Nr. 111b 126. Februar 1946 Stellungnahmen des Rektors der Jenaer Universität (1) Zusammenfassende Stellungnahme Der Rektor Jena, d. 26. Febr. 1946.derFriedrich-Schiller-UniversitätStellungnahme zu dem Entwurf eines Gesetzes betr. Schaffung eines neuen Schulaufbaues in Thüringen. 6 1) Die Universität begrüsst aufs wärmste den Vorspruch des Gesetzentwurfs. Nur, wenn darin darauf hingewiesen wird, dass es zu den Aufgaben des Gesetzes gehört, „die Einheit unserer Nation zu gewährleisten“, so erhebt sich ein schwerstes Bedenken, dass nämlich die neue Schulordnung ohne ein Einvernehmen mit den übrigen Teilen des Vaterlandes und zwar nach § 8 mit grösster Beschleunigung 7 eingeführt werden soll. Es wird nicht leicht eine Massnahme zu finden sein, die die Grenze gegen die übrigen Deutschland verbleibenden Länder schärfer betonen würde, als es eine Isolierung im Schulwesen tun könnte. 8 2) Die Universität stimmt ferner der Zielsetzung des § 1 9 aufs lebhafteste zu. Jedoch ist der Hinweis zu vermissen, dass die Schule auch und insbesondere die Aufgabe hat, Kenntnisse zu vermitteln, und zwar bleibende Kenntnisse grösstmöglichen Umfanges, und den begabteren Teil der Jugend soweit zu fördern, dass die Hochschule mit Erfolg seine weitere Ausbildung in Angriff nehmen kann. Gerade diese Aufgaben der Schule sind in den letzten 12 Jahren in unverantwortlicher Weise vernachlässigt worden. Es ist u.E. eine Ehrenpflicht der neuen demokratischen Schule, das Versäumte wieder aufzuholen und gutzumachen. 3) § 2 Abs. 3 des Entwurfs 10 ist nicht im Einklang mit den Weisungen der Alliierten. Hierüber verlautet eine Pressemeldung vom 21.d.M. wie folgt: „Die Frage des Religionsunterrichts in den deutschen Schulen ist durch ein Protokoll des Alliierten Koordinierungskomités in Berlin 11 geregelt worden. In der offiziellen Erläuterung dazu heisst es, dass der Religionsunterricht als gleichberechtigtes Schulfach in den Unterrichtsplan aufgenommen werden soll. Religionsunterricht wird jedoch nur den Kindern erteilt werden, deren Eltern sich einverstanden erklärt haben. Zeugnisse für den Religionsunterricht wird es nicht geben. Die Ernennung der Lehrkräfte wird Sache der Kirchen sein. Das Koordinierungskomité nimmt damit eine ablehnende Haltung gegenüber den Vorschlägen des Berliner Magistrats ein, der sich für eine Trennung des Religionsunterrichts von der Schule ausgesprochen hatte.“ 12 Dabei darf unter keinen Umständen der Hinweis fehlen, dass eine streng objektive Unterweisung in den Tatsachen und Tatbeständen des religiösen und kirchlichen Lebens und ihrer Geschichte ein unbedingtes Bildungserfordernis ist. Es wäre verhängnisvoll, grosse Teile des Volkes von der Bekanntschaft mit diesen Bereichen menschlichen Lebens auszuschliessen. 4) Es ist selbstverständlich, dass soziale und ökonomische Unterschiede niemals zu unterschiedlichen Bildungschancen führen dürfen, und es ist im höchsten Masse begrüssenswert, dass der Entwurf für begabte Schüler, die nur eben nicht für eine akademische Laufbahn prädestiniert sind, bessere Vorbildungsmöglichkeiten für Leben und Beruf gibt, als sie bisher vorhanden waren. Jedoch der Grundsatz, alle schulfähigen Kinder, gleichgültig welcher Anlage und Begabung, volle 8 Jahre lang 13 im wesentlichen denselben Weg zu führen, bringt den Begabteren, Rascheren, Geistigeren schwere Nachteile, weil die Gleichmachung nicht anders als durch Rücksicht auf die weniger Begabten zu erreichen ist. Die Einführung zusätzlicher wahlfreier Kurse kann diesen Nachteil für den verbleibenden gemeinsamen Grundstock des Unterrichts nicht einmal in den beiden letzten Jahren beseitigen. Dazu kommt die alte Erfahrung, dass in wahlfreien Fächern weniger geleistet wird, weil die Schüler, da die Fächer eben wahlfrei sind, in der Regel für sie nicht den nötigen Ernst mitbringen. Die Differenzierung, ohne die ja auch die Einheitsschule nicht auskommt, sollte spätestens im 5. Schuljahr einsetzen, und von diesem ab sollten die geistig strebsameren Schüler von der Hemmung durch die anspruchsloseren befreit sein. Nur 4 Jahre Aufbauschule nach 8 Jahren Grundschule genügen nicht zur Erhaltung einer Schulgattung, die dem humanistischen Gymnasium einigermassen gleichwertig wäre, und darin, dass das Gymnasium mit seiner Pflege antiker Sprachen und seiner Vermittlung antiken Kulturgutes der Hochschule regelmässig die geistig beweglichsten und aufgeschlossensten Studenten gegeben hat, sind die erfahrensten Beurteiler einig. (So wortwörtlich ein Vertreter der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät). 14 Ferner erscheint das Verständnis der geistigen Kultur Europas ohne die Pflege der antiken Sprachen nicht erreichbar. Wir erlauben uns, aus der Ankündigung, mit der die im Jahre 1944 neu gegründete „Schweizerische Zeitschrift für klassische Altertumswissenschaft“ das Erscheinen ihres ersten Heftes begleitete, folgendes zu zitieren: 15 „Jetzt mehr denn je ist es notwendig, sich an das einzige Band zu erinnern, das das Abendland zusammenhält und ihm eine unzerstörbare Würde verleiht, den gemeinsamen Ursprung aus dem Geiste der Antike. Darum ist das Studium des Altertums nicht nur eine besonders ehrwürdige wissenschaftliche Tradition, die wir, was an uns liegt, behüten wollen. Es ist auch der Umgang mit dem kostbarsten geistigen Besitze des Abendlandes, der unter allen Umständen gerettet werden muss.“ 5) Gegen die Gleichmachung in der Grundausbildung der Lehrer für alle Schulen wie gegen die Überbetonung der Erziehungswissenschaftlichen Schulung haben die Mathematisch-Naturwissenschaftliche wie die Philosophische Fakultät unserer Universität sich vor kurzem so gut wie einstimmig und mit aller Entschiedenheit ausgesprochen. 16 Beide Fakultäten sind der Meinung, dass die fachliche Ausbildung, die bei den wissenschaftlichen Lehrern die Hauptsache sein sollte, zu Gunsten einer sehr weitgehenden erziehungswissenschaftlichen Unterweisung viel zu kurz kommt, dass insbesondere unser eigener im wesentlichen aus den angehenden Studienräten sich ergänzender Nachwuchs den Weg zur kritischen Forschung durch das Ausmass der erziehungswissenschaftlichen Unterweisung verbaut findet. 6) Die Gestaltung des Gesetzes wird für unsere kulturelle Zukunft von entscheidender Bedeutung sein. Es schneidet tief in die Familiensphäre ein, beseitigt die bisherigen Schulformen und nimmt zu einer das Volk tief bewegenden Frage der religiösen Erziehung eine sehr entschiedene Stellung ein. Ob es unseren demokratischen Staatsgrundsätzen mehr entspricht, solche tiefgreifenden Änderungen jetzt im Verwaltungswege einzuführen oder ob eine Willensäusserung des Volkes in Form allgemeiner Wahl abgewartet werden sollte, wird den politischen Stellen überlassen werden müssen. 7) Der Entwurf erklärt an verschiedenen Stellen Lehrpläne und Richtlinien der Deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung in der sowjetischen Zone als massgebend für die thüringische Kultusverwaltung. Auf der Berliner Konferenz der Präsidenten der Länder und Provinzen und der Präsidenten der Zentralverwaltungsstellen hat jedoch Marschall Shukow im November 1945 entschieden, dass die Präsidenten der Länder und Provinzen in ihrer Verwaltung selbständig sind und in diese Verwaltung seitens der zentralen Verwaltungsstellen nicht eingegriffen werden darf. „Verordnungen und allgemeine Verwaltungsrichtlinien für den Sowjetischen Raum sind, soweit sie von Zentralstellen erlassen werden, erst nach vorheriger Fühlungnahme mit den Präsidenten der Länder zu erlassen. Die Länder und Provinzen sind hiernach nicht nachgeordnete Stellen der Verwaltungsbehörden. Diese haben insbesondere nicht das Recht, den Ländern und Provinzen Anweisungen zu geben.“ Auf diese Verlautbarung des Präsidenten des Landes Thüringen müsste der Entwurf abgestimmt werden. 17 Prof. Dr. Zucker Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 1746, Bl. 166r-168v (ms. Ausfertigung); auch überliefert in: Universitätsarchiv Jena, Best. BB, Nr. 2, Bl. 66r-67v.

6 Die Stellungnahme fasste die am 25.2.1946 von Zucker angeforderten Schreiben - noch ohne die verspätete Stellungnahmen aus der Medizinischen Fakultät - zusammen, ohne die positive Stellungnahme Petersens zum Gesetzentwurf zu berücksichtigen. 7 Bis zum 1.9.1947 (§ 8). 8 Hier übernahm Zucker wörtlich den entsprechenden Passus aus der Stellungnahme des Botanikers Otto Renner und ersetzte dabei nur dessen Formulierung „die übrigen dem Reich verbleibenden Länder“ (Universitätsarchiv Jena, Best. BB, Nr. 2, Bl. 60r) durch „die übrigen Deutschland verbleibenden Länder“; der RWF-Dekan Richard Lange schrieb in seiner Stellungnahme, das Ziel der „Einheit der Nation“ könne nur erreicht werden, „wenn die gleichzeitige Einführung seiner [des Schulgesetzes] wesentlichsten Bestimmungen in den übrigen Besatzungszonen sichergestellt ist.“ (Bl. 77v). 9 „Die deutsche demokratische Schule soll die Jugend zu selbständig denkenden und verantwortungsbewußt handelnden Menschen erziehen, die fähig und bereit sind, sich voll in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen. Als Mittlerin der Kultur hat sie die Aufgabe, die Jugend im Sinne des friedlichen und freundschaftlichen Zusammenlebens der Völker, frei von nazistischen und militaristischen Auffassungen, im Geiste einer kämpferischen Demokratie zu wahrer Humanität, zu persönlicher und beruflicher Tüchtigkeit zu erziehen.“ 10 „Der Religionsunterricht ist Angelegenheit der Kirchen.“ 11 Der begtreffende Beschluß des Alliierten Koordnierungskomitees v. 23.11.1945 ist abschriftlich überliefert in: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 866, Bl. 71r. 12 Diese Aussage und das Zitat übernahm Zucker wörtlich der Stellungnahme des RWF-Dekans Lange. 13 § 3 des Schulgesetzentwurfs sah die 8-klassige Pflicht-Grundschule für alle Kinder vor. 14 Der Botaniker Otto Renner. 15 Rektor Zucker war Professor für klassische Philologie. 16 Das entnahm Zucker der Stellungnahme Otto Renners; als erste Universität hatte Jena 1945 für die Lehrerbildung eine Sozial-Pädagogische Fakultät mit Peter Petersen als Dekan gebildet; auf der Grundlage des SMAD-Hauptchefbefehls Nr. 205 (12.7.1946) entstanden 1946 nach Erlass des Schulgesetzes auch an den anderen Universitäten des sowjetischen Besatzungsgebietes Pädagogische Fakultäten, die in den 1950er Jahren wieder aufgelöst wurden. 17 Der ganze Abschnitt ist wörtlich der Stellungnahme des RWF-Dekans Lange (Bl. 77v) entnommen.