Nr. 185b
1. August 1946

Bericht des Leiters des Wirtschaftsstabes Günter Seeliger über die Wirtschaftsverhandlungen während des Staatsbesuches


Der Präsident des Landes Thüringen
Weimar, den 1. August 1946- Wirtschaftsstab -Dr. S./Hi.
A k t e n v e r m e r k.


Betrifft : Besuch der Herren Senatspräsident K a i s e n und Senator W e n h o l d der Freien Hansestadt Bremen in Thüringen in der Zeit vom 26.7.-30.7.46 1

In der Zeit vom 26.7.-30.7.46 statteten die Herren Senatspräsident K a i s e n und Senator Wenhold von der Freien Hansestadt Bremen dem Herrn Landespräsidenten Dr. P a u l und dem Lande Thüringen einen ersten offiziellen Besuch ab. Das Abholen und Hinbringen der Gäste zur Grenze vollzog sich reibungslos; es ergaben sich bei dem Grenzübertritt keinerlei Schwierigkeiten.
Die Bremer Herren hatten Gelegenheit, auf verschiedenen Fahrten durch Thüringen Betriebe zu besichtigen, ein aufgeteiltes Staatsgut zu besuchen und sich einen wirkungsvollen allgemeinen Eindruck über die Aufbauarbeit und die Lebensverhältnisse im Lande Thüringen zu verschaffen.Die Aussprache mit ihnen vollzog sich in völlig freier Form. Sie begrüßten es, daß ihnen von allen Seiten auf ihre Fragen erschöpfende Auskünfte erteilt wurden und zeigten sich sichtlich befriedigt darüber, daß die mannigfaltigen Gerüchte, die im allgemeinen über die Lebensverhältnisse in der russischen Zone bei ihnen kursieren, keineswegs den Tatsachen entsprechen. Bei ihrem Abschied gaben sie mir die aufrichtige Versicherung, daß sie nunmehr ihre Aufgabe darin sehen, in der westlichen Zone daran mitzuwirken, daß die Atmosphäre des Argwohns und Mißtrauens gegenüber unserer Zone zerstreut werden, und beabsichtigten, in Berichten und Vorträgen über das, was sie gesehen und erlebt haben, zu referieren.Der Besuch diente auch dem Zweck, die Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Hansestadt und dem Lande Thüringen wieder anzuknüpfen und soweit wie möglich auszubauen. Herr Senator Wenhold betonte, daß er gute Gründe habe anzunehmen, daß schon in wenigen Monaten Bremen wieder ein wichtiger Umschlagplatz für Import- und Exportgüter werde. Er berichtete im einzelnen über die gegenwärtigen Umschlagziffern, die nicht wesentlich unter denen der Vorkriegszeit liegen. Allerdings handelt es sich hierbei z.Zt. noch überwiegend um gelöschte Gütermassen der alliierten Verbände. Die bedeutendsten großen Kaianlagen in Bremen seien überraschenderweise noch gut intakt. Bezüglich früherer Wirtschaftsbeziehungen zum Lande Thüringen konnte Herr Senator Wenhold feststellen, daß im Jahre 1938 Thüringen nach den Weserhäfen insgesamt 213 289 to Güter versandt und von den Weserhäfen 70 079 to empfangen habe. Die Güterein- und -ausfuhr Thüringens über die Weserhäfen nach dem Ausland belief sich im Versand auf 168 000 to und im Empfang auf 169 000 to. Diese Zahlen beweisen eindeutig, wie außerordentlich wichtig auch in der Zukunft die Hansestadt Bremen für den Versand Thüringer Spezialwaren in die Welt sein wird. Die Einfuhrgüter Thüringens von den Weserhäfen waren im Jahre 1938 hauptsächlich Fette und Öle, Futtermittel, Mineralölderivate, Stickstoffdüngemittel und Roheisenlegierungen; während Thüringen Kalidüngemittel, künstliche Steine, Glas und Glaswaren, Eisen- und Stahlwaren ausführte. Nachdem bereits durch Einzelbesuche von Vertretern des Landes Thüringen vorarbeitende Schritte zur Wiederaufnahme der Wirtschaftsbeziehungen in Bremen unternommen wurden, legte Herr Senator Wenhold nunmehr 2 Listen vor, von denen die eine die Lieferungsmöglichkeiten Bremens an Thüringen und die andere die Bezugswünsche von Bremen an thüringischen Waren beinhaltet. Die bremische Industrie ist in der Lage, folgende Waren und Warenkategorien zu liefern:
1.) Fahrzeuge ,
insbesondere 3-Tonnen-Lastkraftwagen (gegen Schnittholz),PKW-Anhänger mit Schwingachse u. Lastenfahrräder. 2.) Haus- und Küchengeräte , 3.) Kleineisenwaren , 4.) Maschinen und Apparate verschiedener Art, 5.) Pharmazeutika und Kosmetika , 6.) Techn. Oele und Fette , darunter Schmieröl, Kaltleim, ferner Holzschutzmittel, Glyzerin-Austauschstoff, 7.) Verschiedenes , wie Dachanstriche, Altmaterial aus Nichteisenmetallen usw.
Die bremische Wirtschaft benötigt aus dem Lande Thüringen folgende Erzeugnisse:

1.) Fahrzeugteile ,
2.) Verschiedene Gebrauchsgüter des tägl. Bedarfs, wie Bürsten, Tabakpfeifen, Kämme usw., 3.) Technische Geräte , wie Schalter, Pyrometer, Glimm- und Sparlampen usw., 4.) Galanterie- und Spielwaren aller Art, 5.) Hölzer , Schnitt-, Rund- und Sperrholz, 6.) Glas- und Porzellanwaren (die hauptsächl. Erzeugnisse der thür. Glasindustrie),7.) – 12.) Chemische Artikel , Tees, Gewürze, Papier, Werkzeuge u. Verschiedenes.
Diese Listen sollen nunmehr geprüft werden. Es ist in Aussicht genommen worden, in möglichst kurzer Frist unter Heranziehung der Kammern in Bremen über den Abschluß von Vereinbarungen zu verhandeln. Herr Senator Wenhold äußerte sich dahin, daß selbstverständlich zunächst einmal die Erzeugnisse Thüringens gegen diejenigen Bremens ausgetauscht werden müßten; darüber hinaus müßten aber schon jetzt alle Vorkehrungen getroffen werden, damit thüringische Erzeugnisse über Bremen exportiert und Exportware dagegen nach Thüringen zurückgelange. Das eine müßte sich aus dem anderen im Laufe der Zeit ergeben. Er wolle sich persönlich dafür einsetzen, dass dieses Endziel möglichst bald erreicht werden könne. Soweit ein Devisenerlös bei zukünftigen Exportlieferungen in Frage käme, stellte er sich auf den Standpunkt, daß dieser grundsätzlich dem Ursprungslande zur Verfügung zu stellen sei.
Herr Senatspräsident Kaisen sah seine besondere Aufgabe während seines Besuchs darin, die Struktur der Wirtschaftsorganisation in Thüringen sowie überhaupt in der sowjetischen Zone von dem Gesichtspunkt her zu ergründen, wieweit Wirtschaftsbeziehungen von Firma zu Firma oder von Behörde zu Behörde angeknüpft werden können. Er gelangte aufgrund seiner Untersuchung zu dem Ergebnis, daß auch die Struktur unserer Zone eigentlich alle Möglichkeiten vorsehe.Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die Gäste aus Bremen gute Eindrücke in Thüringen erhielten und ihr Wunsch, die Beziehungen in Zukunft zu vertiefen, dringend und aufrichtig war.
Seeliger
(Dr. Seeliger)
Verteiler
:
Herrn Landespräsident Dr. PaulHerrn I. Vizepräsident BusseHerrn Landesdirektor Biedermann,Landesamt f. Handel u. Versorgung,Herrn Landesdirektor FrommholdLandesamt f. Wirtschaft,Herrn Oberreg. Rat Heinicke


Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 1361, Bl. 151r-154r (ms. Ausfertigung).

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