Nr. 136d

o. D.


Pressebericht des Präsidialdirektors Hans Staas „Fahrt gen Westen“



Fahrt gen Westen
Beitrag zur politischen und wirtschaftlichen Einheit Deutschlands. Landespräsident Dr. Paul ist am 28. April von seinem dreitägigen Besuch in Grosshessen nach Weimar zurückgekehrt. Über den Verlauf und die Ergebnisse dieser Reise gibt Präsidialdirektor Staas, der in Begleitung des Landespräsidenten an der Reise teilnahm, folgenden Bericht.
Zwischen dem 26. und 28. April 1946 stattete der Präsident des Landes Thüringen Dr. Paul dem Ministerpräsidenten des Landes Grosshessen, Professor Dr. G e i l e r, einen offiziellen Besuch ab. Die besondere Bedeutung dieser Reise besteht darin, dass zum ersten Male der Präsident eines sowjetischen besetzten deutschen Landes sich in eine andere Zone begab, um die Verbindung zu den dortigen Verwaltungsorganen aufzunehmen. Diese Tatsache fand in allen Westgebieten besondere Beachtung.
Der Zweck der Reise war es, die bei dem Besuch des grosshessischen Ministerpräsidenten in Weimar im Januar dieses Jahres begonnenen Wirtschaftsverhandlungen fortzuführen. Ziel der künftigen Entwicklung soll sein, diese Wechselbeziehungen zwischen den beiden Ländern immer enger zu gestalten, um über die Schranken der Demarkationslinien hinweg herbeiführen zu helfen die in den Potsdamer Beschlüssen zugesicherte wirtschaftliche Einheit Deutschlands.Darüber hinaus ist es aber nunmehr gelungen, auch in kultureller Hinsicht einen Austausch zwischen Grosshessen und Thüringen in die Wege zu leiten. Im Rahmen dieses kulturellen Programmes werden z.B. die Weimarische Staatskapelle unter Staatsrat Prof. Abendroth in Wiesbaden und das ausgezeichnete Darmstädter Landestheater in Weimar Gastspiele durchführen. Es ist aber auch beabsichtigt, führende Männer der Wissenschaft und Politik beider Länder im Austausch Vorlesungen und Vorträge halten zu lassen, die eine Vertiefung des gegenseitigen Kennenlernens zur Folge haben.Dies alles in der richtigen Erkenntnis, dass nicht nur die wichtigen wirtschaftlichen, sondern auch die ebenso wertvollen kulturellen Güter Austauschobjekte sein müssen, wenn eine Verewigung des Denkens und Handelns in Zonengrenzen verhindert werden soll.Im Mittelpunkt des Besuches des Landespräsidenten Dr. Paul in Wiesbaden stand ein offizieller Empfang durch das grosshessische Kabinett, das durch die führenden Persönlichkeiten des beratenden Landesausschusses und durch die vier Partei-Vorsitzenden erweitert worden war.In seiner Begrüssungsansprache erklärte Ministerpräsident Prof. Dr. Geiler u.a.: „Es ist mir eine besondere Freude, Sie, Herr Landespräsident, hier in nachbarlicher Verbundenheit zu empfangen. Als ich vor Monaten in Thüringen war, wussten wir noch nicht, wie die Öffentlichkeit und die beiderseitigen Militärregierungen die Anbahnung wirtschaftlicher und politischer Zusammenarbeit aufnehmen würden. Zu unserer Freude sind unsere ehrlichen Bemühungen verstanden worden. Wir haben schon damals in Thüringen gemeinsam den deutschen Einheitsgedanken vertreten. Inzwischen hat der Wille, die zonalen Grenzen zu überwinden, recht erfreuliche Fortschritte gemacht. Thüringen und Grosshessen haben die gleichen schweren Probleme zu überwinden. Es kommt nun darauf an, dass wir gegenseitig die besten Methoden durch gemeinsame Aussprache kennenlernen.“In fast dreistündiger äusserst lebhafter Diskussion bot sich sodann dem Landespräsidenten Dr. Paul die Gelegenheit, den führenden Repräsentanten des Landes Grosshessen einen Einblick in die augenblickliche Lage des Landes Thüringen zu geben.Mit besonderem Nachdruck wandte sich der Landespräsident Dr. Paul insbesondere gegen die Gerüchte, die in westlichen Zonen über Thüringen bezw. über die sowjetische Zone verbreitet sind. „Diese Gerüchte“, so sagte er wörtlich, „sind nur ein Niederschlag der Goebbels Propaganda und schliessen die Gefahr ein, dass die einzelnen Teile Deutschlands sich weiter entfremden. Wer diese Gerüchte verbreitet, dient der Zersplitterung, aber nicht der dringend gebotenen Förderung aller Einheitsbestrebungen.“Im Hinblick auf die allgemeinen wirtschaftlichen und finanziellen Verhältnisse in Thüringen wies Landespräsident Dr. Paul auf die unterschiedliche Lage des Geldmarktes in den beiden Ländern hin und betonte, dass durch die Sperrung der alten Bankguthaben der Notenumlauf in der Sowjetzone wesentlich niedriger ist als in den Westgebieten, was sich sowohl auf die Preisgestaltung als auch auf die arbeitspolitischen Bedingungen äusserst günstig auswirkt. „Erfreulicherweise“, so erklärte er, „ist auch das Vertrauen in die Finanz- und Geldpolitik bei der thüringischen Bevölkerung sehr gross, was die ständige steigenden Einzahlungen auf neue Konten sowie die hohen Summer von neu abgeschlossenen Versicherungen beweisen.Landespräsident Dr. Paul konnte auf die äusserst günstige Entwicklung der thüringischen Industrie hinweisen, die bereits mit 92 v. H. wieder arbeitet. Dieser Prozentsatz ist umso achtungsgebietender, als z.B. in Grosshessen die Industrie erst mit 32 v. H. wieder angelaufen ist.Grundsätzlich erklärte Landespräsident Dr. Paul zum Schluss: „Meine Fahrt gilt nicht nur einem Gegenbesuch, nicht nur der Unterstützung von Wirtschaftsverhandlungen oder der Anbahnung kultureller und politischer Wechselbeziehungen, sondern er soll vor allem zum Ausdruck bringen, dass über die Grenzen unserer Länder und über die Zonen hinweg ein inniges Verhältnis besteht, das sein Ziel in der wirtschaftlichen und politischen Einheit Deutschlands sieht.“Besonders bedeutungsvoll ist auch die Tatsache zu nehmen, dass der Landespräsident Dr. Paul während seines Aufenthaltes in Wiesbaden von dem Direktor der amerikanischen Militärregierung, Oberst Newman, offiziell empfangen wurde und so Gelegenheit fand, eine Reihe zwischen Grosshessen und Thüringen schwebender Fragen zu besprechen. Durch einen Presseempfang und durch mehrere Rundfunkinterviews wurden die Mitteilungen des Landespräsidenten Dr. Paul über die Verhältnisse in Thüringen der breitesten Öffentlichkeit zugängig gemacht, wobei es offenbar gelang, in den Ring des Misstrauens, der Thüringen bezw. die sowjetische Zone von den Westgebieten als Nachklang der Goebbels-Propaganda umgibt, eine beachtenswerte Bresche zu schlagen. 1

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 391, Bl.110r-113r (ms. Ausfertigung).

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