Nr. 199e
4. Oktober 1946

Ausführungen Wilhelm Kaisens zu Vorgeschichte und Aufgaben der Bremer Konferenz

[…]
[Beginn 10.00 Uhr] [Kaisen begrüßt und stellt das Einverständnis der Versammlung fest, daß die aus allen Teilen Deutschlands erschienenen Pressevertreter zugelassen werden, diese sich bei vertraulich zu behandelnden Gegenständen jedoch entsprechend verhalten möchten, und daß im übrigen den Länderchefs die Abhaltung interner Besprechungen überlassen bleibe. Er übernimmt auf Vorschlag Hoegners 1 den Vorsitz und geht zunächst auf Vorgeschichte und Aufgaben der Konferenz ein.] In einer Besprechung der Ministerpräsidenten der englischen Zone in Bremen am 10. September wurde die Anregung gegeben, einmal den Versuch zu machen, die Ministerpräsidenten aller vier Zonen hier in Bremen zu vereinigen, um die uns bewegenden aktuellen Fragen der Wirtschaftseinheit zu besprechen. Ich hatte den Auftrag bekommen, die dafür nötigen technischen Vorbereitungen zu treffen. Dazu mußte ich erst einmal die Erlaubnis der Militär-Regierung einholen. Diese habe ich in erstaunlich schneller Frist bekommen. Zweitens mußte ich abwarten, inwieweit die Herren aus den verschiedenen Teilen Deutschlands einem solchen Wunsche nun auch entsprechen konnten, denn es hatten sich in Süddeutschland ähnliche Bestrebungen geltend gemacht. Es waren Herr Ministerpräsident Professor Dr. Geiler aus Hessen und Herr Landespräsident Dr. Paul aus Thüringen auf den gleichen Einfall gekommen, der seinen Ausdruck in folgender Erklärung gefunden hat: „Wir stehen vor dem für uns Deutsche geschichtlich bedeutsamen Augenblick der Verwirklichung der in den Potsdamer Beschlüssen vorgesehenen wirtschaftlichen Einheit Deutschlands. Die Bildung dieser Einheit kann die großen wirtschaftlichen Probleme, die eine Existenzfrage des deutschen Volkes sind, nur dann einigermaßen lösen, wenn die Einheit in den 4 Zonen gemeinsam hergestellt wird. Die Vereinigung von nur 2 Zonen vermag die zentralen wirtschaftlichen Probleme nicht zu bewältigen und könnte die Einheitsbildung im Ganzen erschweren. Alle deutschen Kräfte müssen sich daher jetzt bemühen, die wirtschaftliche Vereinigung aller 4 Zonen in Bälde zu erreichen.“ 2 Es scheint ja in der Tat bei den deutschen Stellen aller Zonen der starke Wunsch vorhanden zu sein, den Weg zu bahnen, um zu den von uns allen erwünschten Ergebnissen zu kommen. Inmitten all dieser Vorbereitungen erreichte uns dann die Kunde von der Stuttgarter Kundgebung des amerikanischen Außenministers Byrnes, 3 und diese Kundgebung hat unserer Beratung geradezu die Tagesordnung gegeben. Denn es heißt in ihr: „Die amerikanische Regierung ist der Ansicht, daß die Alliierten dem deutschen Volk unverzüglich die wesentlichen Friedensbedingungen klarmachen sollten, deren Aufnahme und Befolgung sie vom deutschen Volk erwarten. Sie steht auf dem Standpunkt, daß die vorläufige Regierung aus einem deutschen Nationalrat bestehen soll, der sich nach demokratischen Prinzipien aus verantwortlichen Ministerpräsidenten oder anderen leitenden Beamten der verschiedenen Länder oder Provinzen zusammensetzt, die in jeder der 4 Zonen gebildet sind.“ Diese Erklärung berührt also weitestgehend die politischen Fragen, zu denen die Herren Ministerpräsidenten heute Stellung zu nehmen haben. Und es ist nur außerordentlich zu bedauern, daß nicht aus allen vier Zonen die Herren hierher kommen konnten. 4 Trotzdem schlage ich vor, daß wir tagen und unsere Tagesordnung so erledigen, als ob die Vertreter aus allen vier Zonen anwesend wären. Denn wir wollen uns doch nicht mit irgendwelchen Sonderwünschen befassen, sondern wir wollen heute zu den brennenden deutschen Gegenwartsfragen Stellung nehmen. Denn, sollte es uns gelingen, in diesem Zusammenhang auch die Fragen unserer Wirtschaftseinheit und unserer Währung ihrer Lösung einen Schritt näher zu führen, so käme das allen Deutschen zugute und nicht etwa nur einem Teil. – Wir treten nunmehr in unsere Tagesordnung ein. […]

Quelle: Vogel/Weisz: Akten (1989/D), Teil 2, S. 879-882 (Abdruck).

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