196d
24. Januar 1947

Schreiben an den Präsidenten der Deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung Paul Wandel gegen die Begünstigung des sächsischen Landessenders Leipzig


Weimar, den 24. Januar 1947
Dr.P./A.
Herrn
Präsidenten W a n d e lDeutsche Zentralverwaltung für VolksbildungB e r l i n

Sehr geehrter Herr Präsident!

Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf folgende Angelegenheit lenken:

In Weimar befindet sich der Landessender Weimar. Obwohl dieser Sender als einer der ersten in unserer Zone in Aktion trat und inzwischen das beste Rundfunkhaus unserer Zone erstellt haben dürfte, ist dieser Sender von der Zentrale aus – um es milde zu sagen – ungleich behandelt worden gegenüber den Sendern anderer Länder. Obwohl Thüringen bezüglich der Kulturdichte an erster Stelle in unserer Zone steht, denn es hat die meisten, darunter allererste Orchester aufzuweisen, wird das Land zunächst einmal in der Zuweisung des erforderlichen Sendeapparates völlig in den Hintergrund gedrückt. Bei der Administration Karlshorst wie auch sonst im Wirtschaftsleben gilt Thüringen als das Bindeglied nach Süden, Westen und Nordwesen und hat auf verschiedenen Gebieten Erfolge gezeitigt mit dem weiteren Ergebnis, daß für das Land und die Dinge, die aus diesem Land kommen, in den anderen Zonen ein besonderes Interesse besteht, während bezüglich anderer Länder zum Teil ein gewisses Mißtrauen vorherrschend ist, weil man behauptet, daß von diesen ausschließlich Propaganda getrieben wird. Sowohl wegen der Kulturdichte als auch wegen seiner Lage und seiner Verbindung zu den anderen Zonen wäre Thüringen legitimiert, bezüglich des Senders mit den anderen Sendern auf pari zu gehen, Thüringen ist aber das Aschenbrödel unserer Zone. Obwohl, wie ich schon ausführte, vom Land aus in der Erstellung des Sendegebäudes die allerersten und allerbesten Voraussetzungen geschaffen sind, warten wir seit nahezu einem ¾ Jahr vergebens auf den fest zugesagten Sendeapparat und haben im Gegenteil feststellen müssen, daß unter Überspringung Thüringens die stärkeren Apparate zunächst an andere Länder und Provinzen zur Ablieferung kamen.

Zum zweiten werden die künstlerischen und kulturellen Leistungen des Landes in unvertretbarer Weise seitens des Landessenders Leipzig in den Hintergrund gedrückt. Die Staatskapelle Weimar gehört zu einer der ersten unserer Zone. Ausschließlich die Berliner Philharmoniker können für sich in Anspruch nehmen, vor dieser Staatskapelle zu rangieren. Trotzdem wird die gesamte Musik im mitteldeutschen Raum nach einer jetzigen Anordnung des Landessenders Leipzig ausschließlich von diesem Sender übernommen. Bisher bestand die geradezu armselige Regelung, daß Thüringen am gemeinsamen Programm nur mit einer einzigen Kammermusiksendung in der Woche beteiligt war, die der Sender Leipzig nunmehr auch noch konsumiert.

Eine solche Regelung kann seitens des Landes Thüringen nicht stillschweigend hingenommen werden. Ich möchte in allererster Linie eine Neuregelung durch Ihr Amt erreichen und bitte aus diesem Grunde um Änderung des Statuts und der darin für das Land Thüringen in höchst unbilliger Weise vorgesehenen Beschränkungen. Es scheint mir ein Unding, Weimar bei der kulturellen Bedeutung, die von diesem Ort in die anderen Zonen und darüber hinaus ausstrahlt, mit den neu errichteten Sendern Halle und Magdeburg gleichzustellen, die ein kulturelles Leben haben, das mit dem von Weimar überhaupt nicht in einem Atem genannt werden kann.

Zur Behebung der bestehenden Differenzen halte ich es für geboten – und ich bitte, in diesem Sinne Ihrerseits zu verfügen –, daß Generalintendant Mahle oder ein von ihm Bevollmächtigter zur Besprechung der ganzen Angelegenheit nach Weimar kommt und bei dieser Gelegenheit mich aufsucht, damit wir gemeinsam einen Weg aus dem Heute finden, das für uns weiter nicht tragbar ist.

(Dr. Paul)


Quelle:Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 1748, Bl. 161r-163r (ms. Ausfertigung).