Nr. 101e
30. Januar/1. Februar 1946
Die „Thüringer Volkszeitung“ (KPD) über die Nordhäuser Kundgebung

Die Justiz muß demokratisiert werden! Das fordern 10 000 Werktätige Nordhausens in einer Massenkundgebung
Am letzten Mittwochnachmittag strömte in Nordhausen 1 die Bevölkerung zu einer wuchtigen Kundgebung zusammen, die für die demokratische Erneuerung Deutschlands von größter Bedeutung ist. Sämtliche Betriebe machten um 15 Uhr Arbeitssschluß, und die Massen bewegten sich in gewaltigen Zügen zur großen Werkhalle der Maschinenfabrik Montania. Sie folgten dem Rufe des Blocks der vier antifaschistischen Parteien, um ihren entschlossenen Willen zur demokratischen Umgestaltung der Justiz im heutigen neuen Deutschland zum Ausdruck zu bringen. Kopf an Kopf, an die zehntausend, standen die Werktätigen Nordhausens in der großen Maschinenhalle und folgten aufmerksam den Ausführungen der Redner, die oft von Rufen der Entrüstung und von stürmischer Zustimmung unterbrochen wurden. Was war der unmittelbare Anlaß zu diesem machtvollen Ausdruck des Massenwillens?Wie in vielen Orten Deutschlands, so gab es auch in Nordhausen in der Zeit der Hitlerschmach elende und gemeine Subjekte, die aufrechte, ehrliche Antifaschisten den Nazihenkern denunzierten und sie aufs Schafott brachten. So ein dreckiger Denunziant war auch der ehemalige Angestellte des Nordhäuser Finanzamtes Josef Puttfarken. Dieser Schuft legte sich an einem Tage im Jahre 1942 in der Nähe der Klosettanlage im Finanzamt auf die Lauer und lieferte den Handelsmann und Antifaschisten Karl Göttig, Vater von zwei Kindern, der Gestapo ans Messer, weil Göttig im Klosett an einem Nagel ein Stück Papier aufgehängt hatte, auf dem die Wahrheit geschrieben stand: „Hitler ist ein Massenmörder.“ Bei der Verhandlung vor dem Sondergericht in Kassel wurde Göttig auf Grund der Zeugenaussage Puttfarkens zum Tode verurteilt. Das Todesurteil wurde vollstreckt.
Der Denunziant wird festgestellt, aber nicht in Haft genommen
Nach dem Sturz der Hitlerherrschaft gelang es der antifaschistischen Kriminalpolizei von Nordhausen, in der Person des Josef Puttfarken den Denunzianten und gemeinen Mörder des Antifaschisten Göttig festzustellen. Puttfarken wurde am 10. August 1945 in Haft genommen und die Nordhäuser Kriminalpolizei ersuchte den Oberstaatsanwalt in Nordhausen, über Puttfarken zu entscheiden.Es wäre die Aufgabe des Amtsgerichts gewesen, einen Haftbefehl zu erlassen. Der Nordhäuser Amtsgerichtsrat Strettköter lehnte aber den Erlaß eines Haftbefehls ab mit der Begründung, daß keine gesetzliche Unterlage dafür vorliege.
Die Nordhäuser Bevölkerung fordert die gerechte Bestrafung des Mörders
Als die Bemühungen der Kriminalpolizei in Nordhausen weiterhin erfolglos blieben, sah sich die Lokalredaktion der „Thüringer Volkszeitung“ veranlaßt, den Fall Puttfarken zur Kenntnis der Öffentlichkeit zu bringen. Eine gewaltige Empörung bemächtigte sich aller Werktätigen. Ueberall gab es nur eine Meinung und eine Stimmung:Wir verlangen in diesem Fall, der durch die Auffindung der Untersuchungsprotokolle klar bewiesen ist, sofortiges Eingreifen der Justizbehörden und die verdiente Strafe für den Mörder.Und als sich dann auch weiterhin Staatsanwaltschaft und Gericht nicht rührten, faßte der Block der vier antifaschistischen Parteien in Nordhausen den Beschluß, den Willen der Nordhäuser Bevölkerung öffentlich in einer gewaltigen Massenkundgebung zum Ausdruck zu bringen.
Der Weimarer Oberstaatsanwalt sagt die Strafverfolgung des Mörders zu
In der gewaltigen Massenkundgebung in der großen Werkhalle der Firma Montania am 30. Januar 1946 trat nach den Reden der Vertreter der SPD. und KPD. der Weimarer Oberstaatsanwalt Dr. Kuschnitzky ans Rednerpult und brachte zum Ausdruck, dass er diese Massenkundgebung begrüßt und ihren Willensausdruck vollkommen anerkennt. Er selbst habe bereits Anfang November 1945 einen Entwurf ausgearbeitet zur Strafverfolgung von Denunzianten, die Antifaschisten den Nazibehörden auslieferten. Er verlas die entscheidenden Stellen seines Entwurfes, in dem auch der Punkt enthalten ist, daß in solchen Fällen, wo die Denunziation den Tod zur Folge hatte, der Denunziant zur Todesstrafe verurteilt werden soll. Der Herr Oberstaatsanwalt versprach den Versammelten, alles zu tun, was in seinen Kräften steht, um hier in diesem Fall die gerechte Strafe des Verbrechens zu erreichen.In der Kundgebung kamen dann noch eine Reihe Redner aus den Kreisen der Werktätigen sowie der Nordhäuser Bürgermeister und der stellvertretende Landrat zu Wort, die alle unter Beifall der Versammelten die schnellste Strafverfolgung des Mörders forderten. Die Demokratisierung der Justiz ist die Sache aller Mitarbeiter am Neuaufbau Deutschlands
Als letzter Redner in dieser gewaltigen Massenkundgebung brachte der Chefredakteur der „Thüringer Volkszeitung“, Fritz Heilmann, zum Ausdruck, daß dieser Nordhäuser Kundgebung eine gewaltige Bedeutung zukommt, die weiter über die Grenzen dieser Stadt hinaus reicht. Es liegt hier ein hervorragendes Beispiel vor, wie die Werktätigen im neuen Deutschland selbst an die Oeffentlichkeit treten und von ihren demokratischen Rechten Gebrauch machen müssen. Wir haben schon viel am Neuaufbau unseres zusammengebrochenen Deutschlands gearbeitet, aber auf dem Gebiet der Justiz ist davon noch nicht viel zu spüren. Auch hier muß aber der demokratische Geist endlich zum Durchbruch kommen. 2 Der Redner begrüßte die Ausführungen des Weimarer Oberstaatsanwalts Dr. Kuschnitzky, richtete aber zugleich an die Werktätigen Nordhausens den Appell, nicht zu erlahmen in ihrem Willen, bis im Fall Puttfarken der Gerechtigkeit und dem Rechtsempfinden aller ehrlichen Deutschen Genüge getan ist. Wie der gesamte Neuaufbau Deutschlands jetzt von den arbeitenden Schichten vorgenommen und seine Führung von unten her ständig kontrolliert wird, so muß auch der Neuaufbau der Justiz, die bis heute noch nicht das Vertrauen des Volkes hat, vom festen Willen der Massen der Arbeitenden getragen und von ihrem Geist erfüllt sein. Zum Schluß der Kundgebung reckte sich ein Wald von zehntausenden Händen empor, um einer Entschließung zuzustimmen, die die härteste Strafe für den Denunzianten und eine demokratische Justiz fordert. 3

Quelle: Thüringer Volkszeitung, 1. 2. 1946.

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