Nr. 189b
[31. August / 1. September 1946]

Pressemitteilung und Aktenvermerk über den Besuch einer bayerischen Wirtschaftsabordnung vom 30. August bis 1. September 1946


[Pressemitteilung]

Am Freitag trafen in Weimar Major S i l l e n s und Oberleutnant H u g u n i n von der amerikanischen Militärregierung in Bayern in Begleitung des Generalreferenten im bayerischen Wirtschaftsministerium, Herrn Dr. G ü m b e l, ein.

Sie wurden in Vertretung des verhinderten Landespräsidenten von Präsidialdirektor Staas begrüsst, der in seiner Ansprache darauf hinwies, dass Thüringen in allen Fragen der wirtschaftlichen Einheit Deutschlands äußerst positiv eingestellt sei, und dass auf Grund der Initiative des Landespräsidenten Prof. Dr. Paul zwischen Thüringen und Grosshessen hervorragende gutnachbarliche Beziehungen geschaffen worden seien. Die thüringische Landesverwaltung begrüsse es ausserordentlich, wenn auch zwischen Bayern und Thüringen eine ähnlich gute und enge Zusammenarbeit herbeigeführt würde, dies umso mehr, als Südthüringen und Nordbayern seit jeher wirtschaftlich stark verflochten seien.

Major Sillens erklärte, es sei das Ziel des Besuches, die Beziehungen zwischen Bayern und Thüringen ähnlich zu gestalten, wie dies zwischen Grosshessen und Thüringen der Fall sei. Insbesondere gelte es, eine Erleichterung der Passbestimmungen und des Warentransits zu ermöglichen.

Generalreferent Dr. Gümbel betonte die Bereitwilligkeit der bayerischen Regierung, bei einer Überwindung der Zonenschranken und bei der Herstellung der deutschen Wirtschaftseinheit mitzuwirken.

Im Laufe des Sonnabend werden die Herren sowohl von Herrn General Kolesnitschenko als auch von dem Herrn Landespräsidenten Prof. Dr. Paul offiziell empfangen werden. Während des zweitägigen Besuches sind ausserdem mehrere Besichtigungen wirtschaftlicher Einrichtungen in Aussicht genommen.

An
Presse, Rundfunkt, Büros (dpa)31/8. See.Staas 31/8.

Quelle:Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 254, Bl. 36r (ms. Ausfertigung).





[Der Präsident des Landes Thüringen] 1
[Weimar, den] 1. September 46[ - Wirtschaftsstab -]Dr. S/Hi.
A k t e n v e r m e r k.

Betrifft: Besuch einer bayerischen Wirtschaftsabordnung aus München in Weimar vom 30.8. - 1.9.1946.

Am Spätnachmittag des 30. August trafen in Weimar 2 Offiziere von der amerikanischen Militärregierung und 1 Mitarbeiter des bayerischen Wirtschaftsministers in Weimar ein. Es handelt sich um den amerikanischen Major S i l l e n s, Leiter der Wirtschaftsabteilung der amerik. Militärregierung in Bayern, Oberleutnant H u g u n i n, 2 Chef des Paßwesens der amerik. Militärregierung Bayerns in München, und den Herrn Generalreferenten im Bayerischen Wirtschaftsministerium Dr. G ü m b e l. Die Herren hatten versucht, bereits am Donnerstag, den 29.8.46, über Probstzella Thüringer Gebiet zu erreichen, mußten jedoch, da der Grenzübertritt nicht möglich war, über Wiesbaden und von dort aus über Gerstungen-Höhnebach nach Weimar fahren.

Der Zweck des Besuchs war, nachdem bereits im Sommer und Herbst vergangenen Jahres die ersten Verhandlungen über einen Austausch von Gütern mit Bayern seitens Vertretern der thüringischen Landesverwaltung gepflogen [worden] 3 waren, mit den maßgebenden Dienststellen der thür. Landesverwaltung zu erörtern, unter welchen Umständen ein gegenseitiger Warenverkehr in möglichst kurzer Zeit in Gang gebracht werden kann. 4

Da im Vordergrund aller Erwägungen die Frage amtlich zugelassener Grenzübertrittsorte stand, wurde am Freitag vormittag 11.00 Uhr eine Besprechung bei Herrn Garde-Generalmajor Kolesnitschenko vereinbart. Die Besprechung führte zu dem Ergebnis, daß – vorbehaltlich der Zustimmung der SMA Karlshorst – Grenzübertrittsorte vereinbart werden sollen. Es wurde in Aussicht genommen, möglichst 3 Orte, und zwar
in Ost-Thüringen Probstzellain Süd-Thüringen Coburg-Neustadt u.in West-Thüringen Mellrichstadtals Übertrittsorte festzulegen. Entsprechend dem mit Großhessen in zurückliegender Zeit getroffenen Abkommen, das von der Militärregierung beider Länder bestätigt wurde, soll der Dreisprachenpaß lediglich mit veränderten Ortsbezeichnungen für den Reise- und Güterverkehr zwischen Thüringen und Bayern eingeführt werden. Darüber hinaus soll festgelegt werden, daß nicht – wie es mit Großhessen vereinbart wurde – lediglich in einer Stadt die Pässe abgestempelt und unterschrieben werden sollen, sondern in sämtlichen 5 Hauptstädten d. Regierungsbezirke des Landes Bayern. Diese erleichternde Maßnahme würde den Reisenden große Umwege ersparen, da die Landeshauptstadt München nicht zentral, sondern im Süden liegt.
Herr Generalmajor Kolesnitschenko erklärte sich mit diesem Vorschlag einverstanden und bat lediglich darum, zur Information der Grenzposten der SMA Weimar und SMAD Berlin eine entsprechende Anzahl von Mustern der amerikanischen Stempel und Unterschriften der zuständigen Offiziere zur Verfügung zu stellen. Unabhängig von der endgültigen Einholung der Zustimmung der SMA Karlshorst sollen diese Muster-Formulare abgestempelt und unterschrieben in kürzester Frist nach Weimar gebracht werden. Herr Generalmajor Kolesnitschenko glaubte sagen zu können, daß er in wenigen Tagen eine bindende Entscheidung der SMA Karlshorst einholen könne.

Im Anschluß wurde über die Möglichkeiten eines Warenaustausches zwischen Bayern und Thüringen in Gegenwart des Herrn Generalmajor Kolesnitschenko gesprochen. Der Generalreferent im Bayerischen Wirtschaftsministerium, Herr Dr. Gümbel, wies auf die Ähnlichkeit der wirtschaftlichen Struktur der Länder Bayern und Thüringen hin und zeigte an einigen Beispielen, wie notwendig auch noch andere wirtschaftliche Fragen zwischen Bayern und Thüringen in nächster Zeit mit Rücksicht auf einen anzukurbelnden Export besprochen werden müssen. Drei der wichtigsten Industrie-Gebiete, wie die Glas-, Porzellan- und Spielwaren-Industrie, sind in Bayern fast in demselben Ausmaße anzutreffen wie in Thüringen. Herr Dr. Gümbel betonte, daß eine Konkurrenz zwischen Bayern und Thüringen in naher Zukunft ausgeschaltet werden müsse und es für einen späteren Export zuträglicher sei, sich auf gewisse Erzeugnisse festzulegen, die in dem anderen Lande dann nicht produziert würden. So ist beispielsweise eine Abstimmung innerhalb der thüringischen und bayerischen Spielwarenindustrie in Kürze erforderlich, da einmal Spielwaren und Puppenteile von einem Land in das andere geliefert und zum anderen voraussichtlich gerade Spielwaren sehr stark vom Ausland verlangt werden. Anhand derartiger Beispiele wies Herr Dr. Gümbel nach, daß Thüringen und Bayern in größtem Maße aufeinander angewiesen sind. Die alten Wirtschaftsbeziehungen, die vor der Zoneneinteilung bestanden hätten, müßten sobald wie möglich wieder hergestellt werden. Einen besonderen Raum nehme hierbei die nordbayerische und südthüringische Industrie ein, die eigentlich ein organisches Wirtschaftsgebiet darstellten. Herr Dr. Gümbel empfahl, einen starren Wirtschaftsvertrag, der sich vielleicht in allen Einzelheiten nicht durchführen lassen werde, zu vermeiden und mehr dafür zu sorgen, daß die Wege für einen individuellen Warenaustausch geebnet werden.

Im Anschluß fand ein offizieller Besuch bei dem Herrn Landespräsidenten Prof. Dr. P a u l in seinen Diensträumen statt. Der Herr Landespräsident begrüßte die Gäste und betonte, welche außerordentliche Bedeutung er der Aufnahme derartiger Wirtschaftsverhandlungen beimesse, nachdem bereits mit Großhessen in zurückliegender Zeit sehr intensive wirtschaftliche Beziehungen hergestellt worden seien. Die von den anwesenden Vertretern angeführten Gesichtspunkte, welche die beschleunigte Aufnahme derartiger wirtschaftlicher Beziehungen beleuchteten, erstreckte sich auf viele Industriezweige, deren Produktionen für das benachbarte Land von großem Interesse sind. Der Herr Landespräsident sagte einer Einladung nach München, die Herr Dr. Gümbel im Auftrage des Herrn Ministerpräsidenten Dr. Hoegner übermittelte, mit Dank zu.

Am Nachmittag des 31. August sollte ein Besuch der Z e i ß –Werke in Jena stattfinden, der den amerikanischen Offizieren und dem Vertreter des Bayerischen Wirtschaftsministerium einen Eindruck der Arbeit eines der größten und wichtigsten Werke Thüringens vermitteln sollte. Bedauerlicherweise war die Durchführung dieses Besuchs nicht möglich, da eine Betriebsbesichtigung infolge der Betriebsruhe zum Wochenende sich nicht erreichen ließ.

Im Laufe der Vormittagsstunden des 1. September 19436 wurden sodann Besprechungen über die Möglichkeiten eines Warenaustausches in Gegenwart des Leiters des Wirtschaftsstabs, Herrn Min.Dir. Dr. S e e l i g e r, des Herrn Landesdirektor B i e d e r m a n n vom Landesamt für Handel u. Versorgung und des Herrn K ü h l von der Wirtschaftskammer Weimar geführt. Herr Dr. Gümbel hatte vor seinem Besuch eine sehr intensive Vorarbeit geleistet und konnte sehr konkrete Vorschläge unterbreiten. Die von ihm mitgeführte Angebotsliste war sehr reichhaltig, während seine Wünsche für einen Bezug thüringischer Erzeugnisse sehr genau umrissen waren.

Als wichtigste Erzeugnisse auf der Angebotsseite sind zu vermerken:
Landwirtschaftliche Maschinen , […] 5 Demgegenüber erstrecken sich die Wünsche Bayern hauptsächlich auf folgende Erzeugnisse: […] 6 Es wurde außerdem über eine dritte Gruppe von Austauschgeschäften gesprochen, bei denen entweder Vorprodukte oder Fertigerzeugnisse derselben Sparte gegeneinander ausgetauscht werden sollen. Insbesondere sind hierbei folgende Erzeugnisse erwähnt worden:
1.) Die Metallindustrie Thüringens und Bayern soll in ihrer Produktion aufeinander abgestimmt werden, damit z. B. Thüringen die dringendst benötigten Wirk- und Strickmaschinennadeln im Austausch aus Bayern erhält.
2.) Die Kleineisen-Industrie Schmalkaldens soll sich unmittelbar mit der entsprechenden Eisen-Industrie Bayerns verständigen, damit ohne Kontingentschwierigkeiten Eisenwaren gegenseitig ausgetauscht werden können.3.) Bayern ist in der Lage, 100 moto Zellwolle für Thüringen zu verspinnen.4.) Bayern beabsichtigt, Textil-Vorprodukte mit den dazu erforderlichen Farbstoffen zur Ausrüstung nach Thüringen zu senden.Darüber hinaus ist Bayern in der Lage, zusätzl. Farbstoffe für die thüringische Textilwirtschaft zur Verfügung zu stellen.5.) Austausch von Teilen der Spielwaren- und Puppen-Fabrikation (z.B. Puppenaugen).
Es wurde auch die Reifenfrage besprochen, die in Thüringen ein brennendes Problem darstellt. Herr Dr. Gümbel erklärte sich bereit, mit der Firma M e t z l e r in München einen Plan für eine etwaige Produktionserweiterung auszuarbeiten und sodann in Erwägung zu ziehen, wieweit Thüringen an einem Mehrausstoß an Reifen teilhaben könnte.

Die im einzelnen durchgesprochenen Austauschmöglichkeiten, die teilweise ohne gegenseitige Verbindlichkeit summen- oder mengenmäßig festgelegt wurden, werden sodann im einzelnen in den Referaten überprüft. Es ist nicht beabsichtigt, einen starren Wirtschaftsvertrag abzuschließen, sondern es weitgehend den Industrien zu überlassen, sich im Rahmen der lose fixierten Mengen und Ziffern zu betätigen.

Mit Rücksicht darauf, daß am Montag in der amerikanischen Zone ein hoher amerikanischer Feiertag gefeiert wird, begaben sich die Vertreter der Militärregierung mit Herrn Dr. Gümbel bereits am Sonntag mittag wieder nach München zurück.

Die Besprechungen können als durchaus positiv gewertet werden. Es besteht kein Grund zu der Annahme, daß die vereinbarten Grenzübertrittsorte nicht zugelassen werden. Bevor jedoch nicht die endgültige Zustimmung der SMA Karlshorst und Weimar vorliegt, würde es verfehlt erscheinen, eine amtliche Mitteilung hierüber herauszugeben.

Bei der Verabschiedung wurden Gegenbesuche vereinbart.

Seeliger

V e r t e i l e r
:
Herrn Landespräsident Prof. Dr. PaulHerrn Vizepräsident BusseHerrn Landesdirektor BiedermannLandesamt f. Handel u. Versorgung,Herrn Landesdirektor Frommhold,Landesamt f. Wirtschaft

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 1387, Bl. 264r-266v (ms. Ausfertigung, Durchschrift).

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