Nr. 117
13. März 1946
Schreiben des Landespräsidenten Rudolf Paul an den SMATh-Verwaltungschef Iwan S. Kolesnitschenko zur personellen Lage höherer Verwaltungsstellen und zu Denunziationen bei russischen Dienststellen

13. März 1946.Dr. P./Ca.
HerrnGarde-Generalmajor K o l e s n i t s c h e n k oSowjet-Militär-Administration W e i m a r

Sehr geehrter Herr General! In der Anlage übersende ich Ihnen ein Schreiben des Oberbürgermeisters der Stadt Mühlhausen. Seine Verteidigungsschrift selbst lasse ich in deutsch beifolgen, weil ihre Übersetzung bei ihrem Umfang das Dolmetscherbüro zu lange belasten würde. 1 Ich stelle Ihnen das Schreiben des Oberbürgermeisters aus folgendem Grunde zu: Die Landesverwaltung Thüringen ist seit etwa 8 Monaten im Amt, und die Länge dieser Amtszeit bedingte an sich, dass die Verwaltung sich nach und nach verbesserte. Zu meinem Bedauern kann ich das leider nicht feststellen. Im Laufe der Monate ist eine solche Fülle von höheren Beamten – Oberbürgermeister, Landräte, Landesdirektoren – zur Ablösung gekommen, dass zunächst einmal die Verwaltung durch den ständigen Wechsel in den Ämtern zwangsläufig hat leiden müssen. Es kommt hinzu, dass die Zahl der zur Verfügung stehenden politisch und wirtschaftlich geeigneten Persönlichkeiten im Lande Thüringen ausserordentlich gering ist, weil Thüringen als ehemaliger Schutz- und Trutzgau Deutschlands der nazistisch verseuchteste Gau Deutschlands war. Infolge der zahlreichen Ablösungen musste zum Teil von der sogenannten ersten Garnitur bereits auf die zweite Garnitur zurückgegriffen werden, und ich sehe mit Sorge, dass bei einer Fortentwicklung im bisherigen Sinne in einiger Zeit auf die dritte Garnitur zurückgegriffen werden muss. Dabei hebt sich deutlich folgendes Bild ab. Gegen einen Beamten, der einigen wenigen – in der Regel niemals der Majorität der Bevölkerung – nicht genehm ist, wird zunächst bei der deutschen Verwaltungsstelle Sturm gelaufen. Das ist beispielsweise auch im Falle des Oberbürgermeisters von Mühlhausen geschehen, und der 1. Vizepräsident Busse wie der seinerzeitige Oberlandrat Staas haben dieserhalb wiederholt Besprechungen in Mühlhausen gehabt und festgestellt, dass an den Behauptungen nichts oder nur sehr wenig daran ist. Kommen die Beschwerdeführer auf diesem Weg nicht durch, dann zeigt sich leider das Bild, dass sie nunmehr an die russischen Dienststellen herangehen, die zwangsläufig die örtlichen und persönlichen Verhältnisse nicht so gut kennen wie die deutschen. Die weitere Folge ist, dass dann – da sich eine Mißstimmung zwischen Kommandant und deutscher Verwaltungsstelle nach und nach herausstellt – der Beamte der deutschen Verwaltungsstelle den Platz räumen muss.Es sind z. Zt. in Thüringen eine ganze Anzahl höherer Stellen zu besetzen, und ich muss offen gestehen, dass es an geeigneten Kandidaten für die Besetzung dieser Stellen fehlt, es sei denn, man übernimmt die dritte Garnitur.Endlich habe ich die Feststellung machen müssen, dass – bedingt durch die vorstehend geschilderten Verhältnisse – eine ganze Anzahl in höheren Dienststellen befindliche und qualifizierte Beamte sich mit dem Entschluss tragen und ihn zum Teil durch Aufkündigung ihrer Stellung zum Ausdruck gebracht haben, aus den beamteten Stellen zu scheiden und in der Privatindustrie oder im Rechtsanwaltsberuf ihr Unterkommen und ihre Existenz zu finden. Meine Bitte geht dahin, dass die russischen Dienststellen gegenüber Einflüsterern grösseres Misstrauen als bisher an den Tag legen, damit die Verwaltungsstellen so, wie sie jetzt sind, konstanter als bisher werden. Gerade Ihr Befehl vom 9.3. Nr. 587 2 beweist mir die Richtigkeit der von mir vorstehend entwickelten Gründe.
(Dr. Paul)

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 646, Bl. 37r, 37v (ms. Ausfertigung).

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