Nr. 205a
10. September 1946

Befehl des SMATh-Verwaltungschefs Iwan S. Kolesnitschenko „zur Verbesserung der Lenkung der Landwirtschaft“ und zur Entlassung des Landesdirektors Hans Lukaschek


B E F E H L
des Chefs der Verwaltung der S M A des Bundeslandes ThüringenNr. 42110. September 1946W e i m a r
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Betrifft: die Verbesserung der Lenkung der Landwirtschaft im Bundesland Thüringen durch den Präsidenten und das Landesamt für Land- und Forstwirtschaft.

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Es sind in der laufenden Arbeit des deutschen Landesamts für Land- und Forstwirtschaft eine Reihe arger Mängel und Versäumnisse in der Landwirtschaft festgestellt worden.
Die Organisation des Landesamts für Land- und Forstwirtschaft klappt nicht, es fehlt die operative Lenkung der Landwirtschaft. Die kanzleimässig-bürokratische Methode einzelner Abteilungen und einzelner Mitarbeiter wird von der Leitung nicht unterbunden, infolgedesssen werden wichtige Massnahmen nicht durchgeführt, oder wenn sie durchgeführt werden, dann mit grosser Verspätung.Die Verantwortung und Kontrolle über die Ausführung der Befehle betreffs der Landwirtschaft wird oft den Landräten übertragen. Der Personalbestand des Landesamts für Land- und Forstwirtschaft ist noch nicht genügend mit privaten mit Initiative begabten Spezialisten komplettiert, viele Mitarbeiter haben keine landwirtschaftliche Ausbildung und keine Erfahrung in der Arbeit (keine praktischen Erfahrungen).Das Landesamt für Land- und Forstwirtschaft kontrolliert nicht seine eigenen Verfügungen. So ist z.B. der Plan betreffs des Stehenlassens der Gras-Saatzucht nicht rechtzeitig den Bauern bekanntgegeben worden. Das Fehlen einer Kontrolle hat dazu geführt, dass von 19119 ha Saatfrucht 3764 ha von den Bauern für Futterzwecke abgemäht wurden. Der vom Präsidenten bestätigte (Landeinteilung?) Plan der Durchführung der Vermessungsarbeiten in den neuen Bauernwirtschaften ist zum 1. August zu 16 % erfüllt worden (von 187000 ha vermessen 30000 ha).Die den Neubauern zur Verfügung gestellten Kredite werden nur schwach realisiert. Vom bewilligten 40 Milln. MK. Kredit sind nur 2 Milln. Mark realisiert worden.Die Erfassung des Bodens ist nicht genau, verwirrt, was eine genaue Verteilung der Pflichtablieferungen nach Kreisen, Gemeinden und Höfen unmöglich macht.Das Landesamt für Land- und Forstwirtschaft hat nichts unternommen, um eine unrichtige Festsetzung der Lieferungsnormen für die Kreise zu verhindern und die Korrektur dieser Normen musste die Verwaltung der S M A Thüringens selbst vornehmen.Das Landesamt für Land- und Forstwirtschaft hat es nicht verstanden, die Vorbereitung und Durchführung der Frühjahrsaussaat richtig zu organisieren, infolgedessen ist der Plan für die Aussaat der Getreide-, Ölkulturen und der Kartoffeln nicht erfüllt worden.In den der Provinz unterstehenden Muster-Samenzüchtereien herrscht keine Ordnung, die Wirtschaften sind nicht mit Personal komplettiert und bleiben in der Durchführung der landwirtschaftlichen Arbeiten oft hinter den Bauernwirtschaften zurück.Der mit dem Befehl Nr. 90 vom 20.2.1946 aufgestellte Plan für die Entwicklung der Viehzucht wird unbefriedigend durchgeführt; die im Plan festgelegte Vermehrung des Viehs ist nicht sichergestellt. Es sind keine Massnahmen zur Unterbindung des ungesetzlichen Schlachtens von Vieh ergriffen worden.Als Ergebnis ist der Plan der Vermehrung des Pferdebestandes zu 96,5 %, des Gross-Hornviehbestandes zu 99,6 %, des Schweinebestandes zu 75,9 %, des Schafbestandes zu 91,7 % erfüllt worden. In absoluten Zahlen beträgt diese Nichterfüllung des PlanesPferde 2881 KöpfeGross-Hornvieh 2263 – „ –Schweine 127102 – „ –Schafe 17842 – „ -In der Forstwirtschaft haben sich die Windbruchstellen in grosse Brutherde des Borkenkäfers verwandelt.Der Windbruch wird nicht rationell verarbeitet; bis zu 70 % entfallen auf Brennholz.Das bereits früher für die Papier-Industrie bereitgestellte Holzmaterial wird den Bauern als Brennholz verkauft.Die Abfuhr des Holzes erfolgt langsam.Alles dieses beweist, dass das Landesamt für Land- und Forstwirtschaft mit dem Vizepräsidenten Dr. Lukaschek an der Spitze seine Aufgaben nicht bewältigen konnte.Ich b e f e h l e : 1. Wegen Nichtausführung der Befehle der S M A zur Ordnung (in Ordnung bringen) der Lenkung der Landwirtschaft den Vizepräsidenten des Bundeslandes Thüringen Dr. Lukaschek von den von ihm eingenommenen Posten zu entfernen. 1 Dem Präsidenten des Bundeslandes Thüringen Dr. P a u l:1. Den Apparat des Landesamtes für Land- und Forstwirtschaft zu überprüfen und ihn in eine operativ-produktive Organisation zu verwandeln, die voll für die Ausführung der Pläne und Befehle verantwortlich ist.Dementsprechend den Kreis der Obliegenheiten und Verantwortung der Abteilungen, Unterabteilungen und einzelnen Mitarbeitern festzulegen. 2. In Monatsfrist das Landesamt für Land- und Forstwirtschaft mit qualifizierten, arbeitsfähigen Mitarbeitern zu komplettieren mit der Berechnung, dass Spezialisten der Landwirtschaft den Hauptkern des Apparates bilden. 3. Durch Einführung von Planmässigkeit in die Arbeit der Abteilungen und der Ausführenden und systematische Prüfung der Ausführung der übertragenen Aufgaben die Methode der Arbeitslenkung des Apparates zu verändern.Als Grundlage der Arbeit des Landesamtes für Land- und Forstwirtschaft sind festzulegen: Produktionsplanung der Landwirtschaft, Ausarbeitung operativer Massnahmen, die die Ausführung der Pläne und Befehle sicherstellen; tägliche Kontrolle der örtlichen Organe der Selbstverwaltung.4. Die vollständige Durchführung der Landregistrierarbeiten, die mit der Einführung der Katasterbücher für die Grundstücke, welche die Bauern auf Grund des Gesetzes über die Bodenreform erhalten haben, im Jahre 1946 sicherzustellen.5. Personen, die für die Durchführung der Landvermessungsarbeiten und der Kreditgewährung an neue Bauernwirtschaften verantwortlich sind, und die Durchführung dieser Massnahmen offenkundig bremsen, von den eingenommenen Posten zu entfernen und zur gerichtlichen Verantwortung zu ziehen.6. Die Siedlungsgesellschaft zu verpflichten, die Arbeiten für den Bau von Wohn- und Wirtschaftsgebäuden für die neuen Bauernwirtschaften zu forcieren.7. Die beim Präsidenten geschaffenen Abgrenzungs-Abteilungen mit Spezialisten zu komplettieren; mit der nötigen Einrichtung und Geräten zu versorgen.8. Die Regelung der Gewährung von Krediten [die] für den Wirtschaftsaufbau an die Neubauern zu vereinfachen und ihnen eine reale Hilfe für eine grössere und schnellste Entfaltung des Baues von Wohn- und Wirtschaftsgebäuden zu gewähren. Nicht später als zum 20. September ds.Js. mir den Plan für die Bauarbeiten und die Anforderung von Baumaterial nach Kreisen zur Durchsicht vorzulegen. 9. Die Arbeit der Komitees der gegenseitigen Hilfe zu erweitern nach Heranziehung in die Zahl der Mitglieder in gleicher Weise wie die Neubauern auch die Altbauern, die Arbeit der Komitees der gegenseitigen Hilfe zu überprüfen und ihnen bei Einbringung der Ernte und Aussaat des Wintergetreides Beistand zu leisten.10. Besonders ernste Aufmerksamkeit der Behandlung (Pflege) der Saaten zu widmen – besonders der Zuckerrüben und Kartoffeln – und der Bekämpfung der landwirtschaftlichen Schädlinge. Beschleunigt wirksame Massnahmen gegen die Ausbreitung des Kartoffelkäfers zu ergreifen. Die Aussaat der Winterkulturen zu forcieren.11. Das System der Samenzucht und Aufbewahrung der Samen zu regeln und die Vorbereitung der Samen zu organisieren; den Samenzuchtwirtschaften mit Produktionsmitteln zu helfen und den Personalbestand der Angestellten in den Samenzuchtwirtschaften zu überprüfen.12. Die Arbeiten zur Heranschaffung und Verteilung von Kunstdünger in Gang zu bringen.Der Raiffeisen-Vereinigung 75 % des für die Landwirtschaft eingehenden Kunstdüngers zu überlassen, die restlichen 25 % Privatfirmen überlassen.13. Die Kontrolle über die Ausführung der Befehle Nr. 134 vom 3.10.1945 und Nr. 45 vom 6.2.1946 bezüglich der Erhaltung und Vermehrung von Vieh zu verschärfen und ungesetzliche Viehschlachtungen streng zu ahnden.14. Einen energischen Kampf gegen die ansteckenden Erkrankungen der landwirtschaftlichen Tiere mittels prophylaktischer Massnahmen und Verbesserung des Veterinärdienstes zu führen. 15. Zum 1. November ds.Js. die Arbeiten mit dem Windbruch unter voller Ausnutzung des Nutzholzes zu beenden. 16. Die Untersuchung und Feststellung der Ursachen für die verbrecherische Verarbeitung des Windbruchs, der Tatsache des Verkaufs als Brennholz und über die ergriffenen Massnahmen mir nicht später als am 25.9.1946 zu berichten. 17. Die Kontrolle der Ausführung dieses Befehls 2 übertrage ich dem Leiter der Abteilung Land- und Forstwirtschaft der Verwaltung der S M A des Bundeslandes Thüringen Oberleutnant Genossen Nikolajew.
Der Chef der Verwaltung der S M A des Bundeslandes Thüringen
Garde-General-Major Kolesnitschenko
Stabschef der Verwaltung der S MA
General-Major Smirnow

Richtig:
Der Leiter der Stabskanzlei der Verwaltung der S M A desBundeslandes ThüringenGarde-Kapitän gez. Fedun

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 71/3, Bl.16r-20r (deutsche Übersetzung; ms. Ausfertigung).

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