Nr. 160b
28. Mai 1946

Der Mitteilung zugrundeliegende Grundsätze des künftigen Kirchenreferenten Karl Erle zum Verhältnis von Staat und Kirche und zu den Aufgaben der Kirchenabteilung


Arnstadt, den 28. Mai 1946
Schulrat ErleArnstadt
An den
Herrn Präsidialdirektor S t a a s W e i m a r Präsidialamt
Auf Ihre Anfrage, ob ich bereit wäre, ein Amt für kirchliche Angelegenheiten im Präsidialamt zu übernehmen, möchte ich meinen grundsätzlichen Standpunkt zu den kirchlichen Fragen in einigen programmatischen Sätzen zusammenfassen; denn ich möchte den Herrn Landespräsidenten gegebenfalls mit meiner Arbeit nicht enttäuschen.

Die Kirchenregierung hat bezüglich der Reinigung der Pfarrer- und Kirchenbeamtenschaft von Nazi-Elementen 1 tatsächlich die Gesetze des Staates nicht im Entferntesten durchgeführt, ja sie möchte ihre Maßnahmen in dieser Hinsicht geradezu verschleiern. Es ist, da es sich um die Kirche handelt, nicht wünschenswert, daß diese Tatsachen von den Parteien oder den Zeitungen aufgegriffen werden. 2 Pflicht und Recht des Staates ist es, der Kirche den Frieden zu erhalten, und deshalb soll er hier regulierend eingreifen. Das Amt eines Scharfrichters in diesen Dingen würde ich allerdings ablehnen müssen. Auch in meinem Schulkreis habe ich mich bemüht, jeden Nazifall individuell zu bereinigen. Bei vielen Behörden wird leider immer wieder an der Tatsache vorübergesehen, daß wir in anderem Falle ohne Not Gegner des demokratischen Staates schaffen. Gerade bei der Kirche können wir z. B. nicht fordern, daß alle „Deutschen Christen“ mit den Nazis zu identifizieren sind. Man muß bei den D.C.-Pfarrern 3 unterscheiden zwischen denen, die sich politisch auf die Seite der NSDAP stellten und denen, die deshalb zu der deutsch-christlichen Glaubensbewegung stießen, weil diese eine liberale Theologie vertraten und viele von ihnen hofften, über die deutsch-christliche Glaubensbewegung ihr Ideal einer Einheitskirche verwirklichen zu können. Es ist also tatsächlich die Auffassung, daß wir in Thüringen 85 % D.C.-Pfarrer gehabt hätten, 4 nicht ganz zutreffend. Um so mehr Vorsicht ist daher bei der Durchführung des Reinigungsprozesses zu beobachten. In dieser Angelegenheit wäre es erforderlich, die jetzt beim Landeskirchenamt bestehende Spruchkommission 5 neu zu bilden. Sache der Abteilung für kirchliche Angelegenheiten wäre es, die Arbeit dieser Spruchkommission lediglich zu kontrollieren.

Schon aus, ich möchte sagen, irrationalen Gründen kann m. E. nicht daran gedacht werden, etwa den Landesbischof zu einem Rücktritt zu bewegen. Mit einer solchen Maßnahme würden wir selbst den vorerwähnten liberalen und politisch sauberen Teil der Pfarrerschaft vor den Kopf stoßen. Ich bin überzeugt, daß durch Verhandlungen mit dem Landesbischof ohne Zwang seitens der Staatsautorität zu erreichen sein wird, daß er die Kirchenregierung in der Weise umgestaltet, daß er einige B.K.-Kirchenräte durch liberale Kirchenräte ersetzt. Die organische Entwicklung der gegenwärtigen Thür. Bekenntniskirche zu einer liberalen und damit unseren demokratischen Staat stützenden Kirche wäre alsdann bei ständiger Anregung seitens des staatlichen Organs gewährleistet.

Die Aufgabe der Kirchenabteilung des Präsidialamtes wäre also zunächst einmal darin zu erblicken, im völligen Einvernehmen mit der Kirchenregierung zu arbeiten. Die Kirchenregierung darf nicht den Eindruck gewinnen, daß sie unter Zwang des Staates stehe. In einem Erlaß über die Einrichtung einer Kirchen-Abteilung im Präsidialamt müßte zum Ausdruck kommen, daß der Staat die thür. Kirchen aller Konfessionen als wichtige Kulturträger für den Aufbau Deutschlands gewinnen möchte und zu diesem Zwecke eine Kirchen-Abteilung im Präsidialamt einrichtet, die den Kirchenleitungen helfend und fördernd zur Seite gestellt werden soll, damit diese nicht etwa zum Spielball parteilicher und journalistischer Streitigkeiten wird. Nur auf dem Boden gegenseitigen Vertrauens kann organisch das erwachsen, was durch Maßnahmen des Staates erreicht werden soll.
Die Kirchen-Abteilung wird vor allem auch in ständiger Fühlungnahme mit der theologischen Fakultät in Jena stehen und Sorge tragen müssen, daß ein liberaler Pfarrerstand herangebildet wird.
Innerpolitisch ist die Einrichtung der staatlichen Kirchen-Abteilung eine Notwendigkeit unserer Zeit; sie ist auch kein Novum und hat früher sowohl in Preußen wie in Thüringen bestanden. Wird diese Kirchen-Abteilung in dem von mir vorgeschlagenen Sinne geleitet, so wird auch jede außenpolitische Reibungsfläche vermieden werden.
Karl Erle.

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 734, Bl. 115r-117r (ms. Ausfertigung).

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