Nr. 168d

17. Juni 1946

Schreiben des RWF-Dekans Richard Lange an Landespräsident Rudolf Paul zur Benennung der Ehrenpräsidentin Ricarda Huch und von Universitätsvertretern

17. Juni 1946


Hochverehrter Herr Landespräsident!

Unter dem Eindruck des Appells, den Sie heute an mich richteten, möchte ich Ihnen mitteilen, daß ich mich entschlossen habe, den Berliner Ruf 1 abzulehnen und Jena treu zu bleiben. Sie werden verstehen, daß bei meinen engen wissenschaftlichen und menschlichen Beziehungen zu Kohlrausch 2 die Entscheidung für mich nicht leicht war. Und noch am vergangenen Freitag wurden mir in Berlin verlockende Anerbietungen gemacht. Den Ausschlag für Jena gab demgegenüber, daß ich hier in einzigartiger Weise dank den Brücken, die Sie geschlagen haben, die Möglichkeit sehe, über die Zonengrenzen hinüber an der deutschen Rechtseinheit und der Bewahrung der kulturellen Einheit mitzuarbeiten.

Soeben war ich bei Ricarda Huch. Sie ist bereit, sich benennen zu lassen und bei der Eröffnungssitzung zu sprechen, bittet nur um ungefähre Angaben, in welcher Richtung man etwa von ihr eine Aeußerung erwartet. Ich freue mich sehr, Ihnen dies mitteilen zu können, noch mehr aber freute ich mich über die Begründung, mit der sie sich bereiterklärte: man dürfe sich einem Appell, der von Ihnen käme, der Sie soviel für das Land getan und selbst soviel Opfer gebracht hätten, nicht verschließen.
Heute mittag nannte ich in Zusammenhang mit der Frage des Vorparlaments an meiner Stelle zunächst den Rektor. So wünschenswert die Vertretung der Universität durch ihre Spitze ist, so möchte ich doch nach reiflicher Ueberlegung an diesem Vorschlag nicht festhalten, insbes. nachdem ich selbst angenommen habe. Denn man wird dort jüngerer aktivistischer Persönlichkeiten bedürfen. 3 Eine solche ist für den Fall, daß Sie weiterhin auf die Universität zurückkommen, was ich damit aber in keiner Weise nahelegen möchte, der Kurator Dr. Bense in ganz hervorragendem Maße; wir arbeiten an der Universität aufs engste zusammen.
Lassen Sie mich Ihnen, Herr Landespräsident, in meiner Eigenschaft als Dekan noch einmal ganz besonders dafür danken, daß Sie sich heute zu Anfang Ihres Vortrags 4 zur Abhaltung weiterer Vorlesungen ausdrücklich bereiterklärt haben. Wir freuen uns alle sehr darauf.

In aufrichtiger Ergebenheit bin ich Ihr
[ohne Unterschrift]

Quelle: Universitätsarchiv Jena, Best. V, Abt. XCVI, Nachlass Richard Lange, Ordner III, n. fol. (ms. Ausfertigung).

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