Nr. 90d
2. Februar 1946
Schreiben des SMATh-Verwaltungschefs Iwan S. Kolesnitschenko an den Chef der SMAD-Außenhandels-Verwaltung Wassili K. Michin zur Organisation des Interzonenhandels nach dem Thüringer Modell

GeheimEx. Nr. 2 2.02.46 Nr. 0101

An den Chef der Abteilung für Außenverbindungen 1 [eigentlich: Verwaltung für Außenhandel] der SMAD Oberst Gen. Michin
Über die Organisation des Interzonenhandels

Die durch den Befehl des Gen. Marschall Schukow Nr. 05 vom 8. 1. 1946 erteilte prinzipielle Erlaubnis des Interzonenhandels kann in der gewünschten Weise und so operativ wie nötig nicht umgesetzt werden.Ich bin der Ansicht, dass das vom Befehl und von der Instruktion vorgesehene Verfahren der Organisation des Interzonenhandels über die Deutsche Verwaltung für Handel und Versorgung unseren wirklichen Erfordernissen nicht entspricht, denn: 1. Der Interzonenhandel kann nur auf Kompensationsbasis erfolgen. Für jede Summe, die Thüringen Waren beispielsweise an die Provinz Hannover verkauft, muss [umgekehrt] 2 Hannover in gleicher Höhe Waren an Thüringen verkaufen. Ein anderes Handelsprinzip ist nach der jetzigen Lage der Dinge nicht denkbar. 2. Da die Liste der Waren, die in andere Zonen verkauft werden können, beschränkt ist, kann nur der Verkauf von solchen Waren genehmigt werden, die in der Provinz nicht limitiert sind, und aus anderen Zonen ist der Einkauf nur von solchen Waren möglich, die für unsere Provinz unerlässlich sind und die für den Verkauf in andere Zonen freigegeben sind. Es stellt sich die Frage: Wer weiß besser, welche Rohstoffe und Waren die Thüringer brauchen – ich oder die deutsche Handelsverwaltung 3 in Berlin? Außerdem sieht die aufgestellte Instruktion vor, dass eine Firma Formulare auf Ein- oder Ausfuhr einreicht, eine Handelserlaubnis erhält und handelt. Theoretisch mag das gehen, praktisch aber nicht. Zum Beispiel: Eine Autofirma bei uns braucht Autoreifen, und wenn sie die Reifen in der Provinz Hannover kaufen will, verlangt man von ihr, als Gegenleistung medizinisches Glas zu verkaufen. Wie aber kann die Autofirma den Verkauf von medizinischem Glas zusagen, wenn sie es nicht hat und nicht haben darf? Ich könnte noch tausende weitere Beispiele anführen, zumal der Interzonenhandel für mich nichts Neues ist.Deshalb schlage ich ein anderes Verfahren dieses Handels vor, das ich bei uns schon lange vor Ausgabe des Befehls Nr. 05 etabliert habe. Bei mir ist ein „Wirtschaftsstab“ beim Präsidenten Thüringens eingerichtet, dessen Vertreter in andere Zonen fahren und im Namen der deutschen Verwaltung 4 Thüringens Verträge mit deutschen Verwaltungen in der amerikanischen oder englischen Zone abschließen. Und beide [vertragsinteressierte] 5 Verwaltungen, oder – wie die Deutschen sie nennen – „Regierungen“ – garantieren die Erfüllung dieser Verträge, wenn sie von den Militäradministrationen der einen und der anderen Provinz genehmigt worden sind. Das ist einfacher, verlässlicher und gibt uns die Möglichkeit, im Interesse der gesamten Provinz einzukaufen und zu verkaufen und nicht nur im Interesse einer einzelnen Firma.Als Muster lege ich für Sie Kopien zweier Handelsverträge bei, die zwischen Thüringen und den Provinzen Groß-Hessen / Amerikanische Zone / und Hannover / Englische Zone / abgeschlossen wurden. Ich sehe keine Gründe, warum ein solches Verfahren des Interzonenhandels nicht gesetzlich verankert werden sollte. Es wäre nur noch erforderlich, den Durchlass der Warenzüge betreffend übereinzukommen, aber auch in diesem Falle könnte man den [jeweiligen] 6 Chef der SMA beauftragen, diese Frage mit der Eisenbahnverwaltung der alliierten Zone an Ort und Stelle selbst zu klären. Wenn man jedoch den Interzonenhandel in die Hände der Deutschen Verwaltung für Handel und Versorgung legt, wird sie diese wichtige und notwendige Sache vor den Baum fahren, weil sie physisch nicht in der Lage sein wird, mit all diesen Formularen klar zu kommen, und nicht kompetent ist [zu entscheiden], 7 was in der einen oder anderen Provinz zu Wirtschaftszwecken gebraucht wird. Im besten Fall wird sie die Formulare abstempeln und dann monatelang irgendwo einstauben lassen, was der Sache auch nicht dient.Deshalb bitte ich, das Verfahren des Interzonenhandels nochmals zu überdenken und diese Arbeit den Chefs der SMA anzuvertrauen.Nötigenfalls kann ich mich ja jederzeit um Hilfe an Sie wenden, was den Deutschen manchmal gar nicht in den Sinn käme. Für die Bilanzen kann ich nicht schlechter als die Deutschen geradestehen, zugleich kann ich sie zwingen einzukaufen, was die Industrie und die Landwirtschaft Thüringens brauchen und nicht das, was irgendeine Firma zu Spekulationszwecken einkaufen würde.Ich bitte, mir Ihre Meinung zu den hier angesprochenen Fragen mitzuteilen.Chef der Verwaltung der Sowjetischen Militäradministration des Landes ThüringenGarde General-MajorKolesnitschenko

Quelle: Gosjudarstwenny archiw Rossijskoj Federazii [Staatsarchiv der Russischen Föderation, Moskau], f. 7184, op. 1, d. 13 [Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, Z 47 F, Film Nr. 90176], Bl. 2r, 3r (russisch, ms. Ausfertigung); übersetzt v. Elke Scherstjanoi (Berlin).

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