Nr. 109c
19. Februar 1946
Bericht über eine Besprechung des Landespräsidenten Rudolf Paul mit Direktoren und Betriebsräten der Kalibergwerke Thüringens

Weimar, den 19. Februar 1946.
Besprechung des Herrn Präsidenten Dr. Paul mit den Direktoren und Betriebsräten der Kalibergwerke Thüringens am 19.2.1946.
Der Präsident stellte zu Beginn seiner Ausführungen fest, dass der Befehl der SMA betr. Kalilieferungen in dem Masse zur Durchführung kommt, wie dies in dem Befehl angeordnet ist. Er wünschte eine Erklärung darüber, dass effektiv eine viel grössere Belegschaft vorhanden ist, als wirklich in die Werke einfährt. Ausserdem wollte er eine Aufklärung darüber, wie sich die Vertreter bezw. die Arbeiterschaft zur angeordneten Sonntagsarbeit stellt und wie die wirkliche Stimmung unter den Bergarbeitern ist, welche berechtigten und vordringlichen Fragen zu klären sind. Es kommt darauf an, die gemachten Fehler zu erforschen und für die Zukunft alle Mängel zu beheben.
Grube Kaiserode : Betriebsleiter Pfündtmann. Es mangelt an Belegschaftsmitgliedern, bis vor einigen Tagen fehlten rd. 700 Mann. Die Lieferungshöhe des Solls ist noch nicht erreicht worden, geliefert wurden 5 300 Tonnen, während noch 1 700 Tonnen fehlen, das ist eine Lieferung von 57,5 %. Jetzt sind die Leute alle da, so daß die Gruben jetzt voll besetzt sind. Man muss jedoch berücksichtigen, dass die 700 neuen Leute erst eingelernt werden müssen, da sie sämtlich bergfremd sind. Die Leitung hofft, bis Ende der Woche auf eine Leistung von 6 000 Tonnen zu kommen. Das Soll von 7 000 Tonnen wird schwer zu erreichen sein, weil von den Arbeitskräften mindestens 100 Mann ausfallen, da sie nicht voll arbeitsfähig sind. In der kurzen Zeit sind bei einer Belegschaft von 1000 Mann 17 Unfälle vorgekommen.Um die erforderlichen Arbeitskräfte zu erhalten, hatten sich die Vertreter der Gruben selbst mit den einzelnen Arbeitsämtern Dermbach, Salzungen und Vacha in Verbindung gesetzt, haben aber dort die Arbeitskräfte nicht bekommen. Betriebsratsvorsitzender Fischer bestätigt diese Angaben und betont nochmals, dass besonders in den ersten Tagen der Hauptgrund der Nichterfüllung des Solls die ungenügende Belegschaft der Gruben war. Der Betriebsratsvorsitzende glaubt, das Soll deswegen nicht erfüllen zu können, da auf einen eingearbeiteten Bergmann 2 ½ ungelernte Bergleute kommen. Die Stammbelegschaft tut ihr Letztes, um das Soll zu erfüllen, sie kommt aber infolge der ungeeigneten Mitarbeiter beim besten Willen nicht an das Soll heran. Das zeigt sich vor allem auch beim Transport unter Tage, weil die neuen Arbeitskräfte mit den ganzen Betriebsanlagen nicht vertraut sind und sich nicht voll auskennen. Früher war das Aufsichtspersonal der Gruben motorisiert und konnte schnell an alle Pannstellen heran kommen und sofort alle Mängel abstellen, jetzt ist das nicht mehr der Fall, da alle Strecken zu Fuss begangen werden müssen. Die weiteste Strecke unter Tage beträgt 6 km. Die allergrösste Schwierigkeit liegt darin, dass das Personal nicht mehr wie früher unter Tage mit Kraftwagen (10) an die Arbeitsstellen herangebracht werden kann, dadurch gehen am Tage mindestens zwei Arbeitsstunden verloren. Die Autos sind stark reparaturbedürftig. Dadurch schafft der Mann effektiv nur etwas mehr als 5 Stunden von seiner 8 Stundenschicht. Die Stimmung der Stammbelegschaft ist gut, die neu Hinzugekommenen sind einmal im Beruf fremd, im wesentlichen sind sie aber willig. Einige wenige betrachten die Arbeit allerdings auch als Strafe. Die Sonntage sind deswegen nicht voll befahren worden, da einem Teil der Belegschaft die Notwendigkeit einfach nicht beizubringen war. Der Betriebsrat ist jetzt dazu übergegangen, und zwar nach den Erfahrungen des letzten Sonntag, den man als Prüfstein ansah, die Säumigen mit 10 Mark zu bestrafen und [hat] 1 ihnen angedroht, dass sie im Wiederholungsfalle dem Arbeitsamt bezw. der Administration gemeldet werden. Bezüglich der Ernährung ist erwähnenswert, dass ein Teil der neu Zugewiesenen – sei es auf Grund falscher Informationen durch die Arbeitsämter oder durch ungenügendes Nachdenken – nicht die erforderlichen Marken und auch nicht die erforderliche Kleidung mitgebracht haben. Das ergibt dann eine ganze Reihe von Schwierigkeiten. Wert wird darauf gelegt, dass Genussmittel, insonderheit etwas Rauchwaren für die Arbeiter beschafft werden. Seit über 8 Tagen haben die Arbeiter keinerlei Butter erhalten. Nach Auskunft des Ernährungsamtes Eisenach sei die Butter – 7,12 Tonnen – durch die Besatzungsarmee beschlagnahmt worden, so daß keine Lieferung erfolgen könne.
Heiligenrode. Betriebsleiter Eberhard. Er erklärt, dass der aussordentliche Tiefstand in Heiligenrode darauf zurückzuführen ist, dass dort mit besonders wenig Arbeitskräften angefangen wurde. Er verweist auf die Kurve, nach der mit dem Einsetzen der Arbeitskräfte die Förderungsleistung nahezu parallel laufend steigt.Heiligenrode ist auf Fussmarsch bezw. Fahrräder angewiesen. Die Leute kommen aus den umliegenden Dörfern, die 10 bis 17 km entfernt liegen, zur Arbeit. Das Werk hat keinerlei Bahnanschluss, früher verkehrte ein Omnibus. Auch unter Tage ist noch ein Weg bis zu ¾ Stunden zurückzulegen. Früher gab es einen Lastwagenverkehr unter Tage, dieser wird in Kürze wieder in Ordnung sein. Bis jetzt sind 60 % des Solls erfüllt. Schuld an der Nichterfüllung des Solls soll insbesondere die Drahtseilbahn sein, die nicht in Ordnung ist und zu zahlreichen Transportschwierigkeiten führt. Reparaturbedürftig sind in erster Linie die Hängewagen, das Aufarbeiten der Gehänge dauert einige Wochen. Diese Reparaturen konnten während des Stillstandes des Werkes nicht ausgeführt werden, da in dem Werk die Demontage von BMW lief und alle Arbeiten ausserhalb der Demontage strengstens verboten waren.Die Arbeitsmoral in dem Werk ist gut, das Stammpersonal ist verhältnismässig stark, dass Verhältnis bergerfahrene und bergfremde Arbeiter ist 1 : 1. Es besteht noch ein Fehlbedarf von 40 Mann. Infolge der Überbelastung in der letzten Zeit konnte die Drahtseilbahn nicht so kontrolliert werden, wie es unbedingt nötig ist. Aus diesem Grunde ist am Montag eine schwere Störung eingetreten, wodurch das Förderungssoll der Grube einen schweren Rückschlag erlitten hat. Man hofft jedoch, die Panne bald wieder beheben zu können. Wenn die Drahtseilbahn wieder vollständig in Ordnung ist, glaubt die Betriebsleitung, dass das Soll erreicht werden kann. Das zurückliegende Defizit kann allerdings nicht aufgeholt werden. Die Kapazität der Grube liegt nicht so hoch, dass es einen Ausgleich geben kann.
Betriebsratsvorsitzender Gerlach . Er bestätigt zunächst die Ausführungen des Betriebsleiters. Die Moral in der Grube ist an sich sehr gut, man muss den Leuten aber nach Möglichkeit mit Rauchwaren entgegen kommen. Als unbillig wird empfunden, dass die Leute, die am Silo über Tage arbeiten – die Arbeit ist ausserordentlich schwer – anders behandelt werden als die Arbeiter unter Tage. Die Zahl dieser am Silo schwerst Arbeitenden beträgt 60 Mann. Die Verpflegung der Belegschaft müsste aufgebessert werden, wenn irgend eine Möglichkeit vorhanden wäre. Ausserdem besteht eine dringende Notwendigkeit, mindestens 30 % der im Bergwerk Arbeitenden mit Schuhwerk, möglichst Leder, zu versorgen. Die Gesamtbelegschaft beträgt z. Zt. 7 450, die volle Belegschaft 8 200 Mann. Als Kleidung werden vordringlich gebraucht etwas über 2 000 Monteuranzüge, ausserdem sind Hemden unbedingt erforderlich. Ausserdem muss bei der Eisenbahndirektion Erfurt versucht werden, dass die Abfahrtszeiten der Züge reguliert werden. Für die Wiederherstellung der Drahtseilbahn kommt die Fa. Bleichert in Leipzig in Frage. Es wird vorgeschlagen, ein Gutachten von Bleichert über den Zustand der Bahn einzufordern.
Grube Bleicherode . Betriebsleiter Velsen An der zugesagten Zahl von 600 fehlen noch 360 Arbeiter. Zuständig ist das Arbeitsamt Nordhausen. Noch im Laufe dieser Woche soll eine grössere Anzahl Arbeitskräfte antreten. Wenn die Grube die volle Belegschaft zur Verfügung hat, hofft sie, das gestellte Soll erfüllen zu können. Wegen der Säumigen sollen die gleichen Massnahmen wie in Kaiserode eingeführt werden. Im Augenblick wird das Soll geliefert, auch für Januar und Februar. Die Arbeitsmoral ist gut, auch die neuen 100 Leute haben sich gut eingestellt. Der Gesundheitszustand ist hier besser, der Krankheitsstand 2 beträgt nur 6 %. Um die Unterbringungsfrage zu lösen, wird vorgeschlagen, das Verwaltungsgebäude der Überlandzentrale zur Unterbringung der Arbeiter frei zu bekommen. Wegen der Sonntagsarbeit hat der Betriebsrat viel Sorgen und Kummer. Es wird angeregt, wenn das Produktionssoll erreicht wird, 2 Sonntage im Monat frei zu bekommen, um die Leute bei besserer Arbeitsmoral zu halten. Im wesentlichen ist sonst die Arbeitsmoral nicht schlecht. Es wird als unbillig empfunden, dass die Halbfabrikate, die auch aus der Tiefe herausgeholt werden müssen, in der Rohsalzförderung nicht angerechnet werden.Zusätzliche Lebensmittel erhalten bisher nur die unter Tage Arbeitenden, aber auch für die über Tage Arbeitenden sind zusätzliche Lebensmittel unbedingt erforderlich. Es wird als unbillig empfunden – und dasselbe bestätigt Herr Fischer von Grube Kaiserode in Übereinstimmung mit Grube Heiligenrode – wenn die beiden Gruppen verschieden behandelt werden, da viele Arbeiten über Tage ebenso, wenn nicht noch schwieriger sind, als die Arbeiten unter Tage. Erforderlich ist eine Aufstellung über die unter Tage Arbeitenden sowie für die über Tage Arbeitenden, die besonders schwere Arbeit zu leisten haben.Die Bekleidungsfrage ist äusserst kritisch (früher erhielten die Arbeiter im Jahr 3 Paar Lederschuhe und 2 Anzüge). Holzschuhe sind bei der Unebenheit des Bodens nicht zu empfehlen, da sie nur ungenügenden Halt bieten. Lediglich für einige Leute über Tage könnten Holzschuhe empfohlen werden.
Bergener , Betriebsleiter Heiligenrode. Die Leistungen der Fabriken sind z. Zt. höher als die Leistungen der Grube. Es wird als irrational empfunden, dass die Belegschaften, die in den Fabriken arbeiten und die nach Befehl 71 gleichsfalls an den Sonntagen zu arbeiten habe, an diesen Tagen in den Gruben eingesetzt werden sollen, da es einfach an genügenden Halbprodukten fehlt, die in den Fabriken zu bearbeiten sind. Das bezieht sich allerdings nur auf die reinen Fabrikarbeiter, während selbstverständlich die Handwerker während des Betriebs der Grube zur Stelle sein müssen.
Fischer . Es wird von allen Gruben angeregt, es soll an den Sonntagen an sich gearbeitet werden, aber nur in einer Schicht, damit in der Abwechslung nach und nach jede Schicht einmal einen freien Sonntag hat und dadurch auch die Möglichkeit gegeben ist, während dieser Zeit die allernötigsten Reparaturen im Schacht selbst durchzuführen.

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 1678, Bl. 163r-167r (ms. Ausfertigung).

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