Nr. 100b
19. Januar 1946
Begrüßungsansprache des Landespräsidenten Rudolf Paul

Dr. Paul, Begrüssungsansprache.
Das Land des ewig Grünen, das Land der Fichten und Tannen (Thüringen) heisst Sie Wilhelm Pieck, Sie Otto Grotewohl und Sie meine Delegierten herzlich willkommen. Ihre Zusammenkunft findet weit über die Mauern des Saales, weit über die Grenzen unseres Landes und sicher auch über die Grenzen der Sowjetischen Besatzungszone hinaus grosse Beachtung. Denn die deutsche Arbeiterschaft, von Ihnen geführt, befindet sich auf dem entscheidenden Schicksalsweg. Das Ziel dieses Weges heisst: Einheit und ich sage, diese Einheit tut bitter Not. Die Verknappung der Zeit gestattet es nicht, Ihnen im einzelnen zu entwickeln und zu beweisen, wie nur zurückgehend auf die Tatsache, dass die Arbeiterschaft nicht einig war, die Demokratie der Republik von Weimar verfälscht und unter dem Lügenmantel dieser Demokratie Hitler ans Ruder kam und schließlich uns in den wahnsinnigsten der Kriege hineinstürzen konnte. Zwei Ereignisse allerdings möchte ich herausstellen, die sich in Thüringen zugetragen haben und die schlagartig und eindeutig beweisen, für jeden, der sehen will was auf der einen Seite Einigung der Arbeiter vermag und was auf der anderen Seite Zwiespalt zerstört. Im März 1920 knallte übers Pflaster der Parademarsch eines Reichswehr-Regiments. In Berlin hatte Kapp gemeutert und die Reichsregierung hatte Berlin verlassen. In Thüringen lag der Drehpunkt des Putsches. Die Reichswehrtruppen in Sachsen waren unsicher, in Thüringen gingen sie mit fliegenden Fahnen zu den Rebellen über, und besetzten die öffentlichen Gebäude, Post, Bahn, Regierung und Rathaus. Gegenüber den geladenen Kanonen, den geladenen schweren Maschinengewehren und geladenen Gewehren stand waffenlos die Arbeiterschaft. Das Ganze ereignet sich an einem Sonntagmittag. Am Montag vormittag stürzten die Arbeiter, keiner fragte den Nebenmann bist Du bei der KPD, bei der USPD, SPD, stürzten die Arbeiter getrieben von einem Drang sich Ihre Freiheit nicht durch Maschinengewehre und Kanonen nehmen zu lassen, nach vorn, in einen Kugelregen. Es blieben einige Dutzend auf der Strecke und eine halbe Stunde später war ein ganzes vorher so stolzes Regiment entwaffnet. 1 Die Bevölkerung, einig im Willen, hatte die Freiheit ihrer Verfassung gerettet. Drei Jahre später: über das Land Thüringen ist der Ausnahmezustand verhängt mit der Begründung, der Tatsache, dass ein oder zwei Minister der KPD angehörten und dass das mit der Verfassung von Weimar nicht in Einklang zu bringen sei. Wieder stand ein Reichswehrregiment am Rand der Stadt Gera und es ist bekannt die Rede, die dieser Oberst hielt – und diese Rede möchte ich Ihnen mitteilen, damit sie für viele von Ihnen eine Grundlage sein mag, bei der Fülle der Entscheidung. Der Oberst setzte sich auf dem Pferde zurecht. Er sagte zu seiner nazistisch durchsetzten Reichswehr: „Her hören, Ihr kommt da in ein rotes Nest. In diesem Roten Nest aber hat die Kommune mal ein ganzes Reichswehrregiment entwaffnet. Die Schande muss an den Roten Brüdern ausgewetzt werden. Ihr habt verstanden.“ Und ob die Soldaten ihn verstanden haben. Die Reichswehr der schwarz-rot-goldenen Republik bevorzugte in diesen Tagen und Wochen die Marschweise „Hakenkreuz am Stahlhelm, schwarz-weiss-rot das Band.“ 2 Der Gerechtigkeit die Ehre. Die Herren haben sich keinen Zwang aufgelegt, mit offenem Visier gekämpft, sie haben ein Grand-ouvert auf die Tischplatte gelegt. Die Berliner hatten die Anweisung herausgegeben, nur gegen die Kommunisten vorzugehen. Der Oberst war den Soldaten näher und hatte gesprochen von Roten Brüdern und ich frage Sie, wann hatte ein Gegner der Arbeiterschaft einen Unterschied zwischen der partei-politischen Einstellung des einzelnen gemacht. Es sei denn, dass er die partei-politischen Differenzen zum Kampf des einen gegen den anderen ausnutzen wollte, und es traf der Herr Oberst mit seinen Roten Brüdern den Nagel haarscharf auf den Kopf und seine Soldaten haben entsprechend gehandelt. Sie haben sich den Teufel um die Anweisung von Berlin gekümmert. Sie haben alle Arbeiter, alle Funktionäre ohne Ansehen ob SPD ob KPD verhaftet, sie haben sie mit erhobenen Händen vor sich hergetrieben, mit den Gewehren bedroht und ins Gefängnis geworfen. Meine Delegierten. Was lehrt das Jahr 1920? Eine einige und einmütige Arbeiterschaft: Und ein Reichswehrregiment wird entwaffnet.“ 1923 eine gespaltene Arbeiterschaft und das Reichswehrregiment treibt sie zu Paaren. Gibt es, so möchte ich fragen, ein klareres Beispiel in ein und derselben Stadt mit so viel verschiedenen Ereignissen? Aber 1920 einig und die Arbeit[er]schaft 3 hatte den Sieg. 1923 uneinig und sie erlitten eine vernichtende Niederlage. Spätestens seit diesem Zeitpunkt war die Demokratie der Verfassung von Weimar eine Lüge und unter dem Mantel dieser Lüge kam Hitler an die Macht und wir kamen in das Verderben. Ein Gestern darf nicht wiederkehren. Unsere neue Demokratie muss von innen heraus fundiert sein. Diesem Zweck dient die Tagung heute, diesem Zweck dient die Tagung morgen. Alle die, denen es ernst um ein neues demokratisches Deutschland ist, sehen Ihrer Tagung hoffnungsfroh entgegen. Unter der Voraussetzung sehen wir die beiden Führer der beiden grossen Arbeiterparteien. Wir sehen unseren hochverehrten Wilhelm Pieck, an dessen grandioser Geburtstagsfeier ich in Berlin teilnehmen konnte und wo ich das wiederholen möchte, was ich ihm damals beim Händedruck sagte. Er ist von Natur sichtbar ausgezeichnet. Denn es ist ein Gnadengeschenk der Natur, dass er in dieser Frische unter uns weilt und es ist ein gütiges Geschick, dass ihn davor bewahrt hat, in die Hände der Mordbuben von Hitler zu fallen. Er ist und das muss und wird das schönste für ihn sein, in Millionen Herzen deutscher Arbeiter fest verankert. (Beifall) In Ihnen hochverehrter Herr Grotewohl grüssen wir nicht nur den Führer einer grossen Partei, sondern ihre persönliche Haltung und ihre persönlichen Reden sind in den letzten Monaten und Wochen richtungsgebend gewesen allen Menschen demokratischen Gefühls und alle sehen in Ihnen einen zuverlässigen und richtungsweisenden Wegbereiter in ein neues demokratisches Deutschland. Von Ihnen meine Delegierten, von Ihrer Stellungnahme, von Ihren Beschlüssen hängt unendlich viel für die werktätige Bevölkerung ab. Streifen Sie das deutsche Erbübel ab, unterstreichen Sie nicht das Trennende, sondern das Einende! Eine geeinte Arbeit[er]schaft ist ein sicherer Hort der Demokratie. Möge diese Einigung bald zur Wahrheit werden.

Quelle: Stadtarchiv Jena, Yw (NL Erhard Wörfel), Mappe 39, n. fol. (ms. Ausfertigung).

1 2 3