Nr. 103e
31. Januar 1946
Notiz der Handelsabteilung des hessischen Wirtschaftsministeriums über die Anweisung General Clays, den „Thüringenvertrag“ zu kassieren

Wiesbaden, den 31.1.1946Abteilung Handel (Außenhandel)Ic
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Notiz betr. Thüringenverkehr
Nachdem noch gestern vormittag seitens der Militärregierung Beanstandungen des Thüringenvertrags vorgenommen worden waren bezüglich der Preisvereinbarung und bezüglich der Warenliste (es sollten noch Alkohol und Schwefel zur Lieferung aus Thüringen nach Hessen mit einbezogen werden), bat gestern abend Major Mandell den Präsidenten Kassner, Dr. Schneider, Herrn von Vitzthum und mich zu sich um folgendes zu eröffnen:Es sei bezüglich des Groß-Hessen – Thüringen-Vertrages ein Anruf von General Clay aus Berlin gekommen, demzufolge der Vertrag ungeachtet dessen, daß er bereits unterzeichnet sei, kassiert werden müsse. Der Abschluß von Handelsabmachungen durch staatliche Organe zwischen einzelnen Ländergebieten sei mit dem Grundsatz, daß Deutschland eine wirtschaftliche Einheit darstelle, unvereinbar. Man sei sich in Berlin klar darüber, daß dies eine Politik auf weite Sicht sei und für den gegenwärtigen Zeitpunkt praktisch den Warenverkehr nicht fördere, aber man glaube, an diesen Grundsätzen zunächst einmal unverrückbar festhalten zu müssen, bis es sich etwa erweisen sollte, daß sie völlig undurchführbar sind. Der abgeschlossene Vertrag hat als null und nichtig zu gelten, jedoch beständen natürlich keinerlei Bedenken, die gleichen Abmachungen in Form von Privatgeschäften der Wirtschaft abzuschließen. Dabei empfehle es sich, Abmachungen über restricted items und andere Waren voneinander zu trennen.Den Einwurf, daß die rechtzeitige Belieferung Groß-Hessens mit Gemüsesamen durch die Kassierung des Vertrages in Frage gestellt sei, vermochte Major Mandell nicht zu entkräften. Ebensowenig den Hinweis darauf, daß er noch gestern nachmittag mir erklärt hatte, zweiseitige Abmachungen wie der Hessen-Thüringen-Vertrag lägen ganz in der Linie dessen, was die Militärregierung wünsche und zu fördern gedenke.Abschließend bat Major Mandell darum, daß die Thüringer Regierung durch die Groß-Hessische Regierung von der Entscheidung des Generals Clay in Kenntnis gesetzt würde.
[ Unterschrift ]

Quelle: Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abt. 502, Nr. 1523, Bl. 2r, 3r (ms. Ausfertigung).