Nr. 96i
29. März 1946
Artikel des Regierungsrates Reuß „Ziele und Wege der Umsiedlung“

Ziele und Wege der Umsiedlung Regierungsrat Dr. Reuß, Weimar 1
In seinem Ende Februar d. J. erstatteten Rechenschaftsbericht 2 hat Landespräsident Dr. P a u l u. a. auch der sehr aktuellen Frage der Umsiedlung gedacht und in diesem Zusammenhang an die Umsiedler wie an die eingesessene Bevölkerung mahnende Worte in dem Sinne gerichtet, daß von b e i d e n S e i t e n mit gutem Willen dazu beigetragen werden müsse, eine möglichst baldige und gründliche Verschmelzung der Alt-Thüringer und der Neubürger zu erreichen. Wie notwendig dies ist, wird durch nüchterne Zahlen eindringlich genug belegt: zu einer eingesessenen Thüringer Bevölkerung von rund 2,4 Millionen sind bis jetzt schon an die 500 000 getreten, und mit dem noch zu erwartenden Zustrom wird der künftige Gesamtzuwachs, einschl. in Thüringen bleibender Kriegsgefangener sowie Ost- und Westevakuierter, auf eine Million Menschen zu beziffern sein.
Es ist menschlich verständlich, daß das Fühlen der Umsiedler noch um die Frage kreist, ob und wann sie einmal wieder zurückkehren können. Aber es muß einmal gesagt werden, daß dieses Rückwärtsdenken jedenfalls keine Erfüllung mehr finden wird und somit ein schwerwiegendes Hindernis darstellt für die Verwirklichung des Verwurzelns mit der neuen Heimat. Die Umsiedleer werden sich selbst und allen in Betracht kommenden Stellen die Lösung der Aufgabe, die Verschmelzung der Alt- und Neubürger durchzuführen, wesentlich erleichtern, wen sie sich entschlossen nach vorwärts und auf ein bewußtes Aufgehen in der neuen Umwelt orientieren.
Natürlich müssen sie dabei der Tatsache Rechnung tragen, daß Deutschland durch die Schuld des Hitlersystems in große Not gestürzt worden ist. Im dunklen Schatten dieser Not steht selbstverständlich auch Thüringen. Daraus ergibt sich, daß persönliche Ansprüche nur im Rahmen verständiger Bescheidung geltend gemacht werden können.
Auf der anderen Seite muß von der eingesessenen Bevölkerung unter allen Umständen verlangt werden, daß sie für das bittere Geschick der Umsiedler teilnehmendes Verständnis zeigt. Der Thüringer möge sich vorstellen, wie es i h m zumute wäre, wenn er, in die Fremde vertrieben, als ungebetener, lästiger, beargwöhnter Eindringling behandelt würde.
Daß es in einem verhältnismäßig intensiv bevölkerten Gebiet wie Thüringen nicht leicht ist, die neuen Nachbarn angemessen unterzubringen, liegt auf der Hand,. Auf weitere Sicht gesehen, wird die Erstellung von Siedler-Typenhäusern hier mehr und mehr Luft schaffen, aber die wirschaftlichen Verhältnisse machen es begreiflicherweise auch nicht möglich, in raschem Fluß gleich Tausende von Siedlungshäusern zu bauen.
Infolgedessen muß zunächst auch weiterhin noch vorhandener Wohnraum intensiver ausgenutzt werden. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß bei gutem Willen noch vieles erreichbar ist. Es wird künftig in Wohnungen von Stadt und Land keine „kalte Pracht“ mehr geben können, die in pietätvoller Unberührtheit weiter träumen darf. Wo Hunderttausende eine ganze Heimat aufzugeben gezwungen waren, muß hier engstes Zusammenrücken eine Selbstverständlichkeit sein. Daß dem ideellen Ziel einer wahrhaften „Einbürgerung“ nicht gedient ist, wenn die neuen Nachbarn in eisige Dachkammern oder verwahrloste Abstellräume verwiesen und obendrei womöglich noch wucherischen Mietforderungen ausgesetzt werden, sollte schon gar einer besonderen Erwähnung nicht bedürfen. Es genügt nicht, „formal“ eine lästige Pflicht zu erfüllen, sondern es kommt darauf an, in kameradschaftlicher Verbundenheit opferwilliges Verständnis zu bewahren.
Was die Arbeitsbeschaffung für die Neubürger anlangt, so liegen die Verhältnisse ebenfalls nicht einfach, weil der weitaus größte Teil der Umsiedlere aus Frauen, Kindern und alten Leuten besteht. Es ist daher unerläßlich, auch die Frauen, soweit irgend möglich, in den Arbeitsprozeß einzubeziehen. Im Zusammenhang damit wird auch die Kinderbetreuung auszubauen sein. Die arbeitsfähigen Männer werden zum Teil einer Umschulung unterzogen werden müssen, da sich unter ihnen nur sehr wenige Angehörige aus Mangelberufen befinden. Natürlich geschieht alles Mögliche, um die neuen Bürger in Arbeit zu bringen.
Wenn die Zuteilung von Umsiedlertransporten nach Thüringen erst einmal beendet ist, wird es einer abschließenden methodischen Planung vorbehalten sein, wo und inwieweit noch räumliche Umsetzungen etwa notwendig sein könnten. In Einzelfällen war es ja bis jetzt schon möglich, in der Richtung eines ökonomisch weretvollen Leistungseffekts zu disponieren. Indem beispielsweise die weltberühmte Gablonzer Schmuckwarenherstellung geschlossen dem Gebiet von Gotha, die Haidaer Glasschleifer dem von Ilmenau angewiesen wurden.
Daß im übrigen der Ausstattung der Neubürger mit den notwendigsten Gegenständen des Lebens- und Haushaltsbedarfs größte Aufmerksamkeit zugewandt werden muß, ist selbstverständlich. Insoweit hat die „Thüringen-Aktion gegen Not“ schon bislang ein ohne Zweifel schönes Maß von Opferfreudigkeit der eingesessenen Bevölkerung erwiesen.
Rein verwaltungsmäßig gesehen, hat die Arbeit am Umsiedlungswerk in Thüringen inzwischen einen grundlegenden Umbau erfahren. Auf Veranlassung des Landespräsidenten ist eine Dreistufung geschaffen worden in eine dem Präsidenten direkt unterstellte oberste „Landeskommision für Neubürger“ sowie in Kreiskommissionen und Ortskommissionen mit der Maßgabe, daß in allen drei Instanzen neben den beteiligten Behörden nunmehr auch die Parteien, die Gewerkschaften, die Presse, der Rundfunk, die Thüringen-Aktion, Frauen- und Jugend-Vertretungen sowie, nicht zuletzt, die Umsiedler selbst zur aktiven Mitwirkung berufen sind. Diese Umgestaltung gewährleistet eine stetige Durchblutung der künftigen Betreuungsarbeit mit starken, fruchtbringenden Impulsen der Gemeinschaftlichkeit.
So muß und so wird es gelingen, das große Ziel des Zusammenschweißens von Altem und Neuem bei entschlossener Mitarbeit aller durchzusetzen.

Quelle: Thüringer Volkszeitung, 29.3.1946.

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