Nr. 88b
23. Januar 1946
Bericht des Landesbankpräsidenten Alphons Gaertner an Landespräsident Rudolf Paul

Der Präsident der Landesbank ThüringenWeimar, den 23.1.1946An den [ Eingangsstempel der Präsidialkanzlei ] 1
Präsidenten des Landes ThüringenHerrn Dr. P a u lW e i m a r

Sehr geehrter Herr Präsident!Die Landesbank Thüringen üermittelt in diesen Tagen der Presse einen kurzen Bericht über die thüringischen Banken im Jahre 1945. Bei der immer noch problematischen und labilen Situation des Geld- und Währungswesens ist naturgemäss eine gewisse Zurückhaltung geboten. Diese Situation wird solange andaueren, als nicht eine einheitliche Geld- und Währungsordnung im Reichsgebiet geschaffen ist. Auch in weiten Kreisen der Bevölkerung ist das deutliche Gefühl vorhanden, dass es einer endgültigen Regelung dieser wichtigen Fragen noch bedarf. Zur Zeit ist kein Grund zu der Annahme vorhanden, dass in der sowjetrussischen Zone irgendwelche Massnahmen beabsichtigt sind, die eine Aenderung des bisherigen Zustandes bezwecken. Nachdem in unserer Zone eine Neuordnung des Bankenwesens bereits im Juli v.J. durchgeführt worden ist, besteht auch keine Veranlassung zu neuen Massnahmen. Dagegen wird sich für die übrigen Zonen zweifellos das Bedürfnis herausstellen, solche Massnahmen durchzuführen, wobei es dahingestellt bleiben kann, ob das russische Vorbild nachgeahmt wird oder ob andere Lösungen angestrebt werden.Im einzelnen ist zur Entwicklung in Thüringen folgendes zu bemerken:
1.) Die Einlagen haben eine geradezu rapide Entwicklung genommen. Sie zeigen in allen Kreditinstituten folgendes Bild:
(in 1.000. – Reichsmark)
August - Sept. - Okt. - Nov. - Dez.
Kontokorrent- undGiroeinlagen92.901 - 248.320 - 382.608 - 426.263 - 694.108
Spareinlagen19.923 - 88.398 - 102.266 - 127.495 - 192.261
Insgesamt112.824 - 336.718 - . 484.872 - 553.758 - 886.369
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Nach dem Stande vom 15.1.1946 betragen die Gesamteinlagen bei allen thüringischen Kreditinstituten
1,020 Milliarden Reichsmark.
Damit ist zweifellos ein erheblicher Teil der gehorteten Geldbestände mobilisiert worden.
2.) Kredite. Die thüringischen Banken haben seit August v.J. rund 100 Millionen Reichsmark Kredite gegeben. Dabei ist die Landesbank allein mit rund 75 Millionen Reichsmark beteiligt. Die Stückzahl der gewährten Kredite beläuft sich auf 23 552. Es sind also ca. 10 % der Einlagen wiederum als Kredite hinausgelegt worden. Dieses Verhältnis der Anlagen zum Einlagenbestand ist auch bei allen anderen Landesbanken festzustellen. Das Missverhältnis zwischen den hereingenommenen Geldern und den herausgelegten Krediten bedeutet für die Banken naturgemäss eine erhebliche Belastung. Das bei den Banken deponierte Geld erfüllt seinen volkswirtschaftlichen Sinn nur, wenn es zu produktiven Zwecken der Wirtschaft zugeführt wird. Die Landesbank und alle anderen Kreditinstitute sind natürlich stark daran interessiert, produktive Kredite in grossem Umfang zu gewähren. Es wird deshalb jedes volkswirtschaftlich gerechtfertigte Kreditbedürfnis befriedigt.
3.) Sparkonten Die Zahl der Sparkonten beträgt bei allen Instituten 311 000, die Zahl der Giroeinlagen 156 000. Es ist immerhin beachtlich, dass der Sparwille sich trotz des Schocks der Guthabenblockierung in deutlicher Weise ausdrückt. Die Einlagen bei den Sparkassen allein belaufen sich auf 354 Millionen Reichsmark.
4.) Zwischenguthaben. Wir sind bestrebt, im Benehmen mit der S.M.A. die Zwischenkonten, d.h. die zwischen dem 8.5.1945 und dem Tage der Bankenschliessung entstandenen Guthaben, voll zu aktivieren. Zu diesem Zweck hat sich die S.M.A. in kategorischer Form bereit erklärt, die seinerzeit beschlagnahmten Barbestände von 206 Millionen RM zurückzugeben. Bis jetzt haben wir bereits 69 Millionen in bar zurückerhalten. Die übrigen Beträge sollen uns durch die russische Feldbank bei der Verrechnungsstelle in Potsdam 2 gutgeschrieben werden. Trotzdem fehlen zur Deckung dieser Zwischenguthaben noch etwa 130 Millionen RM, die wir aus Debitoren, die vor dem 8. Mai bestanden haben, hoffen decken zu können. Wir zahlen bereits jetzt Vorschüsse auf diese Zwischenkonten aus, und zwar RM 300-,-- auf Sparkoten und RM 1000,-- auf laufende Konten. Darüber hinaus können unverzinsliche Kredite gewährt werden. Die Frage der Zwischenkonten, deren Anerkennung durch die S.M.A. stets bejaht wurde, hat uns wie auch allen anderen Landesbanken ausserordentliche Schwierigkeiten bereitet.Ich gebe Ihnen diesen gedrängten Bericht, dessen ziffernmässige und sonstige Angaben für Ihre öffentlichen Aesserungen sicherlich von Interesse sein werden.
Ich bin mit besten EmpfehlungenIhr sehr ergebener Dr. Gaertner

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 436, Bl. 32r-34r (ms. Ausfertigung).

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