Nr. 103h
28. Februar 1946
Aus der Ansprache Karl Geilers beim Zusammentritt des Beratenden Landesausschusses Groß-Hessens über die Thüringen-Fahrt, deutsche Einheit und Völkerverständigung

[…]
Und schließlich war und ist es vor allen Dingen der deutsche Einheitsgedanke, der mich geleitet hat und für dessen Verwirklichung ich bei allen Erklärungen und Entscheidungen nachdrücklichst eingetreten bin, wobei sich in mir Verstand und Herz gleichermaßen verbinden, um mich zu einem leidenschaftlichen Anhänger dieses Einheitsgedankens zu machen.
Als ich kürzlich nach Weimar fuhr und dabei zunächst den amerikanischen Schlagbaum und dann den russischen Schlagbaum passieren mußte und kurz danach ein großes Transparent über die Autobahn gespannt sah mit dem Aufdruck: „Thüringen grüßt Groß-Hessen“, da fiel mir der Dionysosmythos ein, jener tiefsinnige Mythos von dem griechischen Gott, der besagt, daß der ursprünglich in ganzer Gestalt verehrte Gott, nachdem das Individualitätsbewußtsein in dem griechischen Menschen erwacht war, in viele Teile zerstückelt wurde, von denen jedes sich wund und schmerzvoll nach der früheren Einheit zurücksehnt. So zerstückelt und wund von der Trennung liegen die Teile Deutschlands da und sehnen sich nach einer Wiedervereinigung. Dabei liegen verstandesmäßig die Dinge doch so, daß ein in Zonen aufgeteiltes Deutschland in den Abgrund gerät, wenn nicht entsprechend den Potsdamer Beschlüssen zunächst einmal wenigstens die wirtschaftliche Einheit Deutschlands hergestellt wird, und zwar muß sie bald hergestellt werden, wenn wir nicht untergehen sollen. Die materiellen Probleme der Ernährung, der Wirtschaft, des Wiederaufbaues, der Ein- und Ausfuhr, aber auch die wichtigsten Fragen des Verkehrs, der Währung und der Finanzen lassen sich nicht ländermäßig, auch nicht zonenmäßig regeln. Sie können nur in dem ganzen, wenn auch verkleinerten deutschen Raum geordnet werden.
Die wirtschaftliche Einheit schließt aber von selbst auch die Rechtseinheit in sich, ganz abgesehen davon, daß ein verschiedener Rechtszustand in den einzelnen Zonen oder gar Ländern eine innere Zerrissenheit bedeuten würde, die unerträglich wäre.
Darüber hinaus ist aber auch die Wiederherstellung der politischen Einheit für mich eine innere Notwendigkeit, der ich leidenschaftlich zustrebe. Nachdem die Hegemonie Preußens ihr geschichtliches Ende gefunden hat, ist der historische Augenblick gekommen, in dem sich der Begriff Deutschland neu verwirklichen läßt, und zwar politisch ruhend auf einer Reihe von demokratischen Gliedstaaten, von denen keiner mehr ein Übergewicht hat, und ethisch fundiert auf einem neuen Nationalgefühl, das nicht mehr in dem Drang nach äußerer imperialistischer Macht wurzelt, sondern in der inneren Verbundenheit mit der deutschen Kultur und Landschaft, und das zugleich dem internationalen Gedanken in der Richtung einer Völkerverständigung voll aufgeschlossen ist. Die Völkerverständigung ist in der Zeit der Atombombe zu einem Gebot höchster Dringlichkeit geworden, das Anerkennung erheischt, wenn die Völker nicht untergehen sollen. Auch geschichtlich scheint die Zeit gekommen, in der, wie ich sehnlichst hoffe, der imperialistische Machtgedanke in der Welt seine Rolle ausgespielt hat. Die sozialen Probleme werden in der nächsten Zeit nicht nur bei uns, sondern auch in der übrigen Welt solche Bedeutung gewinnen, daß demgegenüber alle nationalen Machtentfaltungen in den Hintergrund treten werden. Nationen werden bleiben, aber nicht mehr als Vertreterinnen eines völkertrennenden, jederzeit kriegsbereiten Nationalismus, sondern als kulturelle und wirtschaftliche Einheiten innerhalb einer völkerverbindenden Weltorganisation.

Quelle: Geiler: Geistige Freiheit (1947/C), S. 91-93.