Nr. 104a
31. Januar 1946
Schreiben Rudolf Pauls an den SMATh-Verwaltungschef Iwan S. Kolesnitschenko zur Assessorprüfungsordnung der Deutschen Zentralverwaltung der Justiz

Weimar, den 31. Januar 1946Der Präsidentdes Landes Thüringen In dieser Angelegenheit erwarte ich Richtlinien aus der SMA f. D. (Berlin) Gen. Kolesnitschenko 1
Andie Sowjetische Militär-Administrationz.Hd. des Herrn Generalmajor Kolesnitschenko in W e i m a r
Die Deutsche Zentrale Justizverwaltung in der sowjetischen Besatzungszone in Deutschland teilt mir mit, sie habe mit Ermächtigung der Obersten Sowjetischen Militär-Administration in Berlin-Karlshorst eine neue Ordnung der Assessorprüfung erlassen. Diese ist hier in ihrem Wortlaut noch nicht eingegangen, so daß ich abschließend dazu noch nicht Stellung nehmen kann.Aus dem Schreiben der Deutschen Zentralen Justizverwaltung ersehe ich jedoch, daß diese die Assessorprüfung ganz an sich ziehen und nur in Berlin abhalten lassen will.Die Thüringische Landesverwaltung ist ebenso wenig wie die Verwaltung des Bundeslandes Sachsen zu dem Plan der Schaffung einer neuen Assessorprüfungsordnung gehört worden, so daß sie keinen Einfluß darauf nehmen konnte.Thüringen hat bereits im Herbst 1945 eine neue Justizprüfungsordnung ausgearbeitet und bildet danach den Juristennachwuchs aus. Diese Prüfungsordnung schließt sich an den Zustand vor dem Jahre 1933 an und wird insofern den thüringischen Verhältnissen besser gerecht, als sie die Assessorprüfung am Oberlandesgericht in Gera durchführen läßt. Die durch den Zusammenbruch des Nazireiches entstandene Lage hat dazu geführt, dass das neue Recht Thüringens in mancherlei 2 Hinsicht von dem der anderen Länder und Provinzen abweicht. Aufgabe des juristischen Vorbereitungsdienstes ist es, die Referendare, besonders auch in der Anwendung des thüringischen Rechtes zu schulen, da ja aus ihren Reihen die künftigen Richter, Staatsanwälte und Rechtsanwälte hervorgehen werden, die mit diesem Recht umgehen müssen. Deshalb muß sich auch die Assessorprüfung in erheblichem Umfang auf das thüringische Recht einstellen. Das ist aber nicht gewährleistet, wenn die Prüfungen in Berlin abgehalten werden. Auch wegen der ungünstigen Verkehrsverhältnisse und der großen Schwierigkeit in Berlin, wenn auch nur für einige Tage, Wohnung zu bekommen, ist die in Aussicht genommene Regelung für die Prüflinge besonders ungünstig.Nach Rücksprache mit der Verwaltung des Bundeslandes Sachsen, die derselben Meinung ist wie ich, bitte ich daher, bei der Obersten Sowjetischen Militär-Administration in Berlin-Karlshorst vorstellig zu werden, damit der Erlaß einer neuen Prüfungsordnung ohne Einverständnis der Länder und in der vorgesehenen Weise unterbleibt.
Dr. Paul.

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 646, Bl. 271r, 271v (ms. Ausfertigung).

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