops über die Möglichkeit einer neuen Aktion in Berlin. Der SED-Landesvorsitzende will sich mit dem Zentralsekretariat in Berlin in Verbindung setzen, um festzustellen, wann eine Möglichkeit zur Rücksprache mit dem Genossen Ulbricht ist. Genosse Ulbricht soll von einer Jenaer Kommission nochmals dringend gebeten werden, all seinen persönlichen Einfluß bei der russischen Administration Karlshorst und den Moskauer Stellen zu Gunsten des Zeiss- und Schott-Werkes und ihrer Belegschaft einzusetzen. Das Landessekretariat gibt Jena sofort über Tag und Stunde der beabsichtigten Rücksprache in Berlin Bescheid.

Nach Rückkehr aus Weimar fand bei der Geschäftsleitung, Herrn Dr. Schrade, eine Besprechung statt, an der Dr. Schomerus, Herr Sandmann, Ing. Schnittler, Dr. Wönne, Dr. Jobst und die Betriebsratsvorsitzenden Marquard und Matthes teilnahmen. Sie befaßte sich mit dem Gegenstand der Unterhandlungen beim Landespräsidenten. Das Ergebnis dieser Besprechung war der Auftrag an Herrn Dr. Wönne, ein Exposé auszuarbeiten, so wie es für die Verhandlungszwecke des Landespräsidenten geeignet ist, unter besonderem Hinweis darauf, daß die Firma Carl Zeiss den Russen gegenüber zu jeder Hilfsleitung hinsichtlich Lieferung von Einrichtungen und zur Verfügungstellung von Arbeitskräften bereit ist. 4 Arbeitskräfte sollen auf der Basis der Freiwilligkeit mit Zeissverträgen je nach den Erfordernissen der Durchführung der Arbeiten in Rußland nach dort geschickt werden. Insbesondere wurde dabei der Gedanke erörtert, daß die Familien in Jena zurückbleiben können und von der Firma unterhalten werden. Auch der Gedanke der Möglichkeit der Auswechslung solcher Arbeitskräfte wurde dabei erörtert und soll in dem Exposé für den Landespräsidenten niedergelegt werden. Allgemein war man der Ansicht, daß die Aktion des Landespräsidenten unbedingt erwünscht ist, ebenso die Aktion der SED, von der man sich von der politischen Seite her entscheidenden Erfolg verspricht. Herrn Dr. Schrade wurde nahegelegt, dem Werksgeneral Dobrowolski die Gedanken des Exposés für den Landespräsidenten zur Kenntnis zu bringen und mit ihm zu erörtern mit dem Ziel, möglichst auch noch eine direkte Besprechung der Geschäftsleitung mit General Dobrowolski in Karlshorst zustande zu bringen. Dabei soll Ziel jener Besprechung sein, autorisierte Vertreter der Berliner Moskauer russischen Stellen so schnell als möglich zu einem fachlichen Gedankenaustausch nach Jena zu bringen, um den Gedanken der konstruktiven Demontage möglichst einer schnellen Realisierung näher zu bringen. Die Betriebsratsvorsitzenden werden die Aktion wegen der Gestellung der Arbeitskräfte im Betriebsrat und mit den Abteilungsvertretern schnellstens erörtern und der Geschäftsleitung von dem Ergebnis der Verhandlungen Kenntnis geben.


Quelle: Carl Zeiss Archiv Jena, BACJ, Nr. 14980, n. fol. (ms. Abschrift).

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