Nr. 151b
24. Mai 1946
Aus einem Bericht des Landesamtes für Wirtschaft über Wirtschaftslage und Demontagefolgen

Abschrift
Weimar, den 24. Mai 1946Ca/Ks.Bericht des Landesamtes für Wirtschaftüber die allgemeine wirtschaftliche Gesamtlage Thüringens
I. Organisatorisches. (Abteilung Wirtschaft, Industrie- und Handelskammer, Handwerkskammer)[…]
II. Planendes (Demontage). Wiederingangsetzung der Betriebe. (Befehl Nr. 1056 SMA Thür.) Um den Plan durchführen zu können, ist ein Gesetz in Ausarbeitung, wonach das Land Thüringen Verfügungsberechtigungen bekommt über Produktionsmittel, Gebäulichkeiten und Betriebsmittel. Die entstehenden Unkosten werden zur Zeit in einem Investitionsplan ausgearbeitet, der eine Übersicht über den augenblicklichen und vorgesehenen Bestand der Kapazität einzelner Industriezweige bzw. Betriebe neben der Beschaffung und Kostenfrage bzw. Betriebseinrichtung vorsieht. Sinn und Zweck dieses Planes ist, die nicht ausgelasteten Maschinen der einzelnen Betriebe zu erfassen und denjenigen zuzuführen, die besonders wichtige Aufgaben für den Wiederaufbau zu erfüllen haben. Demontage . Allgemeines: Die Wirtschaftslage Thüringens ist zur Zeit gekennzeichnet durch die über das Land gehende, in die Wirtschaftsverbindungen stark eingreifende Demontage. 1 Vorwiegend werden von der Demontage betroffen Betriebe der eisen- und stahlerzeugenden und verarbeitenden Industrie sowie des Maschinenbaues. Da Thüringen mit umfangreichen Reparationsaufträgen belegt ist, die die technische Kapazität 100%ig ausschöpfen, ist die Erfüllung der Produktionsaufgaben insbesondere für Reparationsaufträge insofern in Frage gestellt, als die Zulieferwerke, die der Demontage verfallen sind, mit ihren Erzeugnissen ausfallen. Die Wirtschaftsführung hat deshalb die Aufgabe, durch Verlagerung der Aufträge auf Ausweichbetriebe und durch Wiederingangbringung der demontierten Werke die entstandenen Lücken zu schliessen. Die Thüringer Wirtschaft ist gekennzeichnet durch die restlose Ausschöpfung der bislang verfügbaren Roh- und Betriebsstoffe. Die Möglichkeit, auf Ausweichstoffe zurückzugreifen, ist als erschöpft anzusehen.Besondere Aufmerksamkeit wird der Erschliessung und Aufbereitung der Rohstoffvorkommen gewidmet. Kohle steht in unzureichenden Mengen zur Verfügung und es fehlt besonders an allen Grundstoffen. Die in Thüringen erzeugte Zellwolle reicht nicht aus, um die grossen Produktionsaufgaben der Thüringischen Textilindustrie zu erfüllen. Der Bezug von Rohstoffen und sonstiger Materialien aus anderen Ländern und Provinzen der sowjetischen Zone ist als unzureichend anzusehen.Der Bezug von Materialien aus den anderen Zonen bedingt einen langen formalen Weg und die zur Genehmigung freigegebenen Mengen genügen nicht, um den Bedarf zu befriedigen. Es muss erreicht werden, dass die Abriegelung der 3 Zonen aufgehoben wird, damit der Industrie die Möglichkeit gegeben ist, mit den planlenkenden Regierungsstellen die wirtschaftliche Einheit Deutschlands herzustellen.Durch die Demontage wird die Durchführung einiger SMA-Befehle stark beeinträchtigt. So hat z. B. die Automobil- und Maschinenfabrik (BMW) in Eisenach eine ganze Reihe von direkten und indirekten Lieferfirmen verloren. Es ist nun die Aufgabe, neue Ausweichbetriebe ausfindig zu machen (Befehl Nr. 93).Die Durchführung des Befehles Nr. 170 (Reparatur von Kraftfahrzeugen) wird durch die Demontage der Thüringer Zahnradwerke, Sonneberg (Getrieberäder), der Ernst-Thälmann-Werke I, Tabach-Diethard (Sockel für Glühlampen, Autolampen), Götze-Werke, Apolda (Kolben und Kolbenringe für Kraftfahrzeuge), der Firma Fritz Scholz, Arnstadt (Reparatur von Kugellagern), der Firma Max Hering, A.G., Ronneburg (Autoräder) stark beeinträchtigt. Mit der Demontage der Firma Ernst Thälmann-Werke I, Tambach-Diethard, entfällt der grösste Glühlampensockel-Hersteller der sowjetischen Besatzungszone. Da auch auf diesem Sektor das zweitgrösste Werk, die Firma Linke, Glas- und Metallwarenfabrik, Grossbreitenbach, demontiert wird, verbleiben für diese Fabrikation nur noch 2 kleine Betriebe, deren Produktion für die Befriedigung nicht ausreicht.Damit wird die Thür. Glühlampen-Industrie zum grössten Teil lahmgelegt. Auch Firmen ausserhalb Thüringens werden davon stark betroffen, so vor allem die Firma Friedmann & Wolf, A.G. in Zwickau, die Reparationsaufträge in Höhe von RM 25 000 000. – auf Bergwerkslampen vorliegen hat, deren Ausführung durch Ausfall der Ernst Thälmann-Werke I in Frage gestellt ist.Mit der Firma Sylb & Pondorf, Schmölln, fällt nicht nur eines der grössten Werke zur Herstellung von Holzbearbeitungsmaschinen und vor allen Dingen für die Reparatur von derartigen Maschinen und Anfertigung von Ersatzteilen hierfür aus, sondern es fällt auch der einzige Hersteller von Knopfmaschinen aus, was sich auf etwa 350-400 Betriebe, die Knöpfe herstellen, auswirken dürfte.Auf dem Gebiete der Pumpen- und Kompressoren-Werke werden 3 Betriebe demontiert. Einmal die Firma Apag, Apollo-Werk A.G., Gössnitz, Heinrich Leo, Gera, Anger & Söhne, Sondershausen, deren Kapazität über 50 % der Thür. Gesamtbetriebe ausmacht. Hier wird sich vor allem die Demontage der Firma Anger & Söhne stark auswirken, da diese Firma als einzige die für den Bergbau so notwendigen Pumpen herstellt.Durch die Demontage der Firma Hermann Weihrauch und Friedrich Langhahn, Zella-Mehlis, sowie die Teilmontage der Firma Passas-Werke Reum & Sachs, Barchfeld, die Zulieferteile für Fahrräder herstellen, wurde das Reparationsprogramm in Fahrrädern in Frage gestellt.Auf dem Gebiete des Feuerschutzes existieren unseres Wissens bisher nur 2 Betriebe, die Total-AG., Apolda und die Firma Minimax, Brandenburg. Durch die Demontage der Total-Werke wird der Feuerschutz erheblich beeinträchtigt, besonders aber auch dadurch, dass diese Firma nicht nur die Reparaturen selbst liefert, sondern auch das zum Nachfüllen der vorhandenen Reparaturen benötigte chemische Erzeugnis herstellt. […] 2
III. Produktion […] 3

Quelle: Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR, Zentrales Parteiarchiv [der SED], NY 4182, Nr. 952, Bl. 33r-46r, hier Bl. 35r-37r (ms. Abschrift).

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