Nr. 112h
28. März 1946
Schreiben des KPD-Bezirkssekretärs Werner Eggerath an das Zentralkomitee der KPD zu einem „Tagesspiegel“-Artikel über die Rechenschaftslegung und zum Diskussionsredner Paul Köhler

KPD - Kommunistische Partei DeutschlandsBezirksleitung ThüringenWeimarAn dasZentral-Komitee der KPD B e r l i n
Hey/Be.28.3.46

Werte Genossen!Wir erhielten den Artikel des „Tagesspiegel“ über den Rechenschaftsbericht der Thüringer Landesverwaltung.Der Artikel enthielt eine Aufstellung der in dem grossen Referat von Dr. Paul selbstverständlich auch erwähnten Schwächen in der bisherigen Verwaltung. Durch die einzelne Aufzählung der Schwächen wird jedoch ein völlig falsches Bild entworfen, weil es sich um keine solche schwerwiegenden Fragen handelt, die in der Lage sind, das von Dr. Paul gekennzeichnete Bild des Aufstiegs zu beeinträchtigen.Die Absicht des Verfassers geht aus der Art der Zusammenstellung eindeutig hervor. In der Diskussion meldete sich ein gewisser Köhler, der erst die Erklärung abgab, er stehe positiv zum Neuaufbau einer Demokratie, dann aber die Katze aus dem Sack liess und die Forderung nach der Schaffung einer Thüringer „Volkspartei“ stellte. 1 Dass dieser Mann zu Wort kam, ist zweifellos ein Regiefehler der Versammlungsleitung gewesen. Es war angekündigt, dass die Diskussionsredner, die sich zu Wort melden wollten, auf ihre Wortmeldung gleichzeitig angeben mussten, zu welchem Thema sie sprechen wollten. Köhler hat auf seinem Zettel angegeben „Stellungnahme zum wirtschaftlichen Aufbau“. Dass er ausser dieser Frage dann zu der „Thüringer Volkspartei“ sprechen wollte, war niemand bekannt. Er wurde von der gesamten Versammlung niedergeschrien und musste das Rednerpult verlassen. Die Ablehnung war spontan und einmütig.Hinter Köhler stehen keinerlei ernst zu nehmende Leute. Was seine Person anbetrifft, so ist er ein verkrachter Kaufmann und es ist kennzeichnend, dass er am gleichen Tage, an dem er in der Versammlung sprach, eine Eingabe an die „Thüringen Aktion“ richtete und sich bei ihr als Geschäftsführer bewarb.Soviel wir wissen, ist Köhler in der Zwischenzeit verhaftet worden. Andere Diskussionsredner meldeten sich in dieser Frage nicht zu Wort. Es handelt sich daher nur um eine vorübergehende Episode, die von keinerlei Bedeutung war. Wir sind uns selbstverständlich klar darüber, dass die reaktionären Kreise in Thüringen irgend ein[en] 2 Ansatzpunkt suchen, um sich legal organisieren zu können. Es sind uns auch eine Reihe von Zusammenkünften von Industriellen bekannt geworden. Diese Dinge stehen unter Bewachung und wir werden selbstverständlich jeden Versuch einer Organisation einer Reaktion in Thüringen im Keime ersticken.
Mit komm. Gruss ! Eggerath Kommunistische Partei DeutschlandsBezirksleitung Thüringen

Quelle: Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR, Zentrales Parteiarchiv [der SED], NY 4182, Nr. 856, Bl. 132r, 132v (ms. Ausfertigung).

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