Nr. 180c
16. Juli 1946

Rede des SMATh-Verwaltungschefs Iwan S. Kolesnitschenko


Garde-Generalmajor Kolesnitschenko 1

Herr Präsident, meine Herren Vizepräsidenten, geehrte Anwesende!

Heute kann ich mit besonderer Freude, mit besonderer innerer Genugtuung die Verwaltung des Landes Thüringen begrüßen, die wirklich verdient diesen Tag feiert. Denn unter der Leitung des Präsidenten, des Vizepräsidenten und der Landesdirektoren hat die Verwaltung eine sehr große Arbeit in diesem Jahr vollbracht. Ich denke ein Jahr zurück, als wir Herrn Dr. Paul, Herrn Busse und Herrn Dr. Appell 2 eingeladen haben und als wir sie vor die ersten Aufgaben des Wiederaufbaues Thüringens stellten. Man muß offen sagen, diese Aufgaben waren sehr sehr schwierig. Wir haben die eben erwähnten Herren deswegen eingeladen, damit sie die Leitung des Landes in ihre Hände nehmen und tapfer die Wiedergeburt des Landes organisierten sollten. Wir wissen, daß sie eine gänzlich zerstörte Wirtschaft und eine vollständig demoralisierte Bevölkerung übernahmen, sodaß es schien, als sei absolut keine Perspektive vorhanden. Unter solchen Bedingungen ein solches Land aufzubauen schien damals, als ob man ein Haus auf Sand bauen sollte. Aber wir waren überzeugt, daß die Menschen, denen die Macht und die Regierung des Landes übergeben wurde, die ihnen übertragene Verantwortung unbedingt rechtfertigen und dieses Land in Zukunft auf einer wirklich demokratischen Basis aufbauen würden. Vielen von den von mir eben erwähnten Personen der Verwaltung des Landes, die gegründet wurde, waren anfänglich die gestellten Aufgaben noch nicht verständlich. Es waren sehr viele Schwierigkeiten vorhanden, das wußten wir und versuchten deshalb zu helfen, wo wir nur konnten. Die Hauptsache war, daß wir wußten, diese Menschen würden sich in den schwierigen Aufgaben nicht verlieren, sie würden es verstehen, die Bevölkerung Thüringens zur Überbrückung dieser Schwierigkeiten heranzuziehen. Sie werden dem Volk die Perspektive der Entwicklung zeigen und werden mit ihrer energischen Arbeit wirklich das Vertrauen des Volkes erkämpfen können. Heute können wir mit Befriedigung feststellen, dass das vergangene Arbeitsjahr der Landesverwaltung Thüringens grosse Erfolge gebracht hat. Die Verwaltung Thüringens hat das nötige Vertrauen des Volkes erobert und kann in Zukunft das Volk wirklich zum Wiederaufbau des Landes führen. Ich möchte heute ganz kurz an einige Ergebnisse der Arbeit erinnern. Erwähnen wir nur einige Ziffern, um zu zeigen, welche große Arbeit die Verwaltung Thüringens durchgeführt hat. Wir haben nunmehr die Möglichkeit festzustellen, daß die Kohlenindustrie Thüringens tatsächlich jetzt in einer guten Entwicklung steht. Sie kann schon in einem Quartal 1 271 000 to Kohle und 662 000 to Briketts liefern. 24 Elektrizitätswerke, die in Thüringen vorgesehen sind, können in einem Quartal 178 7000 000 KW Energiestunden abgeben. Wir haben mehr als 6 000 Betriebe in Thüringen, von denen 93 % arbeiten. Die Produktion Thüringens erreicht im 3. Quartal einen Wert von 423 Mill. RM; dieser Betrag bezieht sich nur auf die vorgesehene Großindustrie. Die Landwirtschaft ist wiederhergestellt und steht für die spätere Entwicklung auf einer guten Basis. Wir können in diesem Jahr viel mehr Vorräte aufspeichern als im vorigen Jahr, was uns auch die Möglichkeit gibt, die Lebensmittelnormen der Bevölkerung in der Sowjetzone zu erhöhen. Vielleicht ist diese Erhöhung der Lebensmittelnormen nicht so groß, aber ich glaube, daß es besser ist, sie wenigstens etwas zu erhöhen als sie herabzusetzen, wie es in den anderen Zonen geschieht. Die Landwirtschaft Thüringens sowie auch die Viehzucht haben alle Möglichkeiten für die zukünftige Entwicklung. Das sichert uns auch weiterhin die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln.
Man muß auch daran denken, was die Verwaltung Thüringens in einem Jahre auf kulturellem Gebiete geleistet hat. Ich möchte nur einige Tatsachen aus dem Schulleben Thüringens anführen: In Thüringen sind jetzt Volksschulen, höhere Schulen, Gewerkschaftsschulen usw. in Betrieb, in Thüringen insgesamt 2 143. In diesen Schulen werden 454 756 Schüler unterrichtet. Erinnern wir uns auch daran, daß in Thüringen wieder eine Universität eröffnet ist, an der 1 600 Studenten studieren. Ferner besteht wieder ein Konservatorium mit 230 Teilnehmern. Es laufen pädagogische Kurse mit 4 600 Teilnehmern sowie verschieden andere Kurse. Daraus sehen wir, daß jetzt jeder 5. bis 6. an Thüringens [Schulen] lernt. Ich bin der Ansicht, daß das ein sehr großer Erfolg ist. Die Jugend hat sich ehrlich um die Wissenschaft bemüht und bereitet sich vor, ein wirklicher Bürger Deutschlands zu werden und nicht, um als Soldaten andere Völker zu vernichten. In Thüringen gibt es sehr viele Theater, sehr viele Kinos, sehr viele Bibliotheken und verschiedene andere kulturelle Einrichtungen, die darauf ausgerichtet sind, dem Volke zu helfen, die nazistische Ideologie zu vernichten und in ihm eine wirkliche Demokratie zu erziehen.Wir haben auch sehr großen Erfolg in der Demokratisierung Thüringens. In Thüringen gibt es 3 demokratische Parteien, die mehr als 200 000 Mitglieder haben, es gibt eine Freie Deutsche Gewerkschaft, die mehr als 500 000 Mitglieder hat, es gibt ein Antifaschistisches Frauenkomitee, es gibt eine Freie Deutsche Jugend, die mehr als 50 000 Mitglieder hat und es gibt eine Organisation der Intelligenz, den Kulturbund, der mehr als 5 000 Mitglieder hat. Bei der Landesverwaltung ist eine Beratende Landesversammlung gegründet worden, die sich aus verschiedenen Parteien und antifaschistischen Organisationen zusammensetzt. In Thüringen ist die Reinigung der Verwaltungsapparate von nazistischen Elementen vorbildlich durchgeführt worden. Die Durchführung der Bodenreform ist eine große geschichtliche Tatsache, welche die ökonomische Grundlage der reaktionärsten Klasse, der Gutsbesitzer, vollständig beseitigt hat. In Thüringen ist auch die Demokratisierung der Schule, die Schulreform, durchgeführt worden. Das Vermögen der Kriegsverbrecher und der aktiven Nazisten wurde sequestriert, und über dieses beschlagnahmte Eigentum verfügt die Verwaltung Thüringens. Diese Maßnahmen haben auf die demokratische Entwicklung Thüringens einen sehr guten Einfluß ausgeübt, die uns jetzt die Möglichkeit gibt, an die Wahlen der Selbstverwaltungen heranzugehen. Man muß aber immer an eines denken, daß die Liquidierung der Überreste des Nazismus ein sehr schwieriges und sehr wichtiges Problem ist und nicht im Laufe eines Jahres entschieden werden kann. Alle ideologischen Überreste sind sehr lebensfähig und wenn wir jetzt auch keine ökonomischen und keine politischen Möglichkeiten für die Weiterexistenz des Nazismus haben, so werden die Überreste des Nazismus doch in der Ideologie einiger Menschen noch mehrere Jahre fortleben. Man muß noch in Betracht ziehen, daß nicht überall und nicht in jeder Zone die Entnazifizierung und Liquidierung der nazistischen Elemente so vorwärts geht wie hier und daß wir natürlich auch eine Wirkung auf die Ideologie der Menschen in unserer Zone haben. Es ist bekannt, daß in einigen Gebieten noch die nazistische Ideologie und die nazistische Politik unterstützt werden. Man muß das deutsche Volk endlich zu der Einsicht bringen, daß das Problem der Liquidierung des Nazismus das wichtigste des deutschen Volkes ist, damit in dieser Frage kein Spiel von fremden Kräften zugelassen wird. Solche fremden Kräfte sind nur eine zeitweilige Erscheinung, das Schicksal des deutschen Volkes ist aber das Problem nicht eines Tages und nicht eines Jahres.Ich glaube, daß wir heute an diesem feierlichen Tage mit wirklicher Überzeugung sagen können, daß in Thüringen schon die Grundlagen für die weitere Entwicklung der Ökonomie Thüringens, für die weitere Entwicklung der Industrie und der Landwirtschaft und für die weitere Demokratisierung des ganzen Lebens Thüringens geschaffen sind. Wir haben jetzt schon genügend Erfahrung in der Selbstverwaltung, in der Verwaltung der Kreise, in der Verwaltung des politischen und des wirtschaftlichen Lebens. Wir verfügen über Menschen, die den Weg der Entwicklung Deutschlands wirklich kennen und verstehen, und endlich zeigt sich auch in den Gedanken des ganzen deutschen Volkes der Weg der Zukunft. Ich kann hier ganz überzeugt sagen, daß die Verwaltung des Landes Thüringen mit Herrn Dr. Paul an ihrer Spitze befähigt sein wird, auch in Zukunft das Land vorwärts zu führen, ungeachtet aller Schwierigkeiten, die sein werden. Und in dieser Richtung wünsche ich Ihnen, Herr Dr. Paul, 3 und der ganzen Verwaltung große und noch größere Erfolge. Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 253, Bl. 76r-79r (deutsche Übersetzung, ms. Ausfertigung).

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