Nr. 112c
25./27. Februar 1946
PIT-Artikel des Pressechefs der Landesverwaltung Hermann Segall über Landespräsident Rudolf Paul

Weimar, den 25. Februar 1946 (PIT)
Dr. R u d o l f P a u l Thüringens Anerkennung für seinen Landespräsidenten von Regierungsrat Segall 1 Pressechef der Landesverwaltung Thüringen.

Am heutigen Tag findet in Weimar unter Teilnahme der Delegierten aus allen Kreisen Thüringens und aus allen politischen und wirtschaftlichen Schichten der Bevölkerung die erste große Landestagung seit dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Staates statt. Nicht allein vom Thüringischen Volk, sondern – wie zahlreiche Meldungen beweisen – darüber hinaus auch von den übrigen deutschen Ländern und Provinzen mit beachtenswertem Interesse erwartet, wird Landespräsident Dr. Paul einen umfassenden Tätigkeitsbericht über die bisher in Thüringen geleistete Aufbauarbeit abstatten.Aus dem Rundfunk, den Zeitungen und vor allem unserem eigenen Erleben heraus wissen wir, was in den vergangenen zehn Monaten geschafft wurde. Unser Präsident wird in der beglückenden Lage sein, einmalige, gewaltige Erfolge bei dem vollzogenen grundlegenden Neuaufbau der Verwaltung auf demokratischer Grundlage, dem staunenswerten Anlaufen der Industrie und der Neugeburt des Kulturlebens verzeichnen zu können.
Der 27. Februar ist Thüringens großer Tag!
Über dem stolzen Bewußtsein unserer Leistungen wollen wir jedoch den Mann nicht vergessen, der seit dem 16. Juli vergangenen Jahres mit nie versiegender Tatkraft die Geschicke des Landes lenkt: Unseren Präsidenten Dr. Paul. Wenn wir am heutigen Tag dankbaren Herzens und voll Anerkennung all der Werktätigen in Stadt und Land gedenken, die zum Gelingen des Werkes ihr Bestes beitrugen, ihm hat unsere größte Verehrung zu gelten! Unter sichtbarer Zurücksetzung seiner eigenen Persönlichkeit hat er unermüdlich, Tag und Nacht, sein Wissen, seine Erfahrungen, seine Gesundheit bedingungslos in den Dienst unserer Heimat gestellt. Heute wollen wir unserem Präsidenten offenkundig danken!Nur die Liebe zu seinem Volk konnte Dr. Paul bewegen, von seinem Plan, nach zwölf Jahren Verfolgung endlich wieder den Beruf als Jurist auszuüben, abzulassen und in das politische Leben einzutreten.Einzeln, zu Fuß oder mit dem Rad, in Delegationen mit Kraftfahrzeugen, so waren seine treuen Freunde und Anhänger aus den Kreisen der Intelligenz und vor allem auch der Arbeiterschaft zu ihm gekommen und hatten ihn um Übernahme einer führenden Stellung in der kommunalen Verwaltung gebeten. Die Liebe und Ergebenheit seinem Vaterland gegenüber gaben Dr. Paul die Kraft, unbekümmert um persönliche Wünsche auf verantwortungsvollem, sorgenschweren Posten das unsagbar schwierige Werk des Wiederaufbaus zu beginnen und innerhalb weniger Monate Thüringen zu einem Muster, dem deutschen Musterland überhaupt , zu machen. Die Belange Thüringens ließen den Präsidenten die allgemeindeutschen Interessen nie vergessen. Seit dem Verstummen der ekelerregenden nationalsozialistischen Phrasenhelden sind wohl kaum erhebendere Worte als die Dr. Pauls gesprochen worden: „Thüringen ist unsere Heimat; unser aller Vaterland heißt Deutschland!“Der Umfang eines Zeitungsartikels reicht nicht aus, um die Verdienste unseres Präsidenten auch nur andeutungsweise lückenlos zu erwähnen und entsprechend zu würdigen. Allein die engsten Mitarbeiter können seine Arbeitsleistung, seine Fähigkeiten und Kenntnisse voll ermessen.Der große Heerführer und Politiker Marschall Shukow hat einen Mann an die Spitze unseres Landes gestellt, der die erforderlichen Voraussetzungen für sein Amt mitbringt. Als politischer Staatsanwalt in der bewegten Zeit der Weimarer Ära hat Dr. Paul lange Zeit im Brennpunkt des politischen Geschehens gestanden. 2 Sein Verständnis und sein Wohlwollen für die Arbeiterschaft, die sich auf der Jenaer Tagung der KPD und SPD 3 aufs neue so beindruckend zeigten, waren bereits damals allgemein bekannt. Der Name des Strafverteidigers Dr. Paul besaß viele Jahre weit über die Grenzen Deutschlands hinaus einen guten Klang.Stets war der Präsident ein eifriger Förderer der Wissenschaften. In Anerkennung dieser Tatsache hat ihn die Friedrich-Schiller-Universität in Jena zu ihrem Protektor ernannt.Während des Naziregimes lebte Dr. Paul zurückgezogen, verfolgt, als erster Knecht seines Hofes auf einem kleinen ländlichen Anwesen. Aus dieser Zeit stammen seine immer wieder bewunderten Kenntnisse auf dem Gebiete der Landwirtschaft.Die Wiederinbetriebnahme der BRABAG, des bedeutenden Werkes für synthetische Treibstoffgewinnung, die er neben seiner Tätigkeit als Landesoberhaupt durchführte, zeigen ihn als gewandten Kaufmann und zielklaren Betriebsleiter.Erwähnt sei noch, daß Dr. Paul in jüngeren Jahren auch ein namhafter Sportler war und an einer beachtlichen Anzahl internationaler Meetings aktiv teilnahm.Neben dem erfahrenen Politiker, dem berühmten Juristen und erfolgreichen Industriellen verehren wir in ihm den liebenswerten, gütigen Menschen. Keine Sitzung oder Dienstbesprechung, in der er nicht „Kollege“ wäre; keine Veranstaltung, in die er nicht Frohsinn und unbeschwerte Heiterkeit zu bringen vermöchte. Seine weltweite Erfahrung, sein universelles Wissen, sein aus tiefstem Herzen kommender Patriotismus und – daran müssen wir uns heute ebenfalls erinnern – die aufopfernde Unterstützung seines Freundes, Mitarbeiters und Mitkämpfers Ernst Busse , des 1. Vizepräsidenten, sind es, die ihn seine Erfolge, unsere Erfolge, erzielen ließen. Daran Thüringer, wollen wir denken, wenn wir den stolzen Tätigkeitsbericht unseres Landespräsidenten hören!Das Leben dieses kerndeutschen Mannes, seine Liebe zum Volk und Vaterland, seine nie ermüdende Schaffenskraft seien uns Ansporn, mehr noch als bisher unser ganzes Ich in den Dienst des Landes zu stellen. Gemeinsam mit unserem Präsidenten wollen und werden wir dann das begonnene Werk des Wiederaufbaus unserer Heimat vollenden!

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 250, Bl. 273r-275r (ms. Ausfertigung).

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