Nr. 158d
6. Juni 1946

Die Weimarer „Abendpost“ über Rudolf Pauls Besuch des Länderrates

Der Verlauf der Länderratssitzung

Bekenntnis zur deutschen Einheit S t u t t g a r t, 6. Juni. Der Präsident des Landes Thüringen, Dr. Rudolf P a u l, weilte in Begleitung des Leiters des Thüringischen Präsidialamtes, Präsidialdirektor Staas und des Dekans der juristischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Professor Dr. Lange, in Stuttgart, um auf Einladung der Ministerpräsidenten der Länder der amerikanischen Besatzungszone Deutschlands an der 9. Tagung des Länderrates teilzunehmen. 1 Am Vorabend der Tagung gab der Direktor der amerikanischen Militärregierung beim Länderrat, Dr. Pollock, zu Ehren des Thüringer Landespräsidenten einen Empfang.Die Sitzung des Länderrates am 4. Juni hatte auf ihrer Tagesordnung eine Reihe interessanter und bedeutsamer Fragen. Zu Beginn gab Ministerpräsident Dr. Högner (Bayern), als Vorsitzender dieser Konferenz, in herzlichen Begrüßungsworten seiner Freude Ausdruck, zum ersten Male einen Landespräsidenten des sowjetischen Besatzungsgebietes beim Länderrat zu sehen.Der Höchstkommandierende der amerikanischen Besatzungstruppen in Deutschland, General Clay, der zu der Sitzung aus Berlin nach Stuttgart gekommen war, sprach über verschiedene Probleme der amerikanischen Besatzungszone. Er begrüßte sodann sehr herzlich den Präsidenten des Landes Thüringen, Dr. Paul, und erklärte: „Wir begünstigen sehr den Austausch deutscher Besuche!“Von besonderer Bedeutung waren die Ausführungen Generals Clay über die Vorbereitung der Verfassungsentwürfe in den Ländern der amerikanischen Zone Deutschlands. General Clay unterstrich, daß „die Verfassungsentwicklung in den einzelnen Ländern kein Hindernis für die künftige einheitliche Entwicklung des Ganzen bringen dürfe“.Ministerpräsident Professor Dr. Geiler (Groß-Hessen) betonte die Notwendigkeit, im Interesse der deutschen Einheit unter allen Umständen Zonenregierungen zu vermeiden.Ministerpräsident Dr. Maier (Württemberg-Baden) vertrat den Standpunkt, daß bis zur endgültigen Regelung der Zonenfragen zumindestens die einzelnen Landesgrenzen kein Hindernis bilden dürften.Anschließend ergriff Landespräsident Dr. Paul das Wort. Zunächst dankte er General Clay für die besonders herzlichen Worte der Begrüßung. Im Hinblick auf die Tagung des Länderrates führte Dr. Paul aus, er habe festgestellt, daß man hüben und drüben mit den gleichen Problemen und Schwierigkeiten zu rechnen habe und daß man hier wie dort unverzagt an die Dinge herangehe.„Wir vertreten in unserer Zone den Standpunkt, daß wir die Gestaltung unseres Schicksals selbst in die Hand nehmen müssen, und daß wir kein System, sei es aus Frankreich, Rußland, England oder Amerika übernehmen, sondern aus geschichtlicher Entwicklung aufbauen.“Zum Schluß dankte Ministerpräsident Dr. Högner dem Thüringer Landespräsidenten nochmals für sein Erscheinen und seine Ausführungen. Wichtig wäre vor allem, daß wir uns nicht aus den Augen verlören. Aus den Herzen würden wir uns nicht verlieren.

Quelle: Abendpost, 6.6.1946. Zeitungsausschnitt in: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 271/31.

1