Nr. 166c
1. August 1946

Entsprechendes Schreiben des Wirtschaftsstableiters Günter Seeliger an den SMATh-Verwaltungschef Iwan S. Kolesnitschenko


1. August 1946
Dr. S./Hi.

An die
Verwaltung der Sowjet-Militäradministration des Landes Thüringen,Herrn Garde-Generalmajou K o l e s n i t s c h e n k o, W e i m a r

Betrifft: Einrichtung wirtschaftlicher Stützpunkte in anderen Zonen.

Unter Bezugnahme auf die zwischen Herrn Garde-Generalmajor Kolesnitschenko und dem Leiter des Wirtschaftsstabes, Herrn Dr. Seeliger, geführte Besprechung am Dienstag, den 23.7.46, führe ich im Folgenden nochmals die Gründe für die Notwendigkeit der Errichtung wirtschaftlicher Stützpunkte in den anderen Zonen aus:

Der Interzonenverkehr mit den westlichen Zonen hat sich in den letzten Monaten im Rahmen der bestehenden Möglichkeiten entwickelt und hat für das Land Thüringen ohne Zweifel gewisse Fortschritte gebracht. Der Abschluß von Geschäften oder Rahmenverträgen bedarf in den meisten Fällen einer gegenseitigen persönlichen Fühlungnahme. Unter den z.Zt. noch herrschenden erschwerenden Bedingungen ist es jedoch immer nur einzelnen Persönlichkeiten möglich, von hier in die westlichen Zonen oder aus dem Westen nach Thüringen einzureisen. Nachdem die Wirtschaftsbeziehungen lange Zeit zwischen den westlichen Zonen und dem sowjetisch-besetzten Gebiet so gut wie abgerissen waren, können durch derartige Besuche nur wenige vordringliche Austauschgeschäfte abgeschlossen werden.

Die Durchführung der vereinbarten Lieferungen vollzieht sich im vorgeschriebenen Formalismus. Die Erfüllung der festgelegten Bedingungen erfordert manachmal viel Zeit und Mühe, so daß in Einzelfällen zu dem Zeitpunkt, zu dem die amtlichen Genehmigungen vorlagen, die zwischen den Geschäftspartnern vereinbarten Termine bereits verstrichen waren. Auch bezüglich der Erfüllung der Lieferbedingungen in finanzieller Hinsicht waren die Überweisungsvorschriften von hemmender Wirkung.

Besonders wichtig ist die Fühlungnahme mit den Militärregierungen der einzelnen Zonen, den deutschen Selbstverwaltungsorganen, Industrie- u. Handelskammern und schließlich mit den Kreisen der Indsutrie und des Handels. Es hat sich gezeigt, daß auch hier vereinzelte Besprechungen nur in geringem Umfang die gewünschten Erfolge zeitigen können.

Diese Erkenntnisse führen zu der Auffassung, daß eine wesentliche Steigerung und Intensivierung der Wirtschaftsbeziehungen mit den westlich-besetzten Zonen erreicht werden kann, wenn ein ständiger Kontakt hergestellt wird. Eine solche ständige Verbindung läßt sich am besten und zweckmäßigsten dadurch herstellen, daß ein unmittelbarer Vertreter der Landesverwaltung Thüringen am Sitze der zuständigen Militär-Regierung und deutschen Selbstverwaltung stationiert wird und all die Aufgaben erfüllt, die bisher nur mangelhaft erledigt werden konnten.

Ich wiederhole deshalb meine Anregung, die ich auch dem Herrn Landespräsidenten Dr. P a u l bereits bekanntgegeben habe, zunächst in der amerikanischen Zone und dann möglichst bald auch in Hamburg einen Stützpunkt für die Behandlung von wirtschaftlichen Fragen einzurichten und diesen einer erfahrenen, mit wirtschaftlichen Fragen gut vertrauten Persönlichkeit zu übertragen.

Die Aufgaben eines solchen Stützpunktleiters würden etwa folgende sein:

1.) Ständige Fühlungnahme mit den Militär-Regierungen, den deutschen Selbstverwaltungsorganen, Industrie- u. Handelskammern, sowie den Industrie- und Handelsfirmen der betreffenden Zone.
Feststellung der Liefermöglichkeiten und Freimachen von Rohstoffen, Halbfabrikaten und Fertigerzeugnissen durch Verhandlungen mit den zuständigen Stellen.
2.) Beseitigung aller bürokratischen und sonstigen Schwierigkeiten bei der Durchführung der vereinbarten Lieferungen.

3.) Abstimmung der beiderseitigen Interessen.

4.) Mitarbeit bei dem Abschluß von Wirtschaftsabkommen.

5.) Laufende Unterrichtung der Landesverwaltung 1 Thüringen über die wirtschaftliche Entwicklung in der anderen Zone zur Auswertung von Handelsbeziehungen.

Da ich die Einrichtung eines solchen Stützpunkts für die amerikanische Zone in Wiesbaden mit Rücksicht auf die vielen Möglichkeiten, die sich aus einem engen Warenaustausch zwischen der amerikanischen Zone und Thüringen ergeben können, für besonders notwendig und dringend halte, möchte ich mir den Vorschlag erlauben, zunächst in Wiesbaden bei der Grosshessischen Landesregierung einen solchen Stützpunkt beschleunigt einzurichten.

Es ist für die Übernahme einer solchen Stellung bereits eine geeignete Persönlichkeit vorhanden, die den Anforderungen durchaus entsprechen dürfte. Der Bewerber besitzt gute Kenntnisse der west- und süddeutschen Industrie, er hat sich außerdem viele Jahre vor dem Krieg intensiv mit Import- und Exportgeschäften befaßt.

Ich bitte den Herrn Generalmajor Kolesnitschenko, den hier unterbreiteten Vorschlag zu erwägen und mir Gelegenheit zu geben, Herrn H a u m a n n, Bad Salzungen, der als Stützpunktleiter in Betracht gezogen wird, 2 demnächst vorstellen zu dürfen.

Ein weiterer Bewerber, der über gute Erfahrungen verfügt, hat sich in der Zwischenzeit für die Übernahme eines solchen Stützpunktes in Hamburg gemeldet. 3 Ich darf mir erlauben, zu einem späteren Zeitpunkt hierauf zurückzukommen.

Seeliger
(Dr. Seeliger)Leiter des Wirtschaftsstabs

Quelle:Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 1377, Bl. 251r-253r (ms. Ausfertigung); die russ. Übersetzung dieses Schreibens ist überliefert in: Gosjudarstwenny archiw Rossijskoj Federazii [Staatsarchiv der Russischen Föderation, Moskau] , f. 7184, op. 1, d. 15 a [Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, Z 47 F, Film Nr. 90177], Bl. 262r-264r).

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