Nr. 89
4. Januar 1946
Rundfunkansprache des Landespräsidenten Rudolf Paul im Sender Weimar

Weimar, den 7. Januar 1946 (PIT)
Dr. Paul am 4. 1. 1946 im Sender Weimar, 19.15 Uhr.

Wenn ich heute zum ersten Mal über den Sender Weimar spreche, so denke ich unwillkürlich an das Weimar meiner Jugend zurück, wie ich es kennenlernte und jahrzehntelang erlebte.Es war eine etwas leicht verträumte Residenz. Jeder Besucher, mochte er kommen, von woher es auch war, wurde mit dem Betreten der Stadt ein anderer. Er schraubte die Geschichte um hundert Jahre und mehr zurück und geriet von stiller Besichtigung und innerhalticher Aufnahme immer tiefer in die Goethe- und Schillerjahre Weimars hinein.
Das Weimar von heute zeigt sich dem Besucher in völlig veränderter Gestalt. Dem Hitlerismus war es vorbehalten, das Zusammenhängende und Harmonische des Stadtbildes von Grund auf zu zerstören. Anstatt die kalten Kolossalbauten der Nazipartei an den Rand der Stadt zu setzen, wurden im Innern Weimars unter Zerreißung des Stadtbildes in zwei Teile ganze Häuserviertel niedergelegt, um dort im krassen Gegensatz zum Geist von Weimar eiskalte Bauruinen erstehen zu lassen. Der Gefreite, der sich selbst den größten Architekten der Deutschen [nannte] 1 – und worin nannte er sich nicht der größte? – wollte ein für allemal der ersten Kultur- und Wallfahrtsstätte Deutschlands den brutalen Stempel aufdrücken, daß auch er einmal dagewesen war.
In dem alten Fürstenhaus am Fürstenplatz spürt man förmlich manchmal noch eine Atmosphäre devoten Untertänigseins verflossener monarchistischer Minister, das ränkespielende Flüstern von hochfürstlichen Geheimräten und das Rauschen von Frauenröcken, deren Trägerinnen dereinst nicht minder fleißig an den Intrigen mitspannen. –Die neue Zeit, der Zusammenbruch mit seinen Aufballungen an Arbeit läßt zum Weiterspinnen solcher Gedanken keinen Raum. Im Weimar von heute wird gearbeitet und nicht leichthin konferiert oder lustig pokuliert.
Ein Land will aus der Not herausgeführt werden!Einen, in seiner Totalität so erschreckenden Zusammenbruch, wie ihn die Maisonne des Jahres 1945 beschien, kennt die gesamte deutsche Geschichte nicht. Auf allen Gebietes des Lebens starr[t]en uns Trümmer an: vernichtetes Reich, geschlagene Wehrmacht, bankrotter Staat, zerbombte Städte, lahmgelegter Verkehr, gefährdete Ernährung, untergrabene Moral, Aufhebung aller Rechtsgarantien, verlorenes Nationalgefühl. Es war ein solches Überschneiden zahlloser und schreiendster Nöte des Landes, daß es einem förmlich den Atem raubte, und daß Tag und Nacht kaum die Stunden hergaben, um mit den Ballungen von Schwierigkeiten fertig zu werden. Es hat Mut dazu gehört, sich bei klarer Erkenntnis dieser Tatsachen an die Aufräumung des Trümmerfeldes heranzumachen, zumal die Übernahme solcher Arbeit zusätzlich und zwangsläufig ein gehäuftes Maß an innerem und äußerem Verschleiß, Unverstand und Undank im Gefolge hat. Und wenn ich in diesem Zusammenhang einige Ausschnitte meiner Arbeit gebe, so kann ich es tun, weil sie nicht der Glorifizierung, sondern zur Parallelsetzung der Arbeit meiner Mitarbeiter und all der Männer und Frauen dienen, die ausnahmslos nicht verzagten, sondern mit allem Können und Wollen daran gingen, die schier unüberwindbar scheinenden Berge von Arbeit zu bewältigen.
Der zweite Tag meiner Amtstätigkeit in Weimar wird mir immer in besonderer Erinnerung bleiben. Da standen nach und nach acht Landräte Thüringens in meinem Zimmer und schrieen förmlich die Not ihrer Landkreise hinaus. 2 Es fehlte an jeglichem Verkehr. Rund hundert zerstörte Eisenbahnbrücken waren die Erbschaft, die die Wehrmacht uns hinterließ. So drohten in dem einen Teil des Landes große Gemüsemengen zu verfaulen, nach denen man in anderen hungerte. Die Reparatur der Brücken mußte zwangsläufig eine Anzahl Monate dauern. Solange aber durfte der Verkehr, der Transport wichtiger Lebensgüter nicht ins Stocken geraten, wenn nicht grausamste Not da und dort auftreten sollte. Zur Überbrückung der Verkehrsschwierigkeiten war daher das einzige und geeignete Mittel der Kraftwagen. Doch es fehlt[e] an Benzin. 80 Tonnen war der Tagesausstoß der Brabag in Zeitz, als ich von Marschall Shukow persönlich zwecks Steigerung der Produktion mit ihrer Oberleitung beauftragt wurde. Es galt, hier mit voller Kraft einzusetzen, denn diese geringe Menge war für den sowjetisch besetzten Raum Deutschlands völlig ungenügend. Die Arbeiter haben es vollbracht. In 56 stündigen Schichten und mehr wurde gearbeitet. Das Problem Benzin wurde gelöst. Die Tagesleistung stieg von Woche zu Woche. Sie beträgt seit geraumer Zeit 600 Tonnen am Tag: Das ist die Friedensleistung!
In den Bergschächten, den Industriewerken, Eisenbahnreparaturwerkstätten, an den zerstörten Eisenbahn- und Straßenbrücken – rund 247 gingen insgesamt in die Luft – überall im ganzen Land begann ein Hämmern und Schaufeln, ein Aufräumen und Aufbauen, tackten Traktoren auf den Feldern, Autos auf den Straßen: Es war ein Land, fest entschlossen, gegen die durch den Nazismus bescherte Not mit allen Mitteln anzukämpfen. Das Eisenbahn- und Straßennetz ist heute nahezu restlos wieder hergestellt.
Wen soll ich nennen, ohne die anderen zurückzusetzen! Die Eisenacher Arbeiter, welche ihre in Trümmer geworfenen Fabrikgebäude der ehemaligen BMW-Werke in zahllosen unbezahlten Überstunden so weit erstellten, daß sie schon wieder Kraftwagen produzieren? Die Arbeiter der Olympia-Werke in Erfurt mit ihren Schreibmaschinen? Die Firma Carl Zeiß mit ihren 8 000 Arbeitern? Unsere Bergarbeiter mit ihrem über hundertprozentigen Soll? Jedes Aufzählenwollen versagt, denn rund 5 000 Industriebetriebe – genau 89,6 % – der thüringischen Industrie arbeiten, und rund eine Million Thüringer stehen im Arbeitsprozeß. Wie aus einem Nichts wurde dieses Ergebnis erstellt. Ich brauche nicht zu sagen, welches Übermaß an Kraft aufgebracht werden mußte, um das zu erreichen. Die sowjetische Militär-Administration war uns dabei ernsthafter und erfolgreicher Mithelfer. – Die Zahl der rund 5 000 arbeitenden Betriebe wäre schon längst überschritten, bestünde nicht die Verknappung an Waggons, Rohmaterialien, Kohle und Elektrizität. Heute besitzen wir kaum noch ein Zehntel der Friedensmenge an Waggons und Lokomotiven, und auch sie sind zum großen Teil reparaturbedürftig. In dreißig Eisenbahnreparaturwerkstätten wird mit äußerster Kraft gearbeitet, etwa 250 ist der Durchschnitt der täglich reparierten Wagen.
Die Kohlenverknappung hoffen wir in Zusammenarbeit mit dem Land und der Provinz Sachsen in einigen Monaten aus eigener Kraft beheben zu können. Die thüringische Industrie ist vorwiegend Veredelungs- und Exportindustrie. Sie ist infolgedesssen auf den Bezug von Rohstoffen und Halbfertigfabrikaten angewiesen. Früher war die Wirtschaft Deutschlands weltwirtschaftlich orientiert. Man bezog von dem jeweils günstigsten Platz des Weltwirtschaftsraumes das, was man gebrauchte. Heute sind wir auf uns angewiesen, und auch das ist leider noch zu viel gesagt, denn durch das deutsche Land ziehen sich gleich chinesischen Mauern Demarkationslinien, die einen fließenden Wirtschaftsverkehr zwischen den einzelnen Zonen verhindern. Wir gehen in das Jahr 1946 mit der Hoffnung hinein, daß das von den Alliierten in den Potsdamer Beschlüssen dem deutschen Volk gemachte Zugeständnis, Deutschland als wirtschaftliche Einheit zu behandeln, seine Verwirklichung erhält.
Auf dem Gebiet der Landwirtschaft haben wir etwas 90 % der Wintersaat im Boden. Der Bestand an Großvieh ist gut. Der Schweinebestand mit rund 50 % bedarf der pfleglichen Behandlung und Aufzucht. Ich muß es mir versagen, zum Vergleich die Zahlen anderer Provinzen und Länder zu nennen, in denen der Krieg blindwütig nahezu alles zertrat, und wo infolgedessen eine Ernährungslage herrscht, an der wir nicht achtlos vorübergehen können. Darum müssen wir von unseren Beständen abgeben, wenn wir nicht zusehen wollen, daß deutsche Menschen aus Hunger umkommen. Mit Vieh, Fleisch, Butter und Getreide helfen wir fast bis an die Grenze der Selbstaufgabe. Die eigene Ernährungslage hält sich darum knapp auf der Grenze des Tragbaren.
Nicht unerwähnt lassen möchte ich die große Arbeitslast, die auf den Schultern meines nächsten Mitarbeiters, des Herrn Vizepräsidenten Busse, ruht. Die Durchführung der Bodenreform, des Befehls 124 und der gesamte Aufbau der Polizei von Grund auf sind sein höchst persönliches Werk.
Der Gesundheitszustand im Lande kann als befriedigend bezeichnet werden. Bisher blieben wir durch schnellen Einsatz von Ärzten, Medikamenten, Massenimpfungen, Einrichtung von ärztlichen Kontrollstellen und anderen Vorsichtsmaßnahmen von Seuchen verschont.
Lokal aufgetretene Fälle wurden mit Erfolg eingedämmt.
Die Säuglingssterblichkeit, die eine der traurigsten Nachkriegserscheinungen ist und die in manchen deutschen Ländern erschütternde Zahlen aufweist, wollte in Thüringen auch Fuß fassen. Wir haben ihr alles entgegen geworfen, um die Unschuldigsten unter uns vor unverdientem Schicksal zu bewahren. Der Erfolg ist da. Ich hoffe, wir werden in Kürze den Friedenssatz von 6 % erreichen.
Zur ersten Betreuung der Umsiedler dienen 160 Übergangs- und Quarantänelager. Die Zahl der Ostumsiedler und Heimkehrer beträgt zur Zeit rund 515 000. Weitere werden hinzu kommen. Diese Menschen sind zum erheblichen Teil in größter Not. Bei allem eigenen Bedrängtsein dürfen wir eins nicht vergessen, daß sie alle Deutsche sind. Um diese Sorgen und Kümmernisse und die der Nazikriegsfolgen und Winternot im ganzen Land zu lindern, hatten sich schon seit Monaten freiwillige Helfer aus dem Volk, aus den Vertretern der vier antifaschistischen Parteien, der Freien Gewerkschaften und der Kirchen gemeldet. Sie taten sich zusammen, und es entstand eine große, alles erfassende Volksbewegung der Selbsthilfe, die Thüringen-Aktion gegen Not. Dem Aufruf dieser Thüringen-Aktion wurde freudig entsprochen. Mit ungeheurem Eifer wird in ihrem Rahmen allerorts gesammelt, gegeben, gearbeitet, produziert und geholfen.
Die Kriegsschäden im Land betragen rund eine Milliarde Mark. Von diesen haben wir in den Monaten des Jahres 1945 ein gutes Drittel behoben. Für den Neuaufbau ist beim Landesamt für Kommunalwesen eine Planungsgemeinschaft gebildet, der unter anderem die Professoren der Bauschule sowie Baustoffexperten angehören. Das Gesetz zum Wiederaufbau zerstörter Städte und Dörfer schafft die rechtliche Grundlage für planvolles und schnelles Vorgehen.
Das Vertrauen der Bevölkerung zum Land, seiner Ordnung und seinen Finanzen findet in den Bankeinlagen seinen sichtbarsten Niederschlag. Sie betragen bei einer Einwohnerzahl von nicht ganz drei Millionen an die 700 Millionen Mark. Wir haben ein geordnetes Kommunalwesen, einen von Grund auf neu aufgebauten Steuer- und Finanzapparat und eine von Grund auf neu aufgebaute Justiz. Die Gesetzgebungsabteilung des Landes gilt als vorbildlich. Das kulturelle Leben ist überall mehr als angelaufen. Alle 300 000 schulpflichtigen Kinder sind eingeschult. Unsere Friedrich-Schiller-Universität in Jena hat ihre Vorlesungen wieder aufgenommen. Die thüringischen Theater spielen, die Konzerte werden begeistert besucht.
Unsere Mühen und unser Mut haben sich gelohnt. Viele von uns dürfen mit Stolz sagen: Ich war mit dabei, dürfen für sich und unser Land aus Fausts Monolog den Satz in Anspruch nehmen: „Im Anfang war die Tat!“ –
Es heulen keine Sirenen mehr. Keine Splitter- und Brandbomben, keine Granaten, Mg’s und Giftgase bedrohen mehr unser und unserer Kinder Leben, unser Haus und Hof, unser Hab und Gut. Wir kämpfen nicht mehr für Hitler und seine Wahnsinnsideen, wir kämpfen um den Bestand unseres Volkes. Wir sind in den letzten Monaten ein beachtliches Stück vorwärts gekommen. Wir sind, um ein bekanntes Bild aus der Seefahrt zu gebrauchen, noch nicht im Hafen, aber wir sehen vor uns sicheres Land. Es sind noch einige Wintermonate zu überwinden. Noch manche Schwierigkeit wird kommen, und es wird manchmal hart auf hart gehen. Beißt die Zähne zusammen! In unserer Beharrlichkeit und in unserem Mühen werden wir nicht nachlassen, und ich möchte für 1946 an alle die, denen es ernst um die Wiedergesundung unseres Volkes ist, die Parole ausgeben:
Gleich – SchreitenGleich – FühlenGleich – Wollen.
Wir müßen im Gleichtakt bleiben, denn nur so bleiben wir auf ein und derselben Linie, hinkt keiner nach, gibt es keine Lücken, in die der Lindwurm Zwietracht sich einschieben kann. Das neue Jahr muß uns in einer einheitlich geschlossenen Phalanx finden, an der alle Versuche der Reaktion und des Faschismus von vornherein zerschellen.
Unser politisches Fühlen sei ausschließlich beherrscht von den Gedankengängen der Demokratie. Die Demokratie des Jahres 1946 ist zwangsläufig eine andere als die auf 1918 folgende, denn der Uhrzeiger der Welt bleibt nicht stehen. Die Demokratie von heute hat als Grundnenner das Wort „kämpferisch“. Sie wird nicht errungen durch leeres Gerede, nicht durch Daumendrohen im Klubsessel, sondern durch die Tat. Wir müssen jetzt ein neues Deutschland selbst gestalten, nachdem wir nicht in der Lage waren, das Naziregime aus eigener Kraft zu stürzen. 1919 wurde geredet, 1946 werde gehandelt!
Uns allen muß als heißes Wollen gemeinsam sein die wirtschaftliche und politische Wiedervereinigung des uns verbliebenen deutschen Raumes. Thüringen erbringt durch außerordentliche Opfer an Nahrungsmitteln sichtbarste Beweise für die Zusammengehörigkeit und den Erhalt deutschen Volkes. Es ist unser aller Wunsch, daß alle deutschen Länder sich baldigst in diese Linie des Volkserhaltes mit einschieben und daß für sie wie für uns der Ruf gilt: Unser aller Vaterland heißt Deutschland!

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 250, Bl. 20r-26r (ms. Ausfertigung).

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