Nr. 112a
15. Februar 1946
„Demokratische Verwaltung“. PIT-Artikel des Oberlandrates Hans Staas zu den Zielen der Weimarer Tagung

Weimar, den 13. Februar 1946 (PIT)
Demokratische Verwaltung. Von Oberlandrat Staas 1

Am 27. Februar 2 1946 erstattet die Landesverwaltung vor den Abgesandten aller Städte und Kreise des Landes Thüringen einen umfassenden Tätigkeitsbericht über die Arbeit, die sie während der Zeit ihres Bestehens geleistet hat. 3 In der Weimarhalle werden sich die Vertreter der vier antifaschistischen Parteien, der Gewerkschaften, der kommunalen Behörden, der Bauern, des Handwerks, der Industrie, des Handels, der Frauen- und Jugendausschüsse versammeln, um den Bericht des Landespräsidenten Dr. Paul entgegenzunehmen und die Stellungnahme des Landes zum Ausdruck zu bringen. Es ist dies das erste Mal seit mehr als 14 Jahren, daß sich die Verwaltung des Landes Thüringen vor einem auf demokratischer Grundlage zusammengesetzten Gremium aus allen Teilen des Landes zur Kritik zu stellen bereit ist. Darüber hinaus wird durch Übertragung der Veranstaltung über den Landessender Weimar 4 dem ganzen Lande Gelegenheit geboten, Zeuge dieses historischen Geschehens zu sein. Solange noch nicht durch Wahlen eine berufene Vertretung des Volkes mitbestimmend und handelnd an den Verwaltungsaufgaben des Landes teilnehmen kann, soll auf diese Weise unter Beweis gestellt und manifestiert werden, daß der Wille des Volkes maßgebenden Einfluß auf die Führung der Staatsgeschäfte besitzt. Die Zeiten der Diktatur, des „Führerprinzips“ sind endgültig und unwiederbringlich dahin. Aus diesem Grunde versammeln sich die Vertreter der thüringischen Bevölkerung auch nicht zur „Entgegennahme einer Regierungserklärung“, wie dies in den zwölf Jahren der Naziherrschaft üblich war, sondern sie werden nach dem Bericht des Landespräsidenten die Möglichkeit zur Diskussion und Stellungnahme und – wo es als erforderlich angesehen werden sollte – auch zur Kritik haben. Eine solche positive Kritik braucht die Landesverwaltung keineswegs zu scheuen. Denn das, was sie seit dem völligen Zusammenbruch an Aufbauarbeit geleistet hat, ist so groß, daß es nicht hinweg geleugnet werden kann. Aus dem Chaos entstand die Ordnung, aus dem Nichts ein Staat. Wirtschaft und Verwaltung wurden wieder in Gang gesetzt und auch die Entfernung der nazistischen „Fachleute“ vermochte die zunehmende Konsolidierung der Verhältnisse und den steten Aufstieg nicht aufzuhalten.Die Landesverwaltung erhofft jedoch von der Weimarer Tagung zahlreiche Anregungen, die die Mitwirkung der breitesten Öffentlichkeit an der Lösung aller Probleme in den Vordergrund rücken soll. So betrachtet, stellt die Versammlung des 27. Februar den Vorläufer eines Parlaments dar und ist somit berufen, sichtbarer Ausdruck der zunehmenden Demokratisierung unseres Volkes und seiner Verwaltung zu sein. 5 So wie die Landräte und Oberbürgermeister bereits seit geraumer Zeit durch die kommunalen Beiräte, durch die Ernährungsausschüsse, durch die Kreislandwirtschaftsräte, durch die Kreisbildungsausschüsse usw. in ihrer Tätigkeit unterstützt und gefördert werden, so soll dies durch die Tagung von Weimar für die gesamte Landesverwaltung der Fall sein. Getragen von dieser Auffassung und durchdrungen von der Verantwortung für unser Land und unser Volk müssen die Kreise und Städte die Besten der Parteien, der Organisationen und Wirtschaftszweige nach Weimar entsenden. Die Versammlung muß sein ein möglichst getreues Spiegelbild der politischen und wirtschaftlichen Schichtung des Volkes, denn nur so vermag sie zu repräsentierten die wahrhaft demokratische Vertretung des Landes Thüringen .

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 250, Bl. 243r, 244r (ms. Ausfertigung).

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