Nr. 182
18./19. Juli 1946

Zeitungsbericht über die Ehrung Ricarda Huchs zu ihrem 82. Geburtstag mit der Widmung des Landespräsidenten Rudolf Paul „Die Demokratie des Lebens huldigt der Aristokratie des Geistes“


Thüringen ehrt Ricarda Huch
„Die Demokratie des Lebens huldigt der Aristokratie des Geistes“
J e n a , 19. Juli. (Eigener Bericht der „Abendpost.“)
Das stille Haus am Oberen Philosophenweg Nr. 72 in Jena war am gestrigen Donnerstag aus seiner beschaulichen Ruhe in ein nicht abreißendes Kommen und Gehen versetzt worden. Denn Ricarda Huch, Deutschlands bedeutendste lebende Dichterin, beging unter lebhafter Anteilnahme aller Kreise der thüringischen Bevölkerung in beneidenswerter geistiger Frische und körperlicher Rüstigkeit ihren 82. Geburtstag. Nachdem ihr durch den Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Jena der Ehrendoktorbrief überreicht worden war, huldigten im Laufe des Tages zahlreiche Gratulanten aus nah und fern der großen Dichterin. Marschall Sokolowskij und Gardegeneralmajor Kolesnitschenko übermittelten ihre Glückwünsche durch einen Offizier der Besatzungsmacht und Landespräsident Dr. Paul überbrachte am Nachmittag die Grüße des Landes Thüringen.
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Frau Ricarda Huch hatte die Freundlichkeit, einem Schriftleiter der „Abendpost“ ein Interview zu gewähren und erklärte auf die Frage nach ihren nächsten Plänen, daß sie nicht gern darüber spräche; denn wenn man bereits vorher darüber rede, werde meistens nichts daraus. Das sei zwar eine Art Aberglaube, aber sie könne immerhin verraten, daß sie demnächst mit dem Schreiben ihrer Memoiren beginnen werde. Ihr Geburtstag habe wunderschön begonnen; denn bereits in aller Frühe sei ihr die Chaconne, ein Violinsolo von Johann Sebastian Bach, gewidmet worden. Vorher habe sie natürlich nicht aufstehen dürfen; denn, wie sie scherzend bemerkt, eine Serenade müsse man unbedingt noch im Bett liegend anhören. Nachdem ihr die zahlreiche Post überreicht worden war, sei als erster Gratulant der Dekan der Philosophischen Fakultät erschienen, dem der Kurator der Universität folgte, dem sich dann wiederum Theodor Plivier 1 als Vertreter des Kulturbundes anschloß, der ihr Goethes Gartenhaus, ein Gemälde des Weimarer Malers Huth, überreichte. Vertreter der Parteien sowie der Oberbürgermeister der Universitätsstadt hatten es sich mit noch zahlreichen anderen Gratulanten aus allen Kreisen der Bevölkerung ebenfalls nicht nehmen lassen, der Dichterin ihre Huldigung darzubringen.
Kurz bevor Landespräsident Dr. Paul eintraf, sprachen noch die Vertreter der Jenaer Studentenschaft vor, mit denen sich die Dichterin sehr angeregt unterhielt und im Verlauf des Gesprächs erklärte, daß sie gar zu gern Russisch hätte lernen wollen, um die russische Literatur im Original zu lesen. Am Nachmittag übermittelte dann Landespräsident Dr. Paul die Glückwünsche des Landes Thüringen und überreichte unter anderem Edwin 2 Redslobs „Goethes Begegnung mit Napoleon“, das die Widmung des Präsidenten trägt: „Die Demokratie des Lebens huldigt der Aristokratie des Geistes. Das Land Thüringen verbindet mit den herzlichsten Wünschen für Ihr Wohlergehen vor allem den, daß sie uns und der Gesamtheit Deutschlands noch recht lange erhalten bleiben mögen.“Den Rest des Tages verbrachte die Dichterin im Beisammensein mit Landespräsident Dr. Paul, seiner Gattin und ihrem engsten Freundeskreis.

Quelle: Abendpost, 19.7. 1946.

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