Nr. 91
7. Januar 1946
Entwurf eines Schreibens Rudolf Pauls als Protektor der Jenaer Universität an Berliner Studierende

Studenten und Studentinnen! Vor mir liegt die Resolution einer Studentengruppe der Universität Berlin. 9 Punkte weist diese Beschlussfassung auf. Jeder beginnt mit der Formel: „Wir fordern“. 1 Diesem in postularster Form vorgetragenen Verlangen mischen sich Worte bei: „Wir lehnen ab“, oder befehlsmässiges: „Mittel sind bereitzustellen“, um mit der Drohung auszuklingen: „Wenn unsere Mitarbeit abgelehnt wird, werden wir aus der Opposition heraus unsere Ziele zu erreichen versuchen“. Studenten, lasst Euch mahnend 2 sagen: Aus welchen „demokratischen“ Gedankengängen nehmt Ihr das Recht, in kategorischem Imperativ zu fordern, abzulehnen oder sogar noch zu drohen? Ihr seid nahezu ausnahmslos durch die Schule der Hitler-Jugend gegangen! 3 Ihre Sprache haftet Euch offensichtlich heute noch an! Man sagt Euch nach, von Nazi-Ideengut infiziert zu sein! Diese Ideologie brachte unser Volk in den Abgrund! Bevor Ihr fordert, rate ich Euch, zunächst einmal zu arbeiten, von welcher 4 Art es auch sei, den Verdacht der Mitverantwortung zu beheben und Euch zu bewähren. Von einem Staat, der so vielseitig in Not ist, fordert man zudem nicht. Es scheint mir eine Trübung der Begriffe zu sein, wenn Ihr Euch als wahre Demokraten anpreist, um der neuen Aera vorzuwerfen, Prinzipien der Tyrannei übernehmen zu wollen. Mit dem Lippenbekenntnis zur wahren Demokratie ist man noch ihr Repräsentant, das vor allem dann nicht, wenn man im selben Atemzug den Männern mit Opposition droht, die um ihrer demokratischen Einstellung willen 12 Jahre ihres Lebens unter dem Naziregime verloren und die jetzt die erdrückend schwere Aufgabe eines Neuaufbaus aus chaotischen Zuständen auf sich genommen haben.Ich rechne die Formulierung des Berliner Beschlusses jugendlichem Unbedacht, ausgelöst durch manche Kümmernisse Eurer Lage, zugute. Studenten, berechtigten Wünschen und Vorstellungen von Euch wird sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten keine Landesverwaltung verschliessen.
Weimar, den 7. Januar 1946 5 Landespräsident Dr. PaulProtektor der Friedrich-Schiller-Universität Jena

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 250, Bl. 55r (ms. Ausfertigung mit hs. Korrekturen).

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