Nr. 150d
6. Juni 1946
Niederschrift des hessischen Ministerialrates Willi Wittrock über die Tagung

Großhessisches StaatsministeriumDer Minister für Wiederaufbauund politische BefreiungWi/Re.6. Juni 1946
N i e d e r s c h r i f t
überdie Arbeitstagung der Landesplanungsbehördenam 24. Mai in Weimar (Thüringen)und am 25. und 26. Mai im Hotel Wartburg b. EisenachAuf Grund der Einladung der Landesplanungsbehörde des Landes Thüringen hat das Staatsministerium Großhessens das Wiederaufbauministerium zur Teilnahme an der Tagung aufgefordert. Das Wiederaufbauministerium hatte die Herren Ministerialdirektor Dr. Heckert und Ministerialrat Wittrock entsandt. Die Fahrt erfolgte in einem PKW, der von dem Fahrer Weimer gesteuert wurde. Die Grenzübertrittspässe (Drei-Sprachen-Pässe) waren von der Militärregierung ohne Bedenken ausgestellt worden. Die Fahrt selbst erfolgte über die Reichsautobahn, der Grenzübertritt bei Gerstungen. Der amerikanische Posten registrierte die Pässe und den Zeitpunkt des Grenzübertritts, bevor er den Schlagbaum öffnete. Der Grenzübertritt in die russische Zone wird von 4, in einer Staffelung von etwa 1000 m Abstand aufgestellten Grenzposten überwacht. Die ersten beiden Posten stehen an den straßenabsperrenden Schlagbäumen. Der Grenzeintritt machte keine Schwierigkeiten. Während der Fahrt von Gerstungen über Eisenach, Gotha, Erfurt, Weimar fanden keine Kontrollen statt. Nach oberflächlichen Eindrücken spielt sich das Leben in den einzelnen Städten und Dörfern ebenso wie in der westlichen Zone ab. Auf den Straßen der größeren Städte herrscht reges Leben. Die Truppen der Besatzung traten nur in den größeren Städten in Erscheinung.In Weimar suchten wir zunächst das Landespräsidium auf, um uns bei dem Landespräsidenten Dr. Paul zu melden. Dr. Paul war in Urlaub. Die Landesplaner-Tagung fand im Gebäude der Landesplanungsbehörde, Lottenstraße, statt. Die Länder der sowjetischen Zone waren vollzählig vertreten; aus der westlichen Zone waren nur die Vertreter Großhessens und ein inoffizieller Vertreter des Oberpräsidenten von Rheinland und Hessen-Nassau aus Koblenz erschienen. Die übrigen Länder der westlichen Zone hatten Begrüßungstelegramme oder Begrüßungsschreiben gesandt. Die Vertreter der westlichen Zone wurden besonders herzlich begrüßt. Um die Einheit Deutschlands zu fördern, wurde der Bitte Ausdruck gegeben, möglichst enge Beziehungen mit den deutschen Stellen im Osten zu pflegen.Es fanden Referate über die Aufgaben der Landesplanung statt. Herr Ministerialrat Wittrock berichtete über den Verwaltungsaufbau im Lande Großhessen und den Aufbau der Landesplanung. Die sowjetische Zone ist in die Länder Thüringen, Volksstaat Sachsen, Provinz Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und die Reichshauptstadt gegliedert. An der Spitze jedes Landes steht der Landespräsident. Landesdirektoren stehen an der Spitze der einzelnen Abteilungen der Landesregierung. Der verwaltungsmäßige Aufbau gliedert sich wie in der beigefügten Anlage 1.) dargestellt. Die Landesplanung, Landesvermessung und Wirtschaftsplanung gehört zum Präsidialbüro und untersteht unmittelbar dem Landespräsidenten. Die Landesplanung hat anscheinend auf Einfluß der russischen Planwirtschaftler, wesentlich umfassendere Aufgaben durchzuführen als bisher. Sie erstreckt sich auf alle Zweige des wirtschaftlichen und sozialen Lebens. Die Landesplanung übt auf die Ausführung keinen unmittelbaren Einfluß aus. Sie unterbreitet ihre Vorschläge dem Landespräsidenten, der den einzelnen Landesdirektoren Weisungen erteilt.Jedes Land hat eine sowjetische Militär-Administration, von der die Zivilverwaltung Befehle und Anordnungen erhält. Die sowjetische Haupt-Militär-Administration befindet sich in Berlin-Karlshorst. Diese erteilt über die Landes-Administrationen den Landesregierungen ihre Befehle. Neben der Haupt-Administration der Besatzungsmacht bestehen deutsche Zentralverwaltungen für die Zivilverwaltung, die sich ähnlich gliedern wie die Länderregierungen. Anschließend an die Aussprache über die heutigen Aufgaben der Landesplanung fand auf Einladung des Landessenders Thüringen eine kurze Unterhaltung am Rundfunk statt. Die gemachten Ausführungen sind aus der Anlage 2 1 zu entnehmen. Am 25. und 26. Mai wurde die Arbeitstagung auf der Wartburg bei Eisenach fortgesetzt. Die Tagesordnung ist beigefügt (Anlage 3). Es führt zu weit, die Referate im einzelnen wiederzugeben. Alle versuchten nachzuweisen, wie durch Zusammenarbeit von Technik und Wissenschaft die wirtschaftlichen Kräfte zur höchsten Entfaltung zum Wohle der Bevölkerung zu bringen sind, und wie die Landesplanung dabei mitwirkte.Die Umsiedlung macht auch in der Ostzone große Schwierigkeiten. So soll z.B. in Mecklenburg-Vorpommern die bisherige Bevölkerung von 1,2 Millionen durch Aufnahme von Umsiedlern auf 3 Millionen erhöht werden. Ähnlich liegen die Verhältnisse in den anderen Ländern der sowjetischen Zone.Die Bodenreform, die in der bekannten Art der Zerschlagung großer Güter durchgeführt worden ist, wird jetzt durch die Landesplanung einer Prüfung unterworfen, um den Bodenqualitäten entsprechend eine endgültige Größenfeststellung der einzelnen Höfe durchzuführen. Hecken- und Baumpflanzungen sollen das Ausdorren des Bodens hemmen und damit den Ertrag steigern. Eine Vermessung ist bisher nicht erfolgt. Hauptgrund für die Reform sei darin zu sehen, daß weite Flächen durch den Krieg restlos zerstört sein sollen, besonders das Land zwischen Berlin und der Oder. Hier seien selbst die Obstbäume abgeholzt worden. Die Menschen hausen in Kellern und Scheunen. Um eine Aufbauarbeit in Gang bringen zu können, sei eine durchgreifende Reform notwendig.Die Landesplaner der verschiedenen Länder wiesen darauf hin, daß ihnen ein freies Arbeiten im Rahmen der Gesetze der Militär-Regierung gestattet sei und daß alle Gerüchte, die Bevölkerung stehe unter schwerem Druck, unbegründet seien. Das Leben in den Städten und Siedlungen ließ die Richtigkeit dieser Erklärungen erkennen. Unterhaltungen mit der Bevölkerung ergaben keine Anhaltspunkte dafür, daß die Bevölkerung unterdrückt wird. Von den Landesplanern wurden die Vertreter Groß-Hessens eingeladen, den Wiederaufbau innerhalb ihrer Gebiete in Augenschein zu nehmen. Besonders die Vertreter der Stadt Berlin und des Landes Sachsen würden sich freuen, wenn ein Besuch bald erfolgen würde. Umgekehrt äußerten die Landesplaner der sowjetischen Zone den Wunsch auf enge Zusammenarbeit mit den Landesplanungsbehörden der amerikanischen und britischen Zone. Sie baten darum, auch von uns aus alles zu tun, um nicht die Zonengrenzen der Besatzungsmächte auch zu geistigen Zonengrenzen innerhalb des deutschen Volkes werden zu lassen. Die Vertreter Groß-Hessens wiesen auf die enge Verbundenheit Westdeutschlands und Ostdeutschlands hin und betonten, daß unter Führung des Großhessischen Ministerpräsidenten, Herrn Professor Dr. Geiler, in allen Parteien und Kreisen die baldige Beseitigung der Zonengrenzen und Wiederherstellung eines politisch und wirtschaftlich einheitlichen Deutschland gefordert würde. Eine entsprechende Entschließung ist einstimmig angenommen worden. (Anlage 4). 2 An den Herrn Ministerpräsident Groß-Hessens wurde ein Begrüßungstelegramm gesandt. Die Vertreter Groß-Hessens hatten den Eindruck, daß es unbedingt notwendig ist, alles zu tun, um ein geistiges und wirtschaftliches Auseinanderleben der beiden Teile Deutschlands zu verhindern. Es erscheint unbedingt notwendig, durch häufige gegenseitige Fühlungnahme die geistigen Beziehungen zu pflegen. Deshalb haben die Großhessischen Vertreter am Schluß der Tagung den Landesplanern mitgeteilt, daß sie dafür eintreten wollen, daß die 2. Interzonentagung der Landesplaner in Westdeutschland, möglichst in Groß-Hessen stattfinden soll. Dieser Vorschlag wurde freudig aufgenommen.Die Rückfahrt vollzog sich in ähnlicher reibungsloser Form wie die Hinfahrt.Die Unterbringung im Hotel Augusta in Weimar und im Hotel Wartburg bei Eisenach war erstklassig.
Wittrock (Wittrock)Ministerialrat
4 Anlagen

Quelle: Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abt. 1126, Nr. 15b, Bl. 216r-218r (ms. Ausfertigung).

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