Nr. 112f
27. Februar 1946
Niederschrift der Diskussion zum Bericht

Weimar, den 27. Februar 1946
Nachdem der Herr I. Vizepräsident Busse die Eröffnung der Diskussion bekanntgegeben hatte, 1 eingegangen waren 11 Wortmeldungen, ergriff als Erster Herr Kurt Richter, Mitglied des FDGB Gera, das Wort über das Thema Gewerkschaft und Wirtschaft. Er führte u.a. aus, daß der Herr Landespräsident Dr. Paul wiederholt die großen Erfolge der Freien Deutschen Gewerkschaften beim Wiederaufbau eines neuen demokratischen Staates und insbesondere der thüringischen Wirtschaft hervorgehoben hat und daß diese Erfolge nur möglich waren durch die Einheit der Mitglieder der Freien Deutschen Gewerkschaften, die aus den vergangenen 12 Jahren Faschismus gelernt haben. Diese Erfolge waren auch nur möglich durch die ungeheure Disziplin und den Opfersinn von hunderttausenden von Arbeitern und Arbeiterinnen Thüringens, die in den Tagen des Zusammenbruchs nicht zunächst an sich, an ihre Existenz und an ihr Vermögen sondern an das gedacht haben, was aus uns allen, unserem neuen Staat und unseren Kindern werden soll. Er gab der Freude Ausdruck, daß hier Gelegenheit gegeben ist, sachliche Kritik in freier Aussprache üben zu können und über das zu sprechen, was für falsch gehalten oder nach vielseitiger Meinung noch nicht in Ordnung ist. Wir haben in den letzten Wochen die erste große Gewerkschafts-Zonen-Konferenz des F.D.G.B. erlebt 2 – führte er weiter aus – und wir sind nach Hause gegangen mit den Richtlinien und Beschlüssen, die die 4 antifaschistischen Parteien gemeinsam und einmütig gefaßt haben. Es wurde festgestellt, daß die neue Wirtschaft nicht anknüpfen kann an die liberaldemokratische im Jahre 1933, auch nicht die faschistisch-militaristisch kapitalistische Wirtschaft des Hitlerreiches fortzuführen gedenke. Besonders interessiere die Frage der Zusammenarbeit in den Dingen, die die Gewerkschaften in dem wirtschaftlichen Sektor beschäftigen. Es muß leider festgestellt werden, daß die Arbeitermassen Thüringens gerade auf diesem Gebiete noch nicht das Verständnis gefunden haben, was erwartet wurde.
Bis heute wird noch auf die Demokratisierung und den Umbau der Industrie- und Handelskammern gewartet. Daß dieses Gesetz 3 demnächst erscheinen wird, wurde auf der Konferenz angekündigt. Wir freuen uns – erklärte Herr Kurt Richter –, daß man sich endlich einig geworden ist über die Organisation und darüber, ob sich der Leiter noch Präsident nennen darf oder nicht. Wir haben ferner festgestellt, daß in diesen Verwaltungsorganen noch dieselben Männer sitzen, die als Unternehmer-Syndikusse teilweise im Wilhelminischen, im Hindenburgstaat und im Hitlerreich gearbeitet haben. Die Männer und Frauen des F.D.G.B. sehen, daß in diesen Ämtern eine Demokratisierung, so wie sie sein soll, noch nicht durchgeführt worden ist. Was die Frage der Weiterbeschäftigung der sogenannten nominellen Mitglieder der ehemaligen NSDAP betrifft, so dürfen dabei nicht die sogenannten offiziellen und inoffiziellen vergessen werden, die es gegeben hat. Ein Teil dieser nichtoffiziellen Mitglieder sind heute noch in den Industrie- und Handelskammern. Weiter wurde festgestellt, daß auch heute noch einzelne Personen ohne Anhörung des Betriebsrates Einstellungen und Entlassungen vornehmen. Von 26 Beschäftigen ist nicht einer Mitglied des F.D.G.B. (Handelskammer Saalfeld).
Er ging weiter auf die Frage der Truste, Konzerne und Syndikate ein. Hier müsse nun endlich einmal eine Umgestaltung erfolgen. Noch heute bestehe in Dorndorf die Wintershall-A.G., die von Kassel dorthin verlagert wurde, die IG-Farbenindustrie, die ihre Verkaufsstellen als Stützpunkte in Thüringen hat. Die Firma Siemens ist auf Wanderung gegangen, indem sie ihre Zentralleitung aus der sowjetischen Besatzungszone in die amerikanische verlegt hat (Erlangen). Er nannte weiter die Firma Riebeck, wo das Mutterhaus in Leipzig es ablehnt, dem schwerbeschädigten Werk in Erfurt irgendwelche finanzielle Hilfe zuteil werden zu lassen. Auch besteht die Hescho 4 weiter, die ein neues Unternehmen gegründet hat, die sogenannte Schmieröl-GmbH, dessen Vertreter Herr (?) ist und der nicht nur Mitglied der NSDAP, sondern auch des SD, der Spionageabwehr war. Er hat weiter mit dem Beauftragten der Schuhwarenproduktion gesprochen, der ihm mitgeteilt hat, daß das Produktionsprogramm nicht erfüllt werden konnte. Auch hier muß in Zusammenarbeit des Landesamts für Wirtschaft, der Handwerkskammer und des F.D.G.B. eine genaue Überwachung der Rohstoffe etc. erfolgen.
Diskussion Herr Bykerhoff von der Liberaldemokratischen Partei über Wirtschafts- und Handelsfragen.
Er führte aus, daß er nicht die Absicht habe, über Handel und Wirtschaft im allgemeinen zu sprechen, auch nicht die Absicht, ein politisches Thema anzuschneiden. Er hatte sich lediglich 2 Punkte notiert, die sich aus den in der Presse in den letzten Tagen veröffentlichten Steuergesetzen ergeben haben. Diese beiden Fragen befassen sich mit der Öffentlichkeit und gehen jeden von uns an. Die neuen Steuergesetze sehen folgende Veränderungen vor: Lohnsteuererhöhung um 25 %, die rückwirkend mit Beginn des Jahres 1946 einbehalten wird. Dieses würde bedeuten, daß bei der nächsten Lohnzahlung der Zuschlag für 9 Wochen einbehalten werden müßte, was praktisch unmöglich ist. Im Hinblick auf die kommenden Zahlungstermine ist eine sofortige Entscheidung notwendig. Nach dem Gesetz ist ferner eine 50 %ige Erhöhung der Umsatzsteuer rückwirkend auf 2 Monate vorgesehen. Es ergibt sich nun die Frage, ist dieses Problem überhaupt rückwirkend zu lösen. Mit Rücksicht auf den unmittelbar bevorstehenden Zahlungstermin ist eine sofortige Entscheidung notwendig. Auch für die Zukunft ist die Frage zu stellen, wie die Umsatzsteuer getragen werden soll.
Diskussion Dr. Fuchs, Blankenhain: Straffere Planung und Lenkung.
Zunächst stellt er fest, daß es eine Freude sei, über Dinge sprechen zu können, die man früher nur unter gewissen Gefahren erörtern konnte. Als Vertreter eines für Thüringen lebenswichtigen Industriezweiges führte er aus: Die größte Sorge ist die der Kohlebeschaffung. Von verschiedenen Stellen werden Fragebogen über Fragebogen geschickt und das Ergebnis ist, daß man doch nur Kohle bekommt, wenn man sich welche „organisiert“. Hier muß eine straffe Planung erfolgen und eine Stelle geschaffen werden, von der aus die gesamte Verteilung nicht nur der Kohle sondern aller bewirtschafteten Rohstoffe erfolgt. Dies muß in der Weise erfolgen, daß man die Zuteilung nach Dringlichkeitsstufen behandelt und hier einen Unterschied macht zwischen den Betrieben, die sich besonders für den Wiederaufbau, die Wiedergutmachungs- und Reparationslieferungen usw. einsetzen, und solchen, die nicht diese Aufgaben haben.
Herr P e i s k e r:
Herr Landespräsident, die getreuen Mitarbeiter unseres Herrn Präsidenten, meine Damen und Herren!
Es ist erschütternd, wenn in dem Moment, wo der erste Mann unseres Thüringer Landes, unser sehr verehrter Herr Präsident, hier in so tiefgründender, erschöpfender Weise zu uns gesprochen hat, einer seiner nächsten Angehörigen, seine teure Schwester ablebt. 5 Wenn Ihnen schon einmal, Herr Präsident, von dieser Stelle aus das Beileid ausgesprochen worden ist, so will ich das noch einmal tun zwar als Ihr Freund, als Ihr Dorfnachbar und übermittle Ihnen gleichzeitig auch das Beileid Ihres Heimatdorfes.
Über den dreistündigen Vortrag des Herrn Präsidenten sind wir noch des Lobes voll und besonders freut es uns, daß die Beschaffung des Saatgetreides in den Vordergrund gerückt worden ist und schon 11.000 t Saatgetreide bereitstehen. Der Bauer hat bei seinem Ablieferungssoll auch sogar das Saatgetreide mit abgeliefert in der Hoffnung, daß ihm von staatswegen Ersatz gegeben wird. Die Beschaffung des Saatgetreides ist besonders wichtig, um dem deutschen Volke Nahrung und Brot zu schaffen.
Das neue Krankenkassengesetz ist für die Bauern eine grosse Belastung. Ich bitte die Landesverwaltung, sich mit allen Mitteln dafür einzusetzen, daß eine Staffelung eingeführt wird.
Über die Berufsvertretung habe ich mich schon des öfteren in Weimar ausgelassen und in dankenswerter Weise auch die Zusicherung vom Präsidenten erhalten.
Die Neusiedler haben durch die Bodenreform wertvolles Land bekommen und sie sind verpflichtet, dasselbe gut zu bearbeiten, um viel aus dem Land herauszuholen.
Wenn ich heute als Bauer vor Ihnen stehe und als Bauer an Sie appelliere, so tue ich das nur deshalb, um Brot und Nahrung für das deutsche Volk, und dazu gehören auch Sie meine Herren, zu schaffen.
Herr Präsident Dr. Paul:
Meine Damen und Herren! Wir sind zum ersten Male zusammengekommen, und wir vertreten den Standpunkt, in einem Lande der Demokratie zu sein. Ich lege keinen Wert darauf, daß auch nur ein einziger von Ihnen ein Wort und einen Satz für meine Person spricht. Was Herr Peisker gesagt hat, so war es, davon bin ich überzeugt, von besten Gefühlen getragen. Aber ich bitte, den Gefühlen keinen Ausdruck zu geben, wir wollen uns mit Tatsachen beschäftigen. Aber eins, meine Damen und Herren, bitte ich auch zu bedenken, der Mann, der eben zu Ihnen spricht, ist der Mann der in der Thür. Bauernschaft 70 % der Thür. Bauern hinter sich stehen hat und einen solchen Mann, meine Damen und Herren, den hört man schon einmal an. 6
Herr Vizepräsident B u s s e:
Es hat niemand in diesem Saale die Absicht, den Bauer nicht sprechen zu lassen und sie nicht anzuhören. Was nicht sein soll, was der Präsident und wir nicht wollen, ist, daß wir in den Himmel gehoben werden. Wir wünschen Kritik, Vorschlag und Mitarbeit. Die sachlichen Ausführungen, auch die von Herrn Peisker, sind uns willkommen und wir werden auch die anderen Bauern anhören.
Herr E c k e r t:
Verehrte Anwesende, Gewerkschaftler und Bauern! Es ist nicht meine Absicht, Ihnen hier etwas vorzuerzählen, sondern wir müssen uns mit dem befassen, das uns alle bewegt, das ist die Frage der Ernährung. Wenn wir vor nahezu 6 Monaten das erste Mal hier zusammengekommen sind und der heutigen Landesverwaltung das Versprechen abnahmen, dafür zu sorgen, uns über den Winter hinwegzuhelfen, so haben Sie heute aus dem Munde der Landesverwaltung gehört, daß das den Bauern gelungen ist, und das ist für uns als Bauern eine Genugtuung. Wenn wir als Bauern nun vor der schwierigen Frage stehen, woher nehmen wir das Saatgetreide, woher die Traktoren usw., so müssen wir uns von vornherein im klaren sein, daß unser Spannvieh für dieses Jahr noch zurückgehen wird, weil wir noch einen hohen Bedarf an Zuchtvieh benötigen. Das Jungvieh dürfen wir auf keinen Fall angreifen. Die Schweinezucht und der Jungviehbestand müssen 7 schnellstens gehoben werden. Es war gut, daß damals schon ein Schlachtverbot für Kälber erlassen wurde. Heute erhebe ich die Forderung, daß kein weibliches Zuchtschwein mehr geschlachtet werden darf und es muss hier ein Umtausch erfolgen.
Dem Anbauplan muß besondere Sorgfalt entgegengebracht werden.
Herr Schmalz, Wiesenthal:
Meine Damen und Herren, ich muß eins betonen, die Landwirtschaft ist einer der wichtigsten Betriebe überhaupt. Das deutsche Volk braucht Landwirtschaft und deshalb muss der Landwirtschaft auch die größte Aufmerksamkeit zugewandt werden. Die Landwirtschaft braucht eine klare, planvolle Lenkung und diese muss von der obersten Stelle kommen. Es geht nicht an, daß die Landwirtschaft von verschiedenen Stellen Verfügungen bekommt.
Die gegenseitige Bauernhilfe ist bisher auch sehr gut angelaufen.
Die Krankenkassenbeiträge sind zu hoch und hier muß eine Abhilfe geschaffen werden und zwar müßte eine Staffelung nach ha erfolgen.
Die Landwirtschaft ist jedenfalls gewillt, die Arbeit voll und ganz zu tun.
Herr S e r w a t z:
Meine sehr verehrten Damen und Herren!
Ich bringe Ihnen einen Vorfall, der sich in unserer Gemeinde zugetragen hat, zur Kenntnis und zwar mußten wir an den Landrat im Kreis Arnstadt einen Brief schreiben. (Brief wird verlesen).
Nun zur Warenbestandsaufnahme selbst.
Herr Vizepräsident Busse veranlasste den Redner, diesen Vorfall und seine Sorgen an anderer Stelle vorzubringen.
Herr K a i s e r:
Meine Damen und Herren! Wenn ich heute als Bauer zu Ihnen spreche, so seien Sie versichert, daß meine Ausführungen allein getragen würden von der grossen Sorge um die Sicherstellung des Saatgetreides und den Erfolg der Ernte. Die Ernährungslage muss unbedingt gelöst werden und sie wird gelöst, wenn uns die Natur die nötigen Voraussetzungen gibt.
Wir Bauern freuen uns, daß alle mit uns die Sorge um die Ernährung teilen und hoffen, daß das auch in Zukunft so bleiben wird. Es kann aber nicht verhindert werden, daß der größte Teil dieser Sorge von uns Bauern zuerst zu tragen ist. Wir haben diese bittere Wahrheit gerade in diesem Jahr am eigenen Leibe fühlen müssen und zwar in dem uns auferlegten Ablieferungssoll. Hier wurden wir zu hoch angesetzt, und es wurde zu Unrecht verteilt. Dies trifft besonders zu bei Unwetterschäden. Diese Tatsache hat zum Teil die Futtergrundlage erschüttert, die der Bauer heute durch die Viehumlage gerade dringend benötigt. Das 100%ige Ablieferungssoll wurde voll erreicht.
Der Ruf nach der Bäuerlichen Berufsvertretung wird immer lauter. Auch diese Forderung entspricht nur der grossen Sache, um die Sicherstellung unserer Volksernährung.
Dem freien Bauern muß auch das Recht auf seine wirtschaftliche Berufsständigkeit zuerkannt werden. Vor allem muß für die ausreichende Beschaffung von Düngemitteln gesorgt werden, denn nur so kann die Ernährung sichergestellt werden.
Nach der neuen Versicherungsaufstellung muss der Bauer 40,-- RM bis 60,-- RM bezahlen und diese Belastung ist auf die Dauer untragbar, am allerwenigsten für die Neubauern.
Die Bauern fordern ihr ehemaliges Landbundhaus zurück, welches mit dem Bauerngeld erbaut worden ist. Die Arbeiterschaft hat das ehemalige Volkshaus auch zurückerhalten und das wurde bei den Bauern sehr begrüßt. Geben Sie dem Landvolk ihr Landbundhaus zurück, so schaffen Sie denselben in der Stadt eine bäuerliche Heimat.
Es sind Dinge vor sich gegangen, die zur Folge hatten, daß unsere Frauen und Mädchen sich weigerten, auf das Feld zu gehen, was nicht wieder vorkommen darf. Wir Bauern brauchen unsere Frauen und Mädchen dringend zu unseren Arbeiten. Wir bitten Sie daher, sorgen Sie mit eisernem Willen dafür, daß alle Übergriffe restlos ausgerottet werden, damit die Frühjahrsbestellung ungestört vor sich gehen kann. Der Dank der Bauern wird Ihnen sicher sein.
Professor V e i l, 8 Universität J e n a
An dem Tage, an dem vom Wirtschaftsaufbau und dem politischen Aufbau gesprochen wird, sei auch von dem Studenten zu sprechen, der sich der geistigen Arbeit verschrieben habe. „Er fällt nicht unter den Begriff, den Goebbels den geistigen Arbeitern angehängt hat, intelligent zu sein, zu den Intellektuellen zu gehören. Ein furchtbares Wort! Was ist Intelligenz, was ist intellektuell? Es gibt intellektuelle Menschen, und es gibt dumme Menschen, aber wir dürfen von vornherein den geistigen Arbeitern, die es werden wollen, versprechen: Es sind Menschen, die positiv arbeiten wollen. Geistige Arbeit ist nicht leichter als körperliche Arbeit. Das Maß des Schweren ist von dem, der sie nicht betreibt, nicht abzuschätzen. Der Student der Zukunft hat es nicht leicht!“ Es komme auf das Ziel, den Willen zum Arbeiten an sowie auf den guten Charakter und die Liebe zum geistigen Schaffen.
Der heutige Student sei kein Nazist, er habe aber eine nazistische Entwicklung hinter sich, die er ablehnte, die ihn aber in ihre Organisationen hineinzwang. Er ist bereit, wie noch nie Studenten bereit waren, vorzustoßen zu dem, was nur mit seinem Charakter geleistet werden kann. Er will selbst nichts von Politik wissen, will nur geistiger Diener sein. Heute stünde der Student arm vor uns, und man könne überzeugt sein, daß keiner darunter sei, der meinte, einen bequemen Weg zu haben.
Besonders hebt Herr Prof. Veil hervor, daß die Studentenschaft Jena ein lebendiger Begriff sei. Er erinnert an die alten Burschenschaften von Jena.
Fritz H e i l m a n n
spricht im Namen der Kommunistischen Partei und der anderen drei Parteien angesichts des heutigen Rechenschaftsberichts der Thüringer Landesverwaltung sein vollstes Vertrauen und seinen Dank aus. Die Arbeit, von der heute berichtet wurde, sei eine gemeinsame Arbeit gewesen. Gemeinsam seien die Schwierigkeiten gemeistert und die Probleme gelöst worden. So solle auch weiterhin gearbeitet werden zum Wohle Thüringens und seiner weiteren Aufwärtsentwicklung. Er unterstreicht die Erklärung des Herrn Landespräsidenten, daß Thüringen alles tun werde, um Deutschland als Einheit zu erhalten, und zu diesem einheitlichen Deutschland gehöre auch das Ruhr- und das Saargebiet, weil diese beiden Gebiete Schlüsselstellungen für unsere Industrie und Rohstoffquellen sind.
Zur Frage der Justiz: „Wenn unsere Justiz eine junge demokratische Justiz wäre, dann wäre es gut, aber sie ist es leider noch nicht!“ 9
Er betont als Vertreter der Presse zu sprechen und führt folgendes Beispiel an: Ein Antifaschist, Gefängnisinsasse, befreite 21 politische Häftlinge und sich am 5. April. Die nötigen Papier hatte er besorgt. Vor einigen Tagen bekam dieser Mann die Nachricht, daß ein Ermittlungsverfahren vom Oberstaatsanwalt Erfurt wegen Gefangenenbefreiung und Urkundenfälschung eingeleitet worden ist.
Dieses seien Symptome, die von bestimmten Gefahren zeugen. Er bittet um Abstellung solcher Verfahren.
Weiter tritt Herr Fritz Heilmann dafür ein, daß zum Laienrichter die Menschen gewählt werden, die Lust und Liebe hierzu haben. Es dürften aber keinesfalls zu viele juristische Vorkenntnisse verlangt werden.
Es werde der Landesverwaltung nahegelegt, die Ausführungen des Vertreters der Freien Deutschen Gewerkschaft zu beachten und in ihrem Sinne zu handeln. Die Wirtschaft werde die Schlüsselstellung für den weiteren Aufbau sein, sie müsse den Weg zur Demokratisierung gehen. Hier müsse mit allem Ernst vorgestoßen werden. Bei einem eintretenden Engpaß sei ganze Arbeit zu leisten.
Die KPD sei auch weiterhin bereit, gemeinsam mit den anderen Parteien zu arbeiten am Aufbau unseres Landes und alle Kräfte einzusetzen, um dort einzuspringen, wo es nötig sei.
In wenigen Wochen werde die neue Partei, die aus der Vereinigung der Sozialdemokratischen und der Kommunistischen Partei entsteht, Kraftquelle für den weiteren Aufstieg Thüringens sein.
Fortsetzung der Diskussion:
Dr. Paul K ö h l e r über “Grundsätzliche Demokratie”
Dr. Köhler gehört nicht den vier Blockparteien an. 10 Er betont, daß diese Tagung ein Spiegelbild des politischen Lebens des Landes gäbe. Heute sei es Pflicht des ehrlichen Thüringers, die ihm noch am Herzen liegenden Fragen zur Diskussion zu stellen. „Wir streben zu einer neuen Demokratie. Es kommt darauf an, daß wir von Anfang an nicht nur mit Begriffen arbeiten, die jeder verschieden auslegt! Wollen wir eine Demokratie einführen wie sie der Russe versteht? Wollen wir eine Demokratie einführen wie sie der Engländer oder der Amerikaner anstrebt? Es ist falsch, wenn die Blockparteien erklären würden – wir allein sind das deutsche Volk –. Ich glaube, wir müssen klar sagen, was wir unter Demokratie verstehen: Demokratie ist die Freiheit der Rede!“ Er wünscht einen Zusammenschluß aller Menschen, die demokratisch sind und begründet die Parteilosigkeit mancher Thüringer mit dem Fehlen einer Thüringer Volkspartei. (Heftige Gegenrufe aus dem Saal). Es käme darauf an, die zahlenmäßig große Menge der Deutschen, die heute noch keiner Partei angehören, aktiv in das politische Leben einzuschalten und fragt an, ob die Sowjet-Militär-Administration nur die bisherigen vier Parteien zuläßt. (Heftige Zwischenrufe aus dem Saal).
Die zweite Frage befaßt sich mit dem Religionsunterricht in der Schule. In Berlin werde der Religionsunterricht in den Schulen erteilt, in Thüringen nicht. Er bittet darum, doch in dieser Hinsicht Spannungen zu vermeiden .
Vizepräsident Busse gibt die Erklärung ab, auf keinen Fall den Kulturkampf in diese Tagung hinein zutragen.
Dr. Wilhelm B e c k e r 11 über „ Die kulturelle Einheit Deutschlands“ .
„Die Demokratie ist die schwerste Staatsform“. Dr. Becker möchte versuchen, das große Wort – Demokratie – in kurzen Ausführungen zu erläutern.
Dieser Rechenschaftsbericht der Thüringer Landesverwaltung sei der Anfang zum vollparlamentarischen Rechenschaftsbericht.
Er gibt in kurzen Worten seinem Dank und der Freude Ausdruck über die Leistungen Thüringens. Er erinnert daran, von welchem Nullpunkt aus die Landesverwaltung mit ihrer Arbeit begann. Die Tatsache, daß bei diesem Aufbau die vier Parteien sehr aktiv gearbeitet haben, sei ein Beweis für die gute Zusammenarbeit der antifaschistischen Parteien. Er gibt der Hoffnung Ausdruck, daß auch in Zukunft gemeinsam der begonnene Weg weitergegangen werde. Er weist auf Gefahren hin, die hier und da auftauchen könnten. Auch bei allen kulturellen Veranstaltungen müsse der einheitliche Gedanke Deutschlands bewahrt bleiben, jeder Arbeiter, Bürger und Bauer müsse von ihm beseelt sein. Bei der Gesetzgebung müsse auch stets daran gedacht werden, daß wir nicht allein da seien, sondern das ganze deutsche Volk eine kulturelle Einheit sein müsse, separatistische Bestrebungen seien unbedingt zu verhindern. 12
Die neue Zeit erfordere neue Ideen und neue Inhalte, aber nie dürfe vergessen werden „Einheit und Recht und Freiheit sind Deutschlands Unterpfand!“

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 251, Bl. 37r-46r, 48r (ms. Ausfertigung).

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