Nr. 109a
11. Februar 1946
Stellungnahme des Landesdirektors für Wirtschaft Leonhard Tyczka an Landespräsident Rudolf Paul zu SMATh-Vorwürfen mangelnder Befehlsdurchführung

Weimar, den 11. 2. 1946Land ThüringenLandesamt für WirtschaftLandesdirektor Dr. Tyczka
An denPräsidenten des Landes ThüringenHerrn Dr. Paul W e i m a r

Betr. : Befehl Nr. 71 des Chefs der SMA des Landes Thüringen vom 8. 2. 1946 1
In der vom Herrn Präsidenten am 1. Februar 1946 geleiteten Sitzung ist der Befehl über die Kaliproduktion in Thüringen mit allen Beteiligten eingehend durchgesprochen worden. 2 Die in Frage kommenden Landesämter haben zu den Wünschen der Grubenbetriebe Stellung genommen. Alle Beteiligten sind auf die vordringliche Erfüllung des Befehls hingewiesen worden. Im Landesamt für Wirtschaft ist Herr Bergassessor Bock der verantwortliche Referent für den Kalibergbau. Ich habe durch laufende Kontrollen festgestellt, daß er in aufopferungsvoller Arbeit, die oft bis tief in die Nachtstunden hinein gedauert hat, die Anordnungen ausführte, die der zuständige Referent bei der der SMA Thüringen, Herr Leutnant Netschmedinow, erteilt hat. Herr Bergassessor Bock war oft mehrere Stunden lang zu Besprechungen in der SMA und beklagte sich mir gegenüber, daß er dadurch nicht zur Erledigung der vielen anfallenden Arbeiten in seinem Dienstzimmer komme. Aus diesen Gründen mußte er die büromäßige Erledigung der Berichte und die Errechnung der Zahlenunterlagen für die täglichen Meldungen einer Hilfskraft überlassen. Auf Grund der von der SMA im Benehmen mit der Präsidialkanzlei angeordneten Einsparung von Etatstellen ist das Landesamt für Wirtschaft nicht in der Lage, qualifizierte Kräfte hierfür zu besolden.Ich habe angeordnet, daß von der Kaliindustrie auf deren Kosten erfahrene Arbeitskräfte zum Landesamt abgestellt werden, damit die erforderliche Arbeit geleistet werden kann.Vom heutigen Tage ab hat Herr Bock einen Mitarbeiterstab von 4 Herren, so daß voraussichtlich die anfallenden Arbeiten bewältigt werden können. Im Befehl Nr. 55 (g, h, i) des Herrn Generaloberst Tschuikow vom 30. Januar 1946 3 sind mir als dem Leiter des Landesamtes für Wirtschaft verschiedene Auflagen gemacht worden. Dieser Befehl, der am 7. Februar 1946 von Herrn Dr. Gumprecht im Auftrage des Herrn Präsidenten den Landesämtern zugeleitet wurde, ist im Landesamt für Wirtschaft am 8. Februar 1946, 16,45 Uhr, eingegangen. Am gleichen Tage hat Herr Generalmajor Kolesnitschenko folgenden Befehl an Herrn Präsident Dr. Paul erlassen:„Dem Direktor des Landesamtes für Wirtschaft, Herrn Dr. Tyczka, für das Unterlassen der Sicherstellung des Planes einen Verweis zu erteilen und ihn zu warnen, daß er die persönliche Verantwortung (lt. Pkt. 1 des Befehls Nr. 55 des Chefs der SMA des Landes Thüringen vom 30. Januar 1946) für die Erfüllung des Planes und für rechtzeitige und genaue Informationen über den Gang der Arbeiten zur Erfüllung des Planes trägt ….“.Hierzu erkläre ich, daß von mir alles getan worden ist, um den als vordringlich anerkannten Kalibefehl zu erfüllen. Ich habe in der Sitzung am 1. Februar d. J. im Anschluß an die Ausführungen des Herrn Präsidenten die Betriebsleiter und ihre Betriebsräte ausdrücklich darauf hingewiesen, daß der Befehl 100 %ig zu erfüllen ist. Im Landesamt für Wirtschaft habe ich den zuständigen Abteilungsleiter, Herrn Oberregierungsrat Dr. Schönemann, und Herrn Bergassessor Bock angewiesen, in Zusammenarbeit mit allen in Frage kommenden Stellen, insbesondere der SMA Thüringen, die völlige Durchführung des Planes sicherzustellen. Durch tägliche Kontrollen habe ich mich davon überzeugt, daß im Landesamt für Wirtschaft alles Erforderliche getan worden ist.Um mich über die Vorgänge in einem Kalibetrieb zu unterrichten, habe ich am Donnerstag, den 7. d. M., gemeinsam mit Herrn Oberrregierungsrat Dr. Schönemann das Kaliwerk Volkenrode aufgesucht und mir dort durch eine mehrstündige Grubenbesichtigung und eine eingehende Besichtigung der Übertageanlagen einen praktischen Einblick in die Kaliproduktion verschafft.Ich habe angeordnet, daß Herr Bergassessor Bock am Sonnabend und Sonntag sämtliche Kaliwerke bereist, um die Gründe festzustellen, die zu der geringen Erfüllung des Befehls geführt haben. Diese Unterlagen werden zurzeit geprüft und alsdann vorgelegt werden.Aus allen Berichten geht hervor, daß die nicht rechtzeitige und nicht ausreichend erfolgte Gestellung von Arbeitskräften die Hauptschuld an der bisherigen Nichterfüllung des Befehls trägt. In mehreren Gesprächen habe ich Herrn Landesdirektor Brack darauf aufmerksam gemacht, der mir immer wieder glaubhaft versicherte, daß von Seiten des Landesamtes für Arbeit und Sozialfürsorge alles getan werde, um die benötigten Arbeitskräfte rechtzeitig bereitzustellen.In voller Erkenntnis, daß die Erfüllung der Kaliproduktion für die Ernährung der Bevölkerung in der sowjetischen Zone von grundlegender Bedeutung ist, erkläre ich hierdurch, daß von Seiten des Landesamtes für Wirtschaft alles getan worden ist, die Kaliproduktion in der gewünschten Weise sicherzustellen.In diesem Zusammenhang weise ich darauf hin, daß das Landesamt für Wirtschaft für alle Zweige der thüringischen Wirtschaft in den letzten Wochen Produktionsauflagen erhalten hat. Ich habe die zuständigen Abteilungsleiter, Referenten und Sachbearbeiter laufend darauf hingewiesen, daß sie die Verantwortung für die Durchführung dieser Befehle und Auflagen tragen.Die Ausführung der Arbeit meiner Mitarbeiter kontrolliere ich täglich. Bei meiner sonstigen Überlastung ist es mir jedoch unmöglich, persönlich die Verantwortung für die Durchführung sämtlicher Auflagen im einzelnen zu tragen.Soeben hat eine Besprechung mit dem Leiter der Industrieabteilung der SMA Thüringen, Herrn Major Schinkewitsch, stattgefunden, aus der folgendes hervorging: „Die SMA ist der Ansicht, daß ich als Leiter des Landesamtes für Wirtschaft auch für die Bereitstellung der Arbeitskräfte verantwortlich sei. Dadurch ist es zu erklären, daß Herr Generalmajor Kolesnitschenko unter 1 c d mir befiehlt, den Direktor der deutschen Verwaltung für Arbeit, Herrn Brack, für die Nichterfüllung des Planes für die Mobilisierung von Arbeitern seines Amtes zu entheben, den Apparat der Verwaltung für Arbeit zu prüfen und ihn durch erfahrene energische Arbeiter, die fähig sind, eine rechtzeitige Erfüllung der Anordnungen und Befehle der SMA sicherzustellen, zu verstärken.“ Ich bitte Sie, sehr geehrter Herr Präsident, diesen Irrtum aufzuklären, damit ich nicht für etwas gemaßregelt werde, wofür ich keine Verantwortung trage. 4
Dr. Tyczka

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 646, Bl. 211r-212v (ms. Ausfertigung).

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