Nr. 215
30. September 1946

Schreiben des Landespräsidenten Rudolf Paul an den SMATh-Verwaltungschef Iwan S. Kolesnitschenko zu den Reparationsleistungen Thüringens


Der Präsident
Weimar, den 30. September 1946des Landes Thüringen
Herrn
Garde-Generalmajor Kolesnitschenko,Sowjet-Militär-AdministrationW e i m a r

Betr.: Reparationsleistungen
In Verfolg unserer Besprechung wegen der seitens der Administration zunächst befürchteten Nichterfüllung der Reparationsleistungen Thüringens habe ich mich in der letzten Zeit persönlich eingeschaltet und kann feststellen, daß Thüringen in diesem Quartal mehr als 100 % der ihm auferlegten Reparationsmenge erfüllt hat.Die entscheidende Frage der Zukunft heißt:betragen die Reparationsleistungen Thüringens pro Quartal 70 Mill. RModerkönnen die Reparationsleistungen über diesen Betrag hinaus erhöht werden,wobei für das Land von vornherein nicht ersichtlich und damit auch nicht bekannt ist, in welcher Höhe die Reparationsleistungen der kommenden Quartale sich bewegen werden.Auf Grund der Äußerungen des mit der Überwachung der Reparationen beauftragten Herrn Oberst Wlassow war in der Landesverwaltung die Ansicht aufgekommen, daß die Höhe der Reparationen pro Quartal 70 Mill. RM beträgt. In dieser Höhe liefen auch die Reparationen bisher. Für dieses Quartal ist der Reparationsbetrag von 70 Mill. RM auf 106 Mill. RM erhöht und auch in dieser Höhe erfüllt worden. Die Erfüllung war nur dadurch möglich, daß seitens der Landesverwaltung wie der Industrie und der Wirtschaft überhaupt die allerletzten Anstrengungen gemacht worden sind. Bei meiner Kenntnis der wirtschaftlichen Verhältnisse im Land habe ich aber Bedenken und möchte es für ausgeschlossen halten, daß in dieser Höhe im nächsten Quartal wieder Reparationsleistungen vom Land aufgebracht werden können.Ich werde mir erlauben, in den nächsten Tagen auf Grund der von mir gemachten Erhebungen und des Materials, welches mir vom Landesamt für Wirtschaft (Sachbearbeiter ORR. Dr. Kohlitz) zur Verfügung gestellt wird, der Administration ein umfangreiches Memorandum mit Tatsachenmaterial zu überreichen. Hier möchte ich hervorheben, daß sich erstens auf dem Wirtschaftsmarkt Thüringens von Tag zu Tag der Mangel an Rohmaterial stärker bemerkbar macht und daß zum zweiten alle Großbetriebe ausschließlich für die Rote Armee arbeiten, während der Rest der kleinen Betriebe die Reparationslieferungen schaffen muß. Hinzu kommt, daß in gewissem Sinne der vom Land Sachsen innerhalb des sowjetischen Raumes geführte direkte oder indirekte Wirtschaftskrieg sich auswirkt. Es ist untragbar, daß das Land Thüringen beispielsweise zur Verarbeitung Zellwolle nach Sachsen liefert, das Land die 1290 to Zellwolle hereinnimmt, sie verarbeitet und zunächst versucht, keinerlei Rücklieferung daraus vorzunehmen. Nur die Tatsache, daß ich mich persönlich eingeschaltet und mit Herrn Vizepräsident Selbmann 1 verhandelt habe und zum zweiten, daß in meinem Auftrage mein Wirtschaftsstab und Herr ORR. Dr. Kohlitz wiederholt nach Sachsen gefahren sind, hat zur Folge gehabt, daß jetzt nach vielen Mühen ein Teil der Ware zurückfließt. Ich muß zu meinem großen Bedauern nach den gemachten Erfahrungen feststellen, daß ein Warenaustausch mit dem Westen und anderen Zonen förmlich leichter ist, als mit dem uns benachbarten Land Sachsen. Im Interesse der Wirtschaft der deutschen Länder und Provinzen im sowjetischen Raum halte ich es aus diesem Grunde für dringend geboten, daß wegen der Abstimmung der Industrie und Wirtschaft untereinander, zu deren Koordinierung die deutschen Zentralverwaltungsstellen offensichtlich außerstande sind, eine Konferenz in Karlshorst einberufen wird, und zwar weniger mit dem Ziel der allgemeinen Berichterstattung als dem des Auf-einen-Nenner-Bringens der Bedürfnisse und Schwierigkeiten der Länder und Provinzen in der sowjetischen Zone.Ich bittea) um eine Äußerung der Sowjet-Militär-Administration wegen der Höhe der Reparationsleistungen in den kommenden Quartalenb) um Veranlassung der vorstehend von mir für nötig befundenen Wirtschaftskonferenz in Karlshorst.
Dr. Paul
(Dr. Paul)

Quelle: Gosjudarstwenny archiw Rossijskoj Federazii [Staatsarchiv der Russischen Föderation, Moskau], f. 7184, op. 1, d. 15a [Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, Z 47 F, Film Nr. 90177], Bl. 137r-139r (ms. Ausfertigung, dt.); eine für Dr. Kohlitz angefertigte Durchschrift in: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 1224, Bl. 87r-88r.

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