Nr. 180g
16. Juli 1946

„Abendpost“-Gespräche mit SMATh und Landespräsident Rudolf Paul „Ein Jahr Selbstverwaltung in Thüringen“


Zum Tag der Amtsübernahme von Gardegeneralmajor Kolesnitschenko und Landespräsident Dr. Paul

Ein Jahr Selbstverwaltung in Thüringen
„Abendpost“-Gespräche mit der SMA Thüringen und dem Landespräsidenten
Weimar, 16. Juli. Heute vor einem Jahr – am 16. Juli 1945 – trat Gardegeneralmajor K o l e s n i t s c h e n k o sein verantwortungsvolles Amt als Chef der SMA Thüringen in Weimar an, und am gleichen Tage wurde Landespräsident Dr. Rudolf P a u l auf sein hohes Amt berufen.
Gleichzeitig mit ihm erfolgte die Berufung des bereits in der antifaschistisch-demokratischen Verwaltung bewährten 1. Vizepräsidenten Ernst B u s s e, während der 2. Vizepräsident Dr. A p p e l l sowie die Landesdirektoren M o o g, Dr. h. c. W o l f, B ö h m e und Dr. D r e c h s l e r ebenfalls von diesem Tage an ihre Kraft für den Neuaufbau in Thüringen zur Verfügung stellten.Damit ist der 16. Juli der Geburtstag der neuen demokratischen Selbstverwaltung und ein Ereignis besonderer Prägung in der Geschichte des Landes Thüringen.In der kurzen Spanne von nur einem Jahr seit Bestehen der Selbstverwaltung ist in Thüringen ein umfassendes Neuaufbauprogramm verwirklicht worden, das weit mehr als nur die Grundlagen unseres neuen politischen, wirtschaftlichen und demokratischen Lebens geschaffen hat. Wir haben die Wiederkehr des Tages der Einführung der Selbstverwaltung in Thüringen zum Anlaß genommen, uns an die SMA und an Landespräsident Dr. Paul mit der Bitte zu wenden, ihre Meinung über die erzielten Erfolge der demokratischen Umgestaltung unseres Landes zu äußern bzw. zu einigen bedeutsamen Gegenwartsproblemen Stellung zu nehmen.
Die Anerkennung der SMA
„Auf allen Gebieten des Lebens positive Ergebnisse“
Die SMA Thüringen äußerte sich auf die Anfrage der „Abendpost“ u.a. dahin, daß eigentlich eine Antwort auf alle für die gesamte Sowjetzone in Deutschland aktuellen Fragen in den letzten Reden des Außenministers der UdSSR, Molotow, auf der Pariser Konferenz der Außenminister der vier Großmächte 1 erteilt worden sei.
Was Thüringen unmittelbar angehe, so sei festzustellen, daß die große Arbeit, die mit der aktiven Unterstützung der antifaschistischen Organe und Parteien, insbesondere der sozialistischen Einheitspartei von den deutschen Selbstverwaltungsorganen durchgeführt wurde, ein durchaus positives Ergebnis gezeitigt habe. In keiner Hinsicht könne man die jetzige Lage mit der Situation vor einem oder noch vor einem halben Jahr vergleichen.Auf allen Gebieten des Lebens seien die realen p o s i t i v e n R e s u l t a t e der großen und schweren Arbeit des vergangenen Jahres e r k e n n b a r. Wenn die Bemühungen der Organe der deutschen Selbstverwaltung, der antifaschistischen Organisationen und Parteien auch in Zukunft dem großen Ziele der demokratischen Umgestaltung Thüringens und der Verbesserung des Lebens der Bevölkerung dienen werden, dann würden weitere Erfolge zweifellos nicht auf sich warten lassen.
In der

Unterredung mit Landespräsident Dr. Paul
hatte der Landespräsident die Freundlichkeit, die Fragen der Schriftleitung der „Abendpost“ wie folgt zu beantworten: Frage : Herr Landespräsident, Sie konnten bereits in mehrfachen Manifestationen überzeugende Beweise für den erfolgreichen Aufbau in Thüringen geben. 2 Darf ich Sie heute bitten, mir ihr e i n d r u c k v o l l s t e s E r l e b n i s im abgelaufenen Jahr Ihrer Amtstätigkeit zu sagen, und zwar: 1. nach der positiven und 2. nach der negativen Seite? Antwort : Ich darf das Wort Erlebnis in Erleben umwandeln. Das eindrucksvollste und im Laufe der zwölf Monate sich stets wiederholende Erleben war die ungebrochene und aktive A r b e i t s m o r a l der thüringischen Arbeiterschaft. Es ist leichter, arbeitsfreudig zu sein, wenn man gut genährt und gekleidet ist. Beides konnte das Land leider nur sehr begrenzt geben, und trotzdem haben die Arbeiter Höchstleistungen auf allen Gebieten vollbracht. Am unbedingt stärksten, im negativen Sinne, beeindruckte mich der Besuch eines U m s i e d l e r l a g e r s. Wer von uns glaubt, heute schon wieder nörgeln zu können, dem empfehle ich, dem Empfang eines Umsiedlerstromes beizuwohnen. Hier sieht er erbarmungslos klar die Auswirkung eines verbrecherischen Krieges. Frage : Welche Probleme sind für das Land Thüringen aus der Umsiedlungsaktion entstanden und wie sollen sie gelöst werden? Antwort : Die N e u b ü r g e r bedeuten für uns eine außergewöhnliche Belastung des Ernährungs- und des Wohnungsmarktes. Die Ernährungslage suchen wir durch stetige Vermehrung der Anbaufläche zu meistern. So brachten wir jetzt rund 48 000 Morgen an Exerzier- und Flugplatzgelände zum Anbau unter den Pflug und werden nach und nach Waldungen auf gutem und ebenem Boden roden. Des weiteren wird die Erfassung und Verteilung der Produkte in diesem Jahre eine gleichmäßigere und bessere sein. Der Wohnungsnot wollen wir durch freiwerdende Wehrmachtsbauten und durch Neuerstellung von Wohnungen begegnen, soweit die Baudecke neues Bauen zuläßt. Frage : Wie glauben Sie, Herr Präsident, den deutschen Einheitsgedanken und die Bestrebungen eines verstärkten Wirtschaftsaustausches zur Ueberbrückung der Zonengrenzen in Zukunft noch nachhaltiger fördern zu können? Antwort : Die Stärkung des E i n h e i t s g e d a n k e n s darf nicht die Aufgaben einiger Weniger sein. Alle müssen hier mithelfen, denn es geht um Deutschland. Nur Törichte können glauben, daß sie mit Eigenbrötelei auf die Dauer gesehen besser fahren als in gemeinsamer Schicksalsverbundenheit. Der Wirtschaftsaustausch ist von allem Bürokratismus zu befreien. Vor allem muß der Unternehmerinitiative bei gleichzeitiger Unterstützung durch das Land wieder breiterer Raum gegeben werden. Bisher bewährten sich die Wirtschaftsverträge zwischen den einzelnen Ländern am besten. Jedes Einschieben von weiteren Organisationen verzögert und macht den Handel starr. Auch hier gilt nicht das Wollen des einzelnen, sondern die Zielstrebigkeit aller deutschen Menschen zur Einheit. Frage : Worin erblicken Sie, nach den bisherigen Erfahrungen des erfolgreichen Wirtschaftsaufbaues die wichtigsten Grundlagen der künftigen Entwicklung der Thüringer Wirtschaft? Antwort : Die Grundlagen für die zukünftige Entwicklung Thüringens liegen in seinen Bodenschätzen, der Arbeitskraft und dem Aufbauwillen seiner Bevölkerung. Das Kalivorkommen ist das größte Europas, bedeutend ist allem Gerede zum Trotz der Waldbestand, beachtlich das Kohlen- und Erzvorkommen. Im Augenblick läßt sich noch nicht übersehen, wie lange die durch die Zoneneinteilung verursachte Rohstoffverknappung anhält – Thüringen ist das Land der Veredelungsindustrie. Wir kämpfen dagegen durch Schaffung neuer Industrien an. Frage : Welche Bedeutung hatte Ihrer Ansicht nach die Mitarbeit der antifaschistischen Parteien und der Organisationen für den demokratischen Aufbau der Landesverwaltung und wie kann diese Mitarbeit noch fruchtbarer gestaltet werden? Antwort : Die antifaschistischen Parteien haben das Land beim wirtschaftlichen und politischen Neuaufbau besonders wirksam unterstützt. Die beratende Landesversammlung schafft die Voraussetzung für eine noch intensivere und engere Zusammenarbeit zwischen den Parteien und der Landesverwaltung. Frage : Wie vollzog sich vom Standpunkt der Landesverwaltung die Zusammenarbeit mit der SMA in Weimar und der SMV 3 in Karlshorst? Antwort : Die Zusammenarbeit zwischen der Landesverwaltung und den Sowjet-Militäradministrationen Weimar und Karlshorst war trotz der in manchen Fragen zwangsläufig gegebenen gegensätzlichen Standpunkte eine ausgesprochen harmonische und produktive. Die auftauchenden Probleme wurden nicht unter dem Gesichtspunkt Sieger und Besiegter behandelt. Es herrschte immer Verständnis in der Regelung aller Fragen.

Quelle: Abendpost, 16.7.1946.

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