Nr. 195a
Eröffnungsansprache mit der Übertragung des Protektorats an Landespräsident Rudolf Paul


Ansprache Professor Hermann Henselmann
Direktor der Staatlichen Hochschule für Baukunst und bildende Künste 1 auf der Eröffnungsfeier der Staatlichen Hochschule für Baukunst und bildende Künste am 24. 8. 1946 um 9,00 Uhr in der Weimarhalle. 2
Wenn ich in diesem Augenblick die Eröffnungsurkunde aus Ihren Händen, sehr verehrter Herr Präsident, entgegengenommen habe, dann darf ich mich zuerst Ihnen zuwenden, Herr General, 3 Herr Minister 4 und meine Herren von der sowjetischen Militärverwaltung.
Ich wende mich an Sie zuerst, nicht, weil Sie die Macht haben, Befehle zu erteilen und damit auch den Befehl zur Eröffnung der Hochschule erteilt haben, sondern, weil Sie das Recht darauf haben, diesen Dank entgegenzunehmen. Denn ich weiss sehr wohl, und es ist vielleicht notwendig darauf hinzuweisen, dass überall dort, wo Hitler erschien, die Universitäten geschlossen wurden und, dass sie auf Jahre geschlossen blieben. Ich weiss sehr wohl, dass trotz aller gegenteiligen Versicherungen, den Völkern ihr völkisches Eigenleben unterdrückt und unterbunden wurde. So schlossen sich die Hochschulen von der Wolga bis zu den Pyrenäen und die Musen verhüllten trauernd ihr Haupt. Es ist an der Zeit daran zu erinnern, weil nur von diesem Standpunkt aus zu verstehen ist, woran wir zu denken haben. Denn, wenn wir unsere Hochschule eröffnen dürfen, ja dass in der sowjetischen Zone die erste deutsche Hochschule wenige Monate nach Beendigung der Kampfhandlungen und wohlgemerkt noch vor dem Abschluss irgend eines Vertrages wieder den Betrieb aufnehmen konnte. 5 Und, da Sie das grosse russische Volk repräsentieren, unseren Dank zuvor diesem tapferen und leiderfahrenen Volke und unsere Achtung und unsere Bewunderung den Erziehern dieses Volkes – Lenin und Stalin – die nicht Hass predigten, sondern den Lehren der grossen deutschen Philosophen folgend, Einsicht in die Entwicklungsgesetze der Menschheit nahmen und damit den Boden vorbereiteten, dass auch der Sieger um des Fortschritts der Menschheit willen, um der Ideen willen, die diesen Fortschritt tragen helfen, dem Besiegten die helfende Hand auszustrecken imstande ist. Doch der Boden auf dem wir stehen, der heilige Boden Weimars, gibt uns die Möglichkeit, Ihnen mit Stolz und mit Würde gegenüber zu treten, meine Herren. Hier wurde die deutsche Klassik geboren und hier werden wir diesen humanistischen Geist zu repräsentieren haben, und zu verteidigen, diesmal aber mit Hörnern und mit Klauen, gegen jede Art von Reaktion.Was wir unter Humanität zu verstehen haben, darüber wird an anderer Stelle heute noch zu reden sein. Hier sei nur soviel gesagt, dass wir darin begreifen, die Ueberzeugung, dass die Menschheit in ihren mannigfaltigen Geistesformen sich doch im ganzen in fortschreitender Entwicklung befindet. Es ist darunter zu verstehen der Glaube an die Vernunft, an die Möglichkeit, diese Entwicklung zu verstehen, ihre Gesetzmässigkeiten zu entdecken und ihnen nachzuleben. So, wie es vor manchen 120 Jahren in dieser Stadt einmal der alte Goethe dichterisch ausdrückte: „Die Gottheit ist wirksam im Lebendigen, aber nicht im Toten. Sie ist im Werdenden und sich Verwandelnden, aber nicht im Gewordenen und Erstarrten. Deshalb hat auch die Vernunft in Tendenz zur Vervollkommnung es nur mit dem Werdenden, mit dem Lebenden zu tun, der Verstand mit dem Gewordenen und Erstarrten, dass er es nütze.“ Wenn ich Ihnen, meine Herren verspreche, diesen Geist des Humanismus an der Hochschule, der ich vorzustehen die Ehre habe, zu vertreten und zu verteidigen, dann sei daran erinnert, dass wir, die Lehrer dieses Instituts, die natürliche Unterstützung bei diesen finden werden, die diese humanistischen Ideen bereits vertreten und bereits verteidigt haben, angesichts des Angriffs, der gegen die europäische Kultur gerichtet wurde. An der Spitze dieser Männer, unter denen sich auch, wie ich mit Stolz sagen darf, meine Freunde befinden, stehen Sie, Herr Landespräsident. Es gehört nicht zum Stil dieser Männer, viele Worte zu machen, aber vielleicht sollte es einmal gesagt werden, wie viel wir Ihnen, wie viel wir den Männern Ihrer nächsten Umgebung – ich nenne den Landesdirektor Dr. Wolf, ich nenne den Landesdirektor Böhme und die Herren Vizepräsidenten Busse und Dr. Lukaschek – zu danken haben, für manche Leistung, die vollbracht wurde. 6 Vollbracht auch in manchen Nachtstunden und die es möglich macht, dass wir diesen Tag so feiern können, wie wir ihn heute feiern. Darf ich Sie nun als Vertreter der dritten der Thüringer Hochschulen bitten, als Ausdruck unseres Dankes das Protektorat anzunehmen, auch über diese Hochschule? 7 Darf ich Sie bitten, Schirmherr im Sinne jener Wachsamkeit zu sein, die der Verteidigung unserer humanistischen Ideen, unserer demokratischen Freiheiten gilt und Schirmherr in jeder Sorge um die Jugend, in der wir die Zukunft unseres Volkes verkörpert sehen? Ich darf Ihnen diese Urkunde überreichen und sie zur Verlesung bringen.
Verlesung der Urkunde. 8

Und, wenn ich noch ein Wort an Sie richten soll, meine Studentinnen und Studenten, dann soll es die Mahnung sein, sich dessen bewusst zu sein, wie ich eben sagte, dass Sie diese Zukunft der Nation repräsentieren.
Der Not entsprechend, die da draussen steht und die, wie ich wohl weiss auch unter Ihnen zu Hause ist, sind die Forderungen, die an Sie gestellt werden, gross, aber im Grunde sind und bleiben die Forderungen, die an den Menschen gestellt werden, immer gross und wehe der Generation, die diese grossen Forderungen vergisst. Lassen Sie sich in dieser Stunde das Wort eines anderen Weimarer Grossen, Herders, sagen: „Der Mensch ist der erste Freigelassene der Schöpfung, der steht aufrecht. Die Waage des Guten und Bösen, des Falschen und Wahren hängt in ihm, er kann forschen, er soll wählen“. Und wenn Sie nun forschen, um dann zu wählen zwischen gut und böse, zwischen falsch und wahr, dann glauben Sie nicht, dass es [sich] mit der studentischen Sitte des Scharrens und Trampelns der Füsse getan ist. Ihre Füsse sind [in] 9 den letzten 12 Jahren zur Genüge in Bewegung gesetzt worden, nicht zum Guten und nicht um des Wahren willen. Wenn Sie forschen und wenn Sie wählen, dann bewegen Sie die Dinge in Ihrem Kopf und in Ihrem Herzen. Dann wählen Sie recht.

Quelle: Universitätsarchiv Weimar [der Bauhaus-Universität Weimar], I/01/932, Bl. 302r-304r (ms. Ausfertigung).

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