Nr. 125c
9. Mai 1946
Schreiben Herbert Biedermanns an Landespräsident Rudolf Paul zur Mindener Beratung alliierter Wirtschaftsvertreter und zu den Genehmigungs- und Planungsproblemen

Wemar, den 9. Mai 1946Bi/UR
Der Präsident des Landes ThüringenWirtschaftsstab -
An denPräsidenten des Landes ThüringenHerrn Dr. Paul W e i m a r

Sehr geehrter Herr Präsident!
Unabhängig von den Einzelheiten, die Ihnen Herr Hellmuth über das Genehmigungsverfahren im Interzonenhandel mitteilen wird, mache ich darauf aufmerksam, dass am 7. und 8. Mai in Minden die alliierten Wirtschaftsvertreter zusammengekommen sind, um über eine Vereinfachung des Interzonenhandels zu beraten. Die Engländer und Amerikaner sind sich darüber einig gewesen, dass mit dem augenblicklichen Papierverfahren der Russen ein reger Interzonenhandel nicht eingeleitet werden kann. Während von russischer Seite die Ein- und Ausfuhr genehmigungspflichtig ist, wird z.B. von englischer Seite nur die Ausfuhr in einem ganz beschränkten Rrahmen überprüft, während die Einfuhr genehmigungsfrei ist.
Die eigentliche Ursache, warum in den letzten Wochen der Interzonenhandel des Landes Thüringen nicht vorwärts kommt, liegt nicht ausschließlich an dem Genehmigungsverfahren, sondern an der Tatsache, dass es trotz wochenlanger Besprechungen mit den beiden Landesämtern für Handel und Versorung und für Wirtschaft nicht gelungen ist, die Planungsunterlagen zu schaffen, die als erste Voraussetzung für die weitere Durchführung wirtschaftlicher Vereinbarungen mit anderen Zonen anzusehen sind.
Die Abteilung für Interzonenverkehr führt praktisch bisher nur die bereits getätigten Verträge mit Hessen und Hannover durch. Trotz einer Fülle von Angeboten, die wir aus Hannover, der Nord-Rhein-Provinz, Westfalen usw. haben, stehen wir immer wieder vor der entscheidenden Frage „was kann Thüringen liefern?“.
Ich habe in den letzten Tagen nochmals mit den zuständigen Landesdirektoren verhandelt und hierbei auch versucht, einen Ausgleich zwischen dem Landesamt für Wirtschaft und dem Landesamt für Handel und Versorgung zu schaffen. Wenn auch das Landesamt für Wirtschaft in seiner Produktionsplanung den Hauptanteil der für den Interzonenhandel interessierenden Waren bearbeitet, so muss darüber hinaus dem Landesamt für Handel und Versorgung die Möglichkeit gegeben werden, die für den Interzonenhandel verfügbaren Waren zu erfassen.
Die Planungsstelle vom Landesamt für Wirtschaft ist seit ca. 3 Wochen im Aufbau; der Vorsteher der Planungsstelle im Landesamt für Handel und Versorgung ist seit 8 Tagen im Dienst. Der Befehl 67 1 verlangt darüber hinaus, dass viele Fertigfabrikate, die bisher in Thüringen noch frei verkauft werden konnten, jetzt bewirtschaftet werden, und es ist zu erwarten, dass die neu gegründete Planungsstelle in Berlin sehr viele Waren abziehen wird, um sie für den Bedarf der Ostzone selbst einzusetzen.
Es muss endlich erreicht warden, dass die Abteilung für Interzonenverkehr lebensfähig wird, dass sie peersonalmässis aufgefüllt und nach Möglichkeit auch räumlich mit dem Wirtschaftsstab zusammengelegt wird, um endlich wieder praktisch zum Zuge zu kommen. Wenn der Wirtschaftsstab heute abend in Leipzig 2 oder mogen vormittag in Eisenach mit Herrn General Kolesnitschenko zusammen mit den Vertretern anderer Zonen verhandelt, 3 so haben wir nichts in der Hand, um eindeutig angeben zu können, was Thüringen bereitstellen kann.
Ich bin somit abschliessend der Meinung, dass es wichtig ist, sich in Berlin für die Vereinfachung des Genehmigungsverfahrens im Interzonenhandel einzusetzen, dass es aber darüber hinaus ebenso wichtig ist, erst im Lande Thüringen endlich die Unterlagen zu schaffen, die bei der Durchführung eines Warenaustausches unbedingt notwendig sind.
Biedermann. (Biedermann)

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 1361, Bl. 189r, 189v (ms. Ausfertigung).

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