Nr. 86
18. Dezember 1945
Landespräsident Rudolf Paul: Zur ersten Weihnacht des Friedens

PIT Weimar, den 18. Dezember 1945
Zur ersten Weihnacht des Friedens

Thüringer!
Von der Straße klingt kein Jubeln der Kinder in unsere Stube. Kein großer Gabentisch steht unterm Weihnachtsbaum. Die Berge von Kuchen und Stollen von einst, der große Braten und so viele der kleinen Freuden des Festes fehlen. Zertrümmerte Häuser, aus deren Fenstern früher der Glanz der Weihnachtskerzen strahlte.
Millionen Deutsche, heimat- und existenzlos geworden, klagen in einem düsteren Zug von tausendfältigem Weh und Leid die verbrecherischen Machthaber von gestern an.
Wer ist unter uns, der nicht einen und oft noch mehr unser unserem Herzen nahestehende Menschen betrauert. Wie millionenfach gehen in dieser Weihnachtsnacht Gedanken des Sehnens, des Hoffens, des Bangens hinaus in eine ungewisse Ferne über ein ungewisses Geschick.
Tiefe gemeinsame Trauer über das Schicksal unseres Volkes, das verbindende Gefühl gemeinsamer Lebens- und Seelennot umschließen uns in dieser ersten Weihnacht des Friedens.
Mütter, Väter, wenn Euch Kinder verblieben, so denkt an sie, drückt eigenes Leid zurück. Jugend hat Recht auf Leben. Und du, Jugend, so du aus der ersten Kindheit heraus bist, werde reif in dieser schweren Zeit unseres Volkes, steh mit heißem Herzen zu ihm.
Leid in dem Ausmaße unserer Tage ist vom Einzelnen nicht zu überwinden. Darum hat sich unser Thüringer Volk in seiner Aktion gegen Not zusammengefunden. Wahrer Opfersinn, wahre Liebe zur Heimat und zum deutschen Blut haben sich tausend-, hunderttausendfältig gezeigt. Ein Land, das – selbst in tiefer Bedrängnis stehend – sich im Kampfe gegen schweresGeschick zahlloser Bedürftiger aufs engste verbinde, erbringt den Beweis, daß es zum Kampfe gegen die Not in unserer Heimat wie gegen die im deutschen Volke fest entschlossen ist.
Thüringer, entgegen der Übung lügnerischer Regierungen vor mir, sage ich Euch: schwere, harte Wintermonate stehen uns bevor. Es wird noch da und dort ein Rückschlag kommen. Die Schwierigkeiten in der Heranschaffung der Kohle und der Rohstoffe sind noch nicht überwunden. Aber sie sind nicht so, daß wir daran scheitern. Laßt an keinem Ort und zu keiner Zeit irgend eine Schwäche aufkommen, bleibt stark im Willen zum Neuaufbau und zum Erhalt unseres Volkes. Zeigt der Welt, daß Schwache in Verbundenheit zusammen stehend unmöglich Scheinendes vermögen. Wir sind eines Blutes, wir tragen ein und dasselbe Geschick. Denkt daran in dieser ersten Weihnacht des Friedens und erhaltet es Euch im Herzen.
Dr. Rudolf PaulPräsident des Landes Thüringen

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 249, Bl. 131r, 132r (ms. Ausfertigung).