Nr. 210
[30. September 1946]

Aktenvermerk des Landesdirektors für Handel und Versorgung Herbert Biedermann über seine Wirtschaftsreise nach Bayern und Württemberg vom 23. bis 28. September 1946


Weimar, den 30. September 1946
Bi/UR
Herrn
Ministerialdirektor Dr. SeeligerWirtschaftsstab des Präsidentenzur gefl. Kenntnis

A k t e n v e r m e r k

Betrifft: Reise Bayern und Württemberg in der Zeit vom 23.-28.9.46

1. Bayern
Der Besuch in München wurde durchgeführt, um Einzelheiten über ein Passabkommen zwischen Bayern und Thüringen festzulegen, welches ähnlich wie mit Hessen mit einem Dreisprachenpass den Geschäftsleuten die Möglichkeit geben soll, an 3 neuen Passübergängen, u.a. Probstzella, den Wirtschaftsverkehr beider Länder zu aktivieren. Während in der sowjetrussisch besetzten Zone Weimar als Kontrollpunkte festgelegt wurde, sind in Bayern 5 Stellen, und zwar die Städte der 5 Regierungsbezirke vorgesehen. Dies letztere erleichtert ausserordentlich den Geschäftsverkehr, da unsere Reisenden nicht erst nach München fahren müssen, um ihren Stempel zu erhalten, sondern dies bereits schon in Nürnberg, Regensburg, Bayreuth usw. durchführen können. Auf der amerikanischen Seite ist die Passangelegenheit perfekt, Passvordrucke sind bereits vorhanden und die amerikanischen Grenzübergänge sind auch von der amerikanischen Sicherheitspolizei besetzt bzw. informiert. In der praktischen Durchführung hängt das Abkommen von der Verteilung der 60 Musterpässe mit den handschriftlichen Unterschriften der verschiedenen amerikanischen Sicherheitsoffiziere ab, die hier in der russischen Zone bei den Grenzübergängen verteilt werden müssen. Diese Unterlagen sind vor 10 Tagen einem russischen Offizier in Sonneberg übergeben worden und werden z.Zt. noch von der SMA Weimar bearbeitet. Herr General Kolesnitschenko erklärte mir vor einigen Tagen, dass der Marschall 1 grundsätzlich dieses neue Passabkommen genehmigt hat. Ferner fanden ausführliche Besprechungen im Wirtschaftsministerium mit Herrn Wirtschaftsminister Dr. Erhard, Herrn Dr. v. Lupin, Herrn Deyle und Herrn Bauroth statt, die am Freitag, den 27.9. zu einem Wirtschaftsabkommen zwischen Bayern und Thüringen 2 führten. Dieses Abkommen bildet einen allgemeinen Rahmen und sieht u.a. Lieferungen von Kugellagern im Werte von RM 200.000 mtl.Kunstseide- oder Zellwollgewebe inWäscheseide, Hemden und Kleiderstoff „ „ „ „ 100.000 „Teile für die Fahrradindustrie „ „ „ „ 200.000 „Ätznatronlage für Schwarza von 100 motosund div. Erze und Rohstoffe von mehreren 100 motosvor. Einbegriffen sind ferner Farbstoffe für die Textilindustrie, Elektromaterial, Beschläge aus Eisen für Ackerwagen (ca. RM 300.000) usw.Auf der Gegenseite liefert Thüringen nach Bayern mit Genehmigung der SMA Natriumsulfat für RM 100.000 monatlich, Fichten- und Sperrholzplatten, Laubholz, Thermometer, Schreibmaschinen, Spielwaren und Teile, technische Gläser, Ampullen usw.Bei dem Abkommen wurde unter dem Gesichtspunkt einer deutschen Wirtschaftseinheit jede paragraphenmäßige Einschränkung vermieden und ein wirtschaftlich-freundschaftliches, nachbarliches Verhältnis bei der Erörterung einzelner Fragen zugrunde gelegt.Es wird zwischen den beiden Ländern monatlich eine Liste der ausgeführten Wagen ausgetauscht, die pro Quartal im allgemeinen abgestimmt wird, wobei grundsätzlich Übereinstimmung darin bestand, dass allein der Wirtschaftsverkehr und weniger die reichsmarkmäßige Aufrechnung maßgebend sein soll. Der offizielle Besuch des Unterzeichneten als Vertreter des Landes Thüringen wurde durch einen Empfang im amerikanischen Hauptquartier in München unterstrichen. Nach längeren Besprechungen bei Mister Sillins, der kürzlich hier als Vertreter der amerikanischen Regierung in Weimar weilte, fand eine 2-stündige Aussprache über Wirtschaftsprobleme zwischen Bayern und Thüringen bei Herrn Oberst Gifferth statt. Dieser Besprechung schloss sich ein offizieller, aber herzlich gehaltener Empfang bei Herrn General Muller 3 an, der mich bat, seine persönlichen Grüße dem Herrn Landespräsidenten Prof. Dr. Paul und Herrn General Kolesnitschenko zu übermitteln, und seinem Wunsche Ausdruck gab, diese Herren möglichst bald in München begrüssen zu dürfen. Bei diesen Besprechungen und Empfängen wurde von beiden Seiten rückhaltlos der Wunsch geäussert, dass es dem Lande Thüringen als Vorposten der sowjetrussisch besetzten Zone weiterhin gelingen möge, den Wirtschaftsverkehr mit der amerikanisch besetzten Zone so zu fördern, dass sich die Beziehungen zwischen den Wirtschaftszweigen beider Länder glückhaft gestalten mögen. Ich persönlich habe mich über die bedingungslose Bereitwilligkeit gefreut, mit der auch die amerikanischen Offiziere die Vorschläge unsererseits annahmen. Nicht unerwähnt möchte ich lassen, dass sowohl von Herrn General Muller als auch von den anderen amerikanischen Herren die Gastfreundschaft und die herzliche Aufnahme, die die amerikanische Abordnung hier in Weimar gefunden hat, in mehr als lobenswerter Weise hervorgehoben wurde und nicht zuletzt dazu geführt hat, dass auf Befehl des Generals in München jetzt ein offizielles Gästehaus eingerichtet werden wird. Man rechnet allgemein sehr stark damit, dass der Landespräsident Prof. Dr. Paul nach dem Zusammentreffen der Präsidenten in Bremen seinen ersten Besuch in München abstatten wird, wobei auch von amerikanischer Seite die Bereitwilligkeit unterstrichen werden soll, dass trotz der Vereinigung des amerikanischen und englischen Wirtschaftsraumes ein besonderer Wert auf die wirtschaftliche Verbundenheit mit dem Lande Thüringen und damit mit der sowjetrussisch besetzten Zone gelegt wird. Diese Gedankengänge wurden auch in den verschiedensten Pressenachrichten von der bayerischen Presse hervorgerufen und auch in Sonderausgaben der verschiedenen Wirtschaftsämter den Industriezweigen von dem neuen Pass- und Wirtschaftsabkommen mit Thüringen Mitteilung gemacht. Es ist anzunehmen, dass nach Inkrafttreten des Passabkommens von dieser Reisemöglichkeit stärkstens Gebrauch gemacht wird.
2. Württemberg
Bei einem 2-tägigen Besuch in Stuttgart wurden die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Württemberg und Thüringen im einzelnen erörtert und nochmals die Bereitwilligkeit unterstrichen, dass Württemberg in Bezug auf Nähgarn und Nähseide bereit ist, über den bisher vorgesehenen Rahmen seine Fabrikationsmöglichkeiten auszunutzen. Wir haben veranlasst, dass nicht nur die rückständigen sondern auch die für die nächsten 2 Monate vorgesehenen Lieferungen an Zellwolle gesammelt zum Transport gelangen (ca. 120 t), damit Thüringen endlich über den bisher bescheidenen Rahmen die so unbedingt notwenigen Garne und Seiden erhält. Es wurde weiterhin vereinbart, dass jetzt Versuche unternommen werden, um russische Baumwolle mit zu verwenden, da der Mangel an B-Zellwolle statt W-Zellwolle die Abwicklung unseres Wirtschaftsvertrages stark beeinträchtigt hat. Desgleichen bestanden Schwierigkeiten, da Thüringen seine Zusagen bezüglich der Lieferung von Schreibmaschinen und Buchungsmaschinen nicht einhalten konnte, so dass Württemberg in den letzten 4 Wochen Freigaben für Lieferungen nach Thüringen sperren musste. Unter allerdings schwierigen Umständen sind vor meiner Abreise 150 Schreibmaschinen freigemacht worden, damit die Zusagen für die letzten 3 Monate erfüllt sind. Aufgrund dieser Tatsache wird Württemberg jetzt Ausfuhrgenehmigungen im Werte von einer Million, die sich inzwischen angesammelt haben, erteilen und damit den allgemeinen Wirtschaftsverkehr zwischen Württemberg und Thüringen jetzt wieder in Fluss bringen.Der Warenausgang von Württemberg nach Thüringen betrug im August RM 498.000, --, demgegenüber steht ein Wareneingang von Thüringen in Höhe von nur RM 130.000, --. Die jetzt in der Durchführung begriffenen Lieferungen von Zellwolle werden den entsprechenden Wertausgleich zwischen beiden Ländern ergeben.Wirtschaftseinzelfragen siehe Sonderaktenvermerk. Bei dem zu Ehren des Unterzeichneten gegeben Festessen im Länderratkasino wurden mit Herrn Wirtschaftsminister Dr. Köhler, Ministerialdirektor Dr. Kaufmann (gewerbliche Wirtschaft), Ministerialdirektor Stooß 4 (Landesernährungsamt), Direktor Wacker (Württembergische Wirtschaftshilfe), Freiherrn v. Maltzahn (Bevollmächtigter für den Interzonen- und Aussenhandel, Länderrat Stuttgart) und mehreren anderen Herren in einem äusserst netten Rahmen politische, wirtschaftliche und ernährungsmässige Fragen behandelt. Man war auch hier bemüht, die immer wieder in rühmenswerter Weise genannte Gastfreundschaft Thüringens zu erwidern und unterstrich in den verschiedenen Festansprachen die Bereitwilligkeit, mit dem Lande Thüringen und darüber hinaus auch mit Sachsen eine enge wirtschaftliche Beziehung auszubauen. Das neue Passabkommen zwischen Bayern und Thüringen gab Veranlassung, auch diese Frage von Württemberg aus sofort aufzunehmen, und vorerst mit Herrn General Müller in München eine diesbezügliche Aussprache durchzuführen. Man will zumindest versuchen, in Anpassung an Bayern die gleichen Voraussetzungen zu schaffen und wenn nicht eigene Pässe zwischen Württemberg und Thüringen, so doch die Mitbenutzung der Bayernpässe zu erreichen. Bei diesem Festessen im Länderratkasino wurden auch mit Freiherrn von Maltzahn die z.Zt. akutesten Fragen mit Hessen besprochen. Als Bevollmächtigter für den Interzonen- und Aussenhandel im Länderrat Stuttgart war er mit mir einer Meinung, dass wir zumindest bis Ende 1946 ohne direkte Länderabkommen nicht auskommen, da die bisherigen Zonenabkommen in der Praxis bisher noch nicht durchführbar sind. Es sollen also, soweit vorhanden, beide parallel laufen. Bis Anfang Dezember muss eine grundsätzliche Klärung sowohl mit dem Länderrat in Stuttgart als auch mit der Zentralverwaltung in Berlin erfolgen, auf welcher Basis im Jahre 1947 der Interzonenverkehr durchgeführt werden soll. Es wurde sowohl in Bayern als auch in Württemberg und Hessen betont, dass man auf die Initiative der Länder und Provinzen und damit auf den direkten Wirtschaftsverkehr aufgrund der alten Handelsbeziehungen nicht verzichten kann und dass es eine Frage der Organisation wäre, diese Beziehungen sinnvoll zum Wohle der 3 Zonen bzw. der 4 Zonen in einem Zonenvertrage einzubauen. Die Voraussetzungen für einen engen Wirtschaftsverkehr mit den 3 Ländern der amerikanischen Zone sind somit auch auf der Basis der praktischen Durchführung restlos gegeben. Es liegt jetzt an uns, die Organisation unserer thüringischen Wirtschaft so auszubauen, dass die Handelsbeziehungen stärker gefördert werden, und es wird daher ab 1.10. in der Interzonen-Abteilung des Landesamtes für Handel und [Versorgung] 5 eine Vertriebsgruppe eingerichtet, die im besonderen den Schriftverkehr mit den Wirtschaftsministerien der anderen Zonen führt und die entsprechenden Anregungen für den Ein- und Verkauf der Industrie- und Handelskammer, der Handwerkskammer und dem Landesamt für Wirtschaft gibt. Es muss vor allen Dingen in breitester Öffentlichkeit über die jetzt angebahnten Wirtschaftsbeziehungen gesprochen werden, damit die Wirtschaft allgemein Kenntnis erhält von den Bezugs- und Liefermöglichkeiten beider Zonen. Vielfache Anfragen, die ich in München und Stuttgart vorfand, zeigen, dass ein Teil unserer thüringischen Wirtschaft noch in völliger Unkenntnis der tatsächlichen Handelsmöglichkeiten in der Westzone ist. Es wird jetzt u.a. eine besondere Aufgabe der Industrie- und Handelskammer sein, auf Anweisung des Landesamtes für Handel und Versorgung die einzelnen Firmen und Grosshändler zu informieren. Eine ernste Aufgabe besteht darin, die wirklich benötigten Waren für die Westzone bei der SMA in Weimar bzw. Berlin freizubekommen, da ein Teil der wertvollsten Kompensationsgüter in starkem Maße für den Export disponiert und damit dem Interzonenhandel entzogen wird.
Biedermann


Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 1387, Bl. 218r-221r (ms. Ausfertigung, Durchschlag).

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